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Gespickte Tierköder in Münster: Drei Nägel sind noch in Luis’ Bauch

Von Seit Monaten werden immer wieder gespickte Tierköder in Münster und jetzt auch in Kelkheim ausgelegt. Die Polizei ermittelt, die Betroffenen appellieren an das Gewissen eines solchen Täters.
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Münster. 

Schlecht geht es Luis nicht. Doch er muss sich schonen. „Er weiß gar nicht, warum ich nicht mit ihm spielen kann“, sagt sein Frauchen Dagmar Deyhle. Der Mischlingshund kann nicht wissen, welche verheerende Speise er am Mittwochmorgen auf der Wiese hinter der Anne-Frank-Schule gefressen hat: Es war eine jener Frikadellen, die – mit Nägeln präpariert – schon seit Wochen immer wieder vor allem in Münster verteilt werden. Drei Nägel sind noch in Luis’ Bauch, die anderen vier habe er erbrochen, berichtet der Kelkheimer Tierarzt Philipp Krug, bei dem das Tier behandelt wird. Der dreieinhalb Jahre alte Mischling bekommt Sauerkraut, das die Nägel binden soll, und Paraffin als eine Art Abführmittel. So hofft Dagmar Deyhle, dass sie um eine Operation ihres Tieres herumkommt.

„Jeder hat jetzt Angst“

Die mit Nägeln gespickten Leckereien – mal kleine Frikadellen, mal Fleischwurst – halten die Hundebesitzer vor allem in Münster, spätestens seit Mittwoch auch in Kelkheim, in Atem. Denn am Großen Haingraben wurden ebenfalls Köder entdeckt – zum Glück, bevor ein Hund zubeißen konnte. „Jeder hat jetzt hier Angst“, sagt Marie Luise Schwarze, die selbst Fleischstücke in Münster entdeckt hat. Sie betont, dass die Polizei längst sensibilisiert sei und „sofort kommt“. Deren Sprecher Markus Hoffmann bestätigt, dass im aktuellen Fall „die Ermittlungen laufen“. Er weiß von Fällen mit Rattengift-Tierködern in Wiesbaden, Täter seien allerdings nie gefasst worden. Wie sein Kollege Daniel Kalus-Nitzbon betont, sei die Sachlage schwierig. Erst wenn dem Tier etwas Schlimmes passiere, könnten empfindliche Strafen drohen. Allerdings machen alle Befragten, die das Kreisblatt zu diesen Fällen gestern erreicht hat, eines deutlich: Wer auch immer solche Köder auslege, den müsse längst ein schlechtes Gewissen plagen.

Ärger anders ausdrücken

Und wer steckt dahinter? „Das kann alles sein: von schlechten Erfahrungen mit Tieren bis zum Ärger über Hundekacke“, sagt Polizeisprecher Hoffmann. Rosemarie Hippel, Vorsitzende des Tierschutzvereins Kelkheim, geht in jedem Fall von einem Hundehasser aus. Sie ärgere sich ja auch über liegengelassenen Kot, „das darf aber nicht so weit gehen, dass ich einen Hund so sterben lasse“, stellt sie klar. Über die zurückbleibenden Tretminen schimpft Luis’ Frauchen ebenso. Mit präparierten Ködern „bestrafen die Leute aber die Hunde und nicht die Besitzer“, findet Dagmar Deyhle. „Es wird deswegen nicht weniger Hunde geben.“

Aufmerksam sein, anleinen, Tausch-Leckerli geben

Aufpassen, aufpassen“, rät Marie Luise Schwarze allen Hundehaltern zur Vorbeugung. Alle anderen Tierfreunde, die das Kreisblatt befragt hat, können nur zustimmen.

clearing

Auch die Tierärzte reagieren mit Unverständnis. Eine „Schweinerei“ nennt es Philipp Krug. Schließlich können von den Ködern auch „jegliche Wildtiere betroffen sein“. Ebenso wie streunende Katzen, fügt seine Kelkheimer Kollegin Yvonne Ilief an. Sie erinnert sich an eine Hündin in ihrer Praxis, die eine solche Frikadelle in Münster gegessen, aber samt der zwei Nägel zum Glück gleich wieder erbrochen hatte. Und sie nennt solche Vorfälle „grauenhaft“. Von einer „Katastrophe“ spricht Katharina Kessler von der Hofheimer Tierklinik: „So etwas erfüllt uns mit großer Besorgnis.“ Von aktuellen Fällen in der Klinik kann sie nicht berichten und warnt auch vor voreiligen Schuldzuweisungen. Aber die Tierärztin weiß: Wenn ein Hund einen Köder gegessen hat, „bedarf es einer sofortigen Behandlung, denn es besteht schlimmste Gefahr, dass innere Organe verletzt werden“. Die Liederbacher Tierärztin Ruth Riechert hatte bisher vor allem Vergiftungsfälle. Allerdings könnten sich Hundehalter „nicht gegen alles schützen“, weiß sie (siehe „Info“).

Fälle mit präparierten Ködern sind der Hessischen Tierschutzbeauftragten Madeleine Martin bekannt, bisher meist mit Gift und Glassplittern. Sie weiß aber: „Es kam nie zu einer Anklage.“ Sie kontrolliere regelmäßig die Urteilsdatenbanken, habe bisher aber nicht ein Verfahren gefunden, „das vor Gericht gelandet wäre“. Ihr ist das Thema vor allem durch Presseanfragen bekannt, von offizieller Seite – wie den Tierärzten – werde es aber kaum an sie herangetragen. Sie könnte sich auch vorstellen, dazu einmal über die Hessische Tierärztekammer eine Abfrage solcher Fälle zu machen. Madeleine Martin erklärt: „Wer Hunde mag, tut so etwas nicht. Das muss eine tiefe Ablehnung sein.“ Bei den Motiven könne es die ganze Bandbreite sein – von Leuten, die einmal gebissen wurden bis hin sogar zu religiösen Dingen.

Dagmar Deyhle mag darüber gar nicht spekulieren. Sie hofft, dass ihr Luis gesund bleibt. Sie habe die Frikadelle am Wegrand zwar gesehen, doch so schnell, wie er zuschnappte, „habe ich gar nicht reagieren können“. Bei der Suche auf der Wiese habe sie dann noch zwei weitere Frikadellen mit Nägeln gefunden. Die Halterin zieht nun ihre Konsequenzen: Wenn sie mit Luis im Stadtgebiet unterwegs ist, soll er einen Maulkorb anziehen. Davon hält Tierarzt Krug nichts. Aber er bringt die ganze Schweinerei letztlich auf den Punkt: „Man kann seine Abneigung gegen Hunde sicher auch anders artikulieren.

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