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Die Flucht vor dem Fluglärm

Von Mit den eigenen Händen und der Hilfe der Nachbarn bauten sie 1998 ihr Heim auf, das sie nun mit Verlust verkauften.
Regina Hohenadel demonstriert, warum sie und ihre Familie wegziehen: Bei Ostwind ist der Lärm über der Rheinallee nicht auszuhalten. Fotos: Nietner Bilder > Regina Hohenadel demonstriert, warum sie und ihre Familie wegziehen: Bei Ostwind ist der Lärm über der Rheinallee nicht auszuhalten. Fotos: Nietner
Flörsheim. 

Das gelbe Reihenhaus in der Rheinallee sollte ihr letzter Wohnsitz werden. Regina und Johannes Hohenadel leben seit 1998 im Neubaugebiet Nord. Das Paar hat neun Kinder, von denen sechs noch immer Schulen oder Kindergarten in der Mainstadt besuchen. Auch Regina Hohenadel und ihr Mann sind in Flörsheim zur Schule gegangen. "Wir hatten auch geplant, hier alt zu werden", sagt die Mutter. Seit der Eröffnung der Landebahn Nordwest am Frankfurter Flughafen hat sich die Lebensplanung der Großfamilie verändert. Mit sechs Kindern, zwei Aquarien, ihren Hasen und den Schildkröten wollen die Hohenadels in den Osterferien ihre Heimat verlassen. Sie folgen zahlreichen Flörsheimern, die in den vergangenen Monaten vor dem Lärm geflohen sind.

Straße wandelt sich

Bald gehören die Hohenadels zu den bekannten Gesichtern, die aus dem Wohngebiet verschwunden sind: "Auf der Straße kommen einem schon lauter Fremde entgegen", erzählt Regina Hohenadel von dem stetig voran schreitenden Wandel in der Straße. Teilweise habe sie fünf bis sechs Verkaufsschilder gleichzeitig an den Häusern in den Rheinallee gesehen. Wochenlang seien regelmäßig Umzugslaster vorgefahren, berichtet die Flörsheimerin. Für viele Nachbarn habe relativ schnell fest gestanden, dass sie den Verkauf ihres Hauses im Rahmen des Casa-Programmes beantragen wollen. Familie Hohenadel hielt zunächst in Flörsheim aus. "Wir wollten den Sommer abwarten", sagt Regina Hohenadel. Schließlich stecken viele Erinnerungen und jede Menge Arbeit in ihrem Häuschen in der Rheinallee.

Sonderurlaub für Hausbau

Das Ehepaar hatte das Reihenhaus 1998 in einer sogenannten Gruppenselbsthilfe gemeinsam mit den Nachbarn aufgebaut. Alles außer dem Keller sei in Eigenleistung gestemmt worden, erzählt Regina Hohenadel. Anders sei das Heim damals nicht finanzierbar gewesen. Durch die Zusammenarbeit mit den Nachbarn sei eine tolle Gemeinschaft entstanden. "Wir haben uns in einem Ausnahmezustand kennengelernt", beschreibt die Mutter die Erfahrung, die viele Anwohner in ihrer Ecke der Rheinallee zusammen schweißte. Auch die Verbindung zu ihrem Haus ist durch die geleistete Arbeit besonders eng. Regina Hohenadel erinnert sich daran, wie ihr Mann mehrere Wochen Sonderurlaub nahm, um den Ausbau voranzutreiben. "Wir haben alles mit unseren eigenen Händen erschaffen."

Erste Zweifel an der Zukunft ihrer Heimat kamen im Oktober 2011 auf. Die Eröffnung der neuen Landebahn sei ein Schock gewesen, erzählt Regina Hohenadel. Fluglärm habe es in Flörsheim zwar schon immer gegeben, aber mit diesem Ausmaß habe niemand gerechnet. "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man uns das zumutet", betont die Hausfrau. Ihre Familie erlebte alle negativen Auswirkungen der Überflüge, die schon so oft beklagt wurden. Die Belastung habe vom frühmorgendlichen Aufwachen bis zum unerträglichen Lärm im Garten gereicht. Die endgültige Entscheidung, ihr Zuhause zu verlassen, sei gefallen als die direkten Nachbarn, mit denen sich die Hohenadels sehr gut verstanden, wegzogen. "Mein ganzes Umfeld bricht weg", meint die Flörsheimerin.

"Wir haben es uns nicht leicht gemacht", kommentiert die langjährige Rheinallee-Anwohnerin die Entscheidung. Ihr Familie ist in der Mainstadt verwurzelt: Ehemann Johannes ist gebürtiger Flörsheimer, Regina Hohenadel lebt seit ihrer Schulzeit in der Mainstadt. Die Kinder haben seit ihren Kindergarten jeweils Freundeskreise aufgebaut, die nun langsam auseinander brechen. In den Schulen seien schon viele Klassenkameraden ihrer Kinder weggezogen, berichtet Regina Hohenadel. Sie musste ihre Kinder nicht lange überreden, aus der Einflugschneise wegzuziehen. "Sie haben von sich aus gesagt, dass sie nicht mehr hier bleiben wollen, weil es ihnen zu laut ist." Lesen Sie weiter:

Ölfilm auf dem Teich

Die neunfache Mutter weiß mittlerweile, wie der Fluglärm auf die Psyche schlägt. Die Kinder seien gereizt und ihr selbst gehe es auch nicht gut, erklärt Regina Hohenadel. Sie hat miterlebt, wie ihr fünfjähriger Sohn auf der Straße zu weinen begann, weil seine Mutter ihn wegen des Lärms nicht mehr verstehen konnte.

Regina Hohenadel befürchtet aber noch weitere Auswirkungen neben dem Lärm: "Wir wissen ja gar nicht, was wir unseren Kindern zumuten", sagt die Mutter mit Blick auf die Schadstoffe in der Luft. Sie habe beobachtet, dass sich nach mehreren Überflügen ein Ölfilm auf ihrem Gartenteich bildet. Schließlich beantragte auch Familie Hohenadel den Verkauf an Fraport im Rahmen des Casa-Programmes. Bevor eine Einigung zustande kam, fanden die Flörsheimer aber einen privaten Abnehmer für ihr Reihenhaus. Den ursprünglichen Wert ihres Hauses erhalten die Hohenadels trotzdem nicht wieder. "Wir haben mehr reingesteckt, als wir jetzt bekommen", erklärt Regina Hohenadel. Um ein neues Haus für die noch im elterlichen Haushalt lebenden sechs Kinder zu finden, das sie finanzieren konnten, musste die Familie weit entfernt suchen. In den Osterferien werden die Hohenadels in den Westerwald ziehen.

Für ihre körperliche und psychische Gesundheit nehmen sie einige Nachteile in Kauf: Die Einkaufsmöglichkeiten seien nicht so ideal wie in Flörsheim, die Schulen seien nicht zu Fuß erreichbar und Johannes Hohenadel muss jeden Tag mit dem ICE zur Arbeit nach Frankfurt fahren.

"Wir müssen komplett neu anfangen", so Regina Hohenadel. Ohne die Belastung durch die Nordwest-Landebahn – da ist sie sich sicher – wäre sie nie auf die Idee gekommen, das Neubaugebiet Nord zu verlassen. "Ich wurde meiner Heimat beraubt", erklärt die Flörsheimerin.

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