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"Die Mauer des Schweigens durchbrechen"

Der Theologe ist Experte für Hexenverfolgung und hat sich auch mit einem Fall in der Mainstadt beschäftigt. Damals starben ein 21-Jähriger und seine beiden jüngeren Schwestern im Feuer.
Er untersucht anhand von historischen Dokumenten die Hexenprozesse: der evangelische Pfarrer Hartmut Hegeler.	Foto: privat Er untersucht anhand von historischen Dokumenten die Hexenprozesse: der evangelische Pfarrer Hartmut Hegeler. Foto: privat
Flörsheim. 

Wer im 17. Jahrhundert der Hexerei bezichtigt wurde, den zwang die Obrigkeit mit barbarischer Folter zu falschen Geständnissen. Dabei wurde oft kein Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern gemacht. "Diese Teufelssekte wurde als so gefährlich eingeschätzt, dass die Angst vor dem Terror des Teufels schwerer wog als die Betrachtung des Einzelnen", sagt Hartmut Hegeler, Autor zahlreicher Bücher über die Hexenverfolgung.

Der 66-Jährige ist evangelischer Pfarrer und setzt sich seit langem bundesweit für die Rehabilitation der Opfer von Hexenprozessen ein. Er weist darauf hin, dass auch in der Mainstadt Kinder und junge Menschen verurteilt und hingerichtet wurden. Die klassische Volljährigkeit im heutigen Sinne gab es laut Archivaren damals nicht, doch die Angeklagten im folgenden Fall sind 21 Jahre oder jünger.

Bei seiner Recherche stützte Hegeler sich auf das Buch "Hexenprozesse zwischen Main und Taunus" von Franz Luschberger sowie die Flörsheimer "Apollonia"-Erzählung von Peter Becker. "Luschberger beschreibt das Schicksal der Kinder von Jakob Schad aus Flörsheim", erklärt Hegeler. Die Kinder seien in den Protokollen, die der Amtmann von Höchst den Weltlichen Räten in Mainz zuschickt habe, mehrfach der Hexerei beschuldigt worden. Die drei jungen Menschen seien verhaftet, vernommen und am 9. Juni 1617 zunächst ohne Folter verhört worden. "Als die Geschwister jede Schuld von sich wiesen, begann die peinliche Befragung", sagt Hegeler. Also die Folter.

Schwester belastet

"Der 21 Jahre alte Johann Schad erklärte den Schultheißen und Gerichtsschöffen, dass er den Herren nichts Böses zu sagen hätte", so Hegeler. Erst unter der Folter habe der junge Mann ein Geständnis abgelegt, in dem von angeblichem Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Schadenszauber und Teilnahme am Hexensabbat die Rede gewesen sei. Über seine Schwester Margreth Schad werde berichtet, dass sie beim Verhör gesagt habe, sie sei "ein braver Mensch". Erst in der Folterkammer habe sie Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Schadenszauber und Teilnahme am Hexensabbat gestanden. "Als dem 19 Jahre alten Mädchen die Beine zerquetscht wurden, bezichtigte sie auch ihre jüngere Schwester Ela", schildert Hegeler. Die 17-Jährige gestand im darauf folgenden Verhör wie gewünscht Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Schadenszauber und Teilnahme am Hexensabbat.

Alle drei Geständnisse konnten natürlich nur eine Folge haben: "Die Weltlichen Räte in Mainz stellten am 26. Juni 1617 fest, dass sich die drei Geschwister Schad nach ihren Geständnissen der Absage an Gott und der Zusage an den Teufel, der Tötung von Menschen und Vieh und des Schadenszaubers schuldig gemacht hätten", berichtet Hegeler aus den Unterlagen. "Die Mainzer Juristen kritisierten jedoch die konfusen Verhörprotokolle, wonach die Vorschriften für peinliche Verhöre nicht beachtet worden waren." Nichtsdestotrotz wurde gegen alle drei die Todesstrafe verhängt, die Hinrichtung fand am 6. Juli 1617 statt.

Keine Rücksichten

Seit 2001 beschäftigt sich Hegeler, angeregt durch Fragen von Schülerinnen, mit dem Thema Hexenprozesse und der möglichen Rehabilitation der Opfer, die durch weltliche Gerichte verurteilt worden sind. Im Jahr 2000 gründete er den Arbeitskreis "Hexenverfolgung in Westfalen", der sich 2005 in "Arbeitskreis Hexenprozesse" umbenannt hat. Hegeler schätzt, dass es bei etwa fünf Prozent aller Hexenverfolgungen um Angeklagte im Kindes- oder Jugendlichenalter ging. "In Friedrichsdorf wurden ganz viele Kinder angeklagt und verurteilt, in Detmold waren es 30", zählt er auf. Die Angst der Menschen sei damals mit der heutigen Angst vor Terrorismus vergleichbar gewesen. "Die Leute haben damals in dem Glauben gehandelt, die Menschheit zu retten", sagt der Theologe nachdenklich. Außerdem habe man für Missernten und andere Naturphänomene schlicht einen Sündenbock gebraucht.

Über die Bemühungen der Hattersheimerin Stephanie Werner, die von den städtischen Gremien die Rehabilitation der damals in Flörsheim verurteilten angeblichen Hexen fordert (das Kreisblatt berichtete), sagt Hegeler: "Das ist wichtig, denn vieles muss in den Geschichtsbüchern der Köpfe umgeschrieben werden." Allerdings gibt der Pastor auch zu bedenken: "Ein Freispruch geht immer nur auf moralischer Ebene; juristisch kann man das kaum aufarbeiten, weil aus dieser Zeit viele Akten unvollständig sind." Er selbst engagiert sich seit Jahren mit Publikationen und konnte im Juni einen großen Erfolg verbuchen: Hegeler erreichte den nachträglichen Freispruch von 37 wegen Hexerei zum Tode verurteilten Frauen und Männern sowie einem Kind vor dem Kölner Stadtrat. "Die Mauer des Schweigens muss durchbrochen werden", schildert er seine Motivation. Hegeler hat auch selbst zu den Flörsheimer Hexenprozessen recherchiert und Nachkommen der Familie Schad gesucht – allerdings ohne klares Ergebnis. "Der Name taucht bis heute auf, aber viele können ihren Stammbaum gar nicht so weit zurückverfolgen", berichtet er. Allerdings glaubt der Experte, dass das nur einer der möglichen Gründe ist: "Manchen ist eine Verbindung zwischen einem Hexenprozess und ihrer Familie heute noch unangenehm."

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