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Der andere Blick auf Hofheim

Im Jahr 1956 zog es viele Menschen ins Umland - die Hofheimer Altstadt verfiel. Hermann Jughenn bannte die alten Häuser auf Film. Diesen besonderen Blickwinkel zeigt eine Ausstellung im Stadtmuseum.
Hermann Jughenn Hermann Jughenn
Hofheim. 

Es muss ein sonniger Markttag im Jahr 1956 gewesen sein, als Fotograf Hermann Jughenn über das Kopfsteinpflaster der Mühlgasse spazierte. Eine Frau mit gepunkteter Schürze fiel ihm auf. Sie wandte ihr Gesicht von ihrem Gemüsestand ab. Ein Schirm schützte Kartoffeln und Bohnen vor der Sonne, Tomaten schienen begehrt - die Kunden hatten zugegriffen. Jughenn drückte auf den Auslöser.

"Heute ist die Mühlgasse dichter bebaut", weiß Roswitha Schlecker vom Stadtarchiv und pinnt ein aktuelles Bild neben das historische Dokument. Die Ausstellung im Stadtmuseum mit Fotos, die Jughenn 1956 von der Hofheimer Altstadt geschossen hat, lebt vom direkten Vergleich. Deswegen hängt neben jedem alten Bild ein zweites. Dieselbe Situation, 57 Jahre später. Renate Hofmann, Mitglied der Bürgervereinigung Hofheimer Altstadt, war dafür wochenlang mit der Kamera unterwegs.

Die Arbeit der beiden Frauen hat sich gelohnt. Am Sonntag eröffnet die Sonderausstellung mit dem besonderen Blickwinkel auf verwinkelte Gassen und schiefe Fachwerkhäuser. Jughenns Enkelin, Ingeborg Luijendijk, hat die Werke beim Aufräumen entdeckt. Rund 100 Dias stapelten sich in den Kisten, die 40 interessantesten haben Schlecker und Hofmann zusammengesucht. "Die Bilder sind ein kleiner Schatz", berichtet Hofmann. "Sie sind die ältesten Farbbilder, die wir von Hofheim haben."

Wandel erleben

Was bewegte die Stadt zu dieser Zeit? Schlecker deutet auf die zwölf Tafeln, die im Ausstellungsraum verteilt stehen. Konrad Adenauer regierte als Kanzler, die ersten Gastarbeiter kamen in den Main-Taunus-Kreis, und der Wohnungsmangel der Nachkriegsjahre trieb die Menschen in die Randbezirke. "Die Leute hatten Ansprüche, sie wollten Anschluss an die Kanalisation, fließend Wasser und Strom. Deswegen bauten sie im Umland", weiß Schlecker. Dieser Fortschritt machte vor der Altstadt jedoch Halt. Die Häuser zerfielen, kaum jemand wollte darin wohnen.

Das war wohl auch der Grund für Hermann Jughenn, seine Leica-Kamera zu schultern und durch die Straßen zu streifen. Schon damals diskutierten die Lokalpolitiker über Flächensanierungen. Jughenn, vermuten Schlecker und Hofmann, wollte die historische Bausubstanz erhalten - wenigstens auf Film. Er arbeitete bei der Bahn in Frankfurt, hatte 1920 sein Haus in Hofheim gekauft und engagierte sich als Heimatforscher. Jughenn starb 1967 im Alter von 79 Jahren. Ein Selbstporträt am Eingang der Ausstellung erinnert an den Fotografen: Ein schmaler Mann mit Fältchen um den Augen, der schüchtern in die Kamera lächelt.

"Das Besondere an der Ausstellung ist, dass man so gut nachvollziehen kann, wo sich die Stadt verändert hat - und wo die Zeit stehen geblieben zu sein scheint." Hofmanns Blick wandert zu einem Abzug, der ein Fachwerk an der Hauptstraße zeigt; es hat sich kaum verändert. Gleich daneben hängt das andere Extrem: Pappeln ließen früher ihre Zweige träge in den Schwarzbach hängen. Heute ist der grüne Flurstreifen einer Betonwüste gewichen.

Viel Nachbearbeitung

Eines möchten die beiden Organisatorinnen allerdings betonen: Die Arbeit, die hinter jedem der Bilder steht. Durchschnittlich vier Stunden hat Fotograf Herbert Fischer in die Aufbereitung jedes der Dias gesteckt. Die vielen Jahre in dunklen Kisten haben ihre Spuren hinterlassen. Kratzer und eingetrocknete Staubpartikel ziehen sich über wolkenlosen Himmel. Fischer scannte die Dias ein, verbesserte Helligkeit und Kontrast am Computer, holte das Beste aus den matten Farben der 50er Jahre heraus. Wie viel Geld diese Prozedur pro Bild kostete, kann man nur vermuten. Die Organisatorinnen lassen aber durchblicken: Um die 100 Euro werden es gewesen sein. Dass sie einmal für so viel Geld aufgehübscht würde, hätte die Frau auf dem Foto mit dem Gemüsestandbild sicher nicht gedacht.

Die Ausstellung im Stadtmuseum, Burgstraße 11, startet am 3. März und läuft bis zum 19. Mai. Sie ist dienstags von 10 bis 13 Uhr, dienstags bis freitags von 14 bis 17 Uhr sowie am Wochenende von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 4, ermäßigt 3 Euro.

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