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Zum Wohle der "Kunden": Der Pfarrer als "Firmenchef"

Eine Pfarrei funktioniert in weiten Teilen wie eine privatwirtschaftlich aufgestellte Firma mit vielen Unternehmensbereichen. Sie hat viele Mitarbeiter – und einen, der die Linie vorgibt; in der Pfarrei St. Franziskus ist das Pfarrer Klaus Waldeck.
Der Chef setzt ein Zeichen der Demut: Pfarrer Klaus Waldeck bei der Fußwaschung am Gründonnerstag. Der Chef setzt ein Zeichen der Demut: Pfarrer Klaus Waldeck bei der Fußwaschung am Gründonnerstag.
Kelkheim/Liederbach. 

Die Zeiten, in denen der Herr Pfarrer insbesondere in ländlicheren Gegenden einen leichten Hauch Pater Braun in sich trug, eine gestandene Haushälterin für das leibliche Wohl und eine freundliche Mitarbeiterin im Pfarrbüro für Ordnung sorgte, sind lange vorbei. Nicht, dass es heute an Freundlichkeit fehlen würden. Im Gegenteil: die rückläufigen Zahlen haben auch bei der Kirche schon vor vielen Jahren Umdenkungsprozesse in Gang gesetzt – aber längst sind aus den noch vor vier Jahrzehnten überschaubaren Verwaltungseinheiten mit Kirche, Gemeindesaal und Pfarrhaus Organisationsstrukturen eines mittelständischen Betriebs geworden.

„Stimmt schon. Wir sind inzwischen schon zu einer Firma mit vielen unterschiedlichen Aufgabenbereichen gewachsen“, unterstreicht der Pfarrer der katholischen Pfarrei St. Franziskus, Klaus Waldeck: „Der Unterschied zu den meisten anderen Firmen ist, dass man beim Elektroinstallateur sehr genau weiß, was die machen, bei uns manchmal nicht!“

Was natürlich weniger auf die Inhalte bezogen ist, als auf die Vielfältigkeit der „Dienstleistungen“, die die „Firma“ St. Franziskus ihren knapp 12 000 „Kunden“ anbietet. Wobei an diesem Punkt schon die nächste Einschränkung fällig ist. 11 800 Katholiken sind in der „Pfarrei neuen Typs“, die vor zwei Jahren in Kelkheim und Liederbach durch die Zusammenlegung der Kirchengemeinden St. Martin in Hornau, St. Franziskus in Kelkheim, Heilige Dreifaltigkeit in Fischbach, St. Dionysius in Münster und St. Marien in Liederbach entstanden ist, natürlich nur der zahlende Teil der „Kunden“.

Zentrale Anlaufstelle

Kirche aber steht mehr denn je jedem offen. Und das, wenn es nach Pfarrer Waldeck geht, möglichst zu klaren Zeiten. Deshalb ist er froh, mit dem zentralen Pfarrbüro in Münster (Kirchplatz 7) seit Oktober 2016 über eine gut ausgestattete und personell ausreichend besetzte „Firmenzentrale“ zu verfügen. „Zentral heißt für uns eben auch erreichbar und zwar nicht nur über den Anrufbeantworter. Das hat mich immer schon bei anderen Pfarreien gestört“, bringt der „Chef“ sein Anliegen auf den Punkt: „Kirche hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Die Volkskirche von früher hat ausgedient. An ihre Stelle rückt eine Kirche, in der es darum geht, gemeinsam Verantwortung zu tragen.“

Klaus Waldeck, der seit sieben Jahren in Kelkheim ist, ist von Amts wegen Vorsitzender des Verwaltungsrats und natürlich Chef der pastoralen Mitarbeiter. Außerdem ist der Priester Dekan des Bezirks Main-Taunus, „dem organisatorischen Bindeglied zwischen den Pfarreien und dem Bischof in Limburg, also dem Bistum“. Über mangelnde Arbeit muss er sich allein wegen dieser Doppelbeanspruchung nicht beklagen.

Wobei sein Unternehmen bei vielen Bereichen auf Zusammenarbeit und Vernetzung setzt; zum Beispiel bei Kindergärten: „Die Verantwortung ist unendlich groß und ich könnte sicher nicht ruhig schlafen, wenn ich mich nicht auf hervorragende Mitarbeiter in der kompletten Struktur und das große Netzwerk, das natürlich von Limburg zusätzliche fachliche Unterstützung erhält, bauen könnte. Ich bin ja schließlich kein Kindergarten-Fachmann und will das auch gar nicht sein“, erklärt Waldeck sehr nachvollziehbar. Immerhin sechs Kindergärten zählen zu seinem Verantwortungsbereich.

Ohne Parteipolitik

Themenwechsel: Wie sieht der Pfarrer den Spagat zwischen Seelsorger und Chef des Verwaltungsrats? „Ich finde, man muss streiten und trotzdem anschließend gemeinsam den Gottesdienst feiern können“, sagt Klaus Waldeck. Er ist überzeugt: „Kirche muss sich einmischen und wird es zwangsläufig tun. Es muss Anliegen sein, die Menschen dazu zu bringen, sich aus der politischen Verantwortung heraus zu engagieren.“

Auch in diesem Punkt bietet sich über das Netzwerk – in diesem Fall die Verbände wie Kolping oder Katholische Arbeitnehmer Bewegung (KAB) breite Unterstützung. „Aber bitte fernab von Parteipolitik“, mahnt der Pfarrer. Also kein Don Camillo und Peppone etwa im Zusammenhang mit der aktuellen Debatte zum alten Pfarrhaus in Kelkheim? „Da wohnen zwei Seelen in meiner Brust. Es ist wichtig Dinge zu erhalten und zu pflegen, aber auch Wohnraum fällt nicht vom Himmel.“

Wie viel Prozent vom Tag bleiben Pfarrer Waldeck für das, was ihn einst angetrieben hat, Priester zu werden: die Seelsorge? „Etwa ein Drittel der Arbeit ist vom Verwaltungshandeln geprägt, doch das soll bald besser werden. Wir wollen hier in Kelkheim neue Wege gehen und die 50-Prozent-Stelle eines Verwaltungsleiters besetzen. Das könnte ein Betriebswirt, ein Jurist, ein Verwaltungsmann oder auch ein erfahrener Kaufmann sein“, ist Klaus Waldeck überzeugt: „Wenn sich der Richtige findet, dürfte das eine große Entlastung sein.“

Das Prioritäten-Muss

Schließlich ist es oft ärgerlich, wenn die Verwaltungsarbeit überhand nimmt und man ständig Prioritäten setzen muss. Selbst dann, wenn es nur darum geht, mal zum Handball oder zum Fußball zu gehen. „Wir haben schließlich viele tolle Vereine – im Fußball kicken Kelkheim, Hornau, Oberliederbach und Ruppertshain alle in der Kreisoberliga – da schafft man eigentlich nur die Derbys. Ich kann ja schließlich keinem bestimmten Verein meinen Segen zukommen lassen“, lacht der Mann, der als Student selbst gegen den Ball getreten hat, sich aber dann entscheiden hat, sonntags lieber zum Gottesdienst zu gehen.

Nichts schönreden

Stichwort Gottesdienst: Die Kirchenbänke werden statistisch betrachtet immer leerer. Was unternimmt der Firmenchef? „Erstens müssen wir sehen, dass der Boom der Kirche in den 1970ern auch von den geburtenstarken Jahrgängen beeinflusst war. Damals waren auch die Vereine noch randvoll. Zweitens will ich nichts schönreden: Der Missbrauchsskandal und die Limburger Geschichte haben zu einem Vertrauensverlust geführt. Außerdem ist es heute grundsätzlich eben nicht mehr so selbstverständlich, dass man dazu gehört. Für mich zählt aber vor allem eins: Wenn wir feststellen müssten, dass Austritte hier in der Gemeinde verursacht würden, wäre das schlimm. Grundsätzlich können wir doch nur dagegenhalten indem wir vermitteln: Hier kann man etwas mitgestalten“, sagt der passionierte Briefmarkensammler, der am Ostersonntag wie immer auf den Segen seines obersten Dienstherren in Rom verzichten muss: „Statt Franziskus in Rom ist dann heilige Messe in St. Franziskus in Kelkheim.“

Wobei die Nähe zum Papst – „in Punkto Glaubwürdigkeit kommt sehr viel rüber“ – sich Ostern einmal mehr in einer besonderen Zeremonie gezeigt hat. Der „Chef“ hat beim Gottesdienst mit der Kroatischen Gemeinde die Füße von Gläubigen gewaschen. „Als Zeichen der Demut!“ O-Ton: „Ich bin eben nicht nur der Frontmann. Ich bin Teil und nehme beispielsweise am Karfreitag auch den Tod eines guten Bekannten mit in den Gottesdienst . . .“

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