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Er weckte die Taunusperle

„Er gab uns Licht und Wasser. Hoch lebe unser alter Gasser.“ Dieser Trinkspruch fiel zu seinem 80. Geburtstag. Womit eigentlich fast alles gesagt ist.
Der Grabstein der Gassers steht noch im Rathauskeller.	Foto: mkn Bilder > Der Grabstein der Gassers steht noch im Rathauskeller. Foto: mkn
Eppenhain. 

„Seine rastlose Energie und Initiative, die alle Schwierigkeiten überwinden half, brachte das Dörflein als Luftkurort zu Ehren und der freundliche alte Herr darf nun im Silberhaar, allgemein verehrt und hochgeachtet, die Früchte seines Schaffens gedeihen sehen.“ Das schrieb die Hotel- und Fremdenzeitung im Juli 1911 über August Gasser und bezeichnete den „würdigen Patriarchen gewissermaßen als den ,Fürsten von Eppenhain’“. Heimatforscher und Bürgermeister Franz Caspar Fischer fand 1985 in seinem Beitrag „Eppenhain im Taunus“ nicht weniger lobende Worte für den ehemaligen Dorflehrer: „Gasser wollte nicht nur in Eppenhain seinen Lebensabend verbringen, weil es ihm hier gefiel, er wollte dem Dorf auf die Beine helfen, und zwar durch Fremdenverkehr. August Gasser, der diese schöne Fleckchen Erde auch der Mitwelt nahe brachte, hat den Namen ,Entdecker von Eppenhain’ verdient.“ Ganz so weit will Kelkheim Stadtarchivar Dietrich Kleipa nicht gehen. Auch andere Bürger haben zum Aufschwung des kleinen Ortes beigetragen, weiß er. Dennoch: „Gasser war schon ein Wortführer und Antreiber.“ Und daher erinnert das Kreisblatt an jenen Mann, der heute auf den Tag genau vor 100 Jahren kurz nach seinem 80. Geburtstag starb.

„Nicht nur in Eppenhain – dem Luftkurort, dem August Gasser seine Gründung und sein Gedeihen verdankt – wird der Tod des bis ins hohe Greisenalter unermüdlich tätigen Mannes mit Trauer empfunden werden“, heißt es im Nachruf der Wiesbadener Zeitung von 1914. Und auch Kleipa schrieb später selbst in seiner Chronik besondere Wort über einen besonderen Mann: „Eppenhains Entdeckung und neuzeitliche Bedeutung als Luftkurort und Ausflugsstätte ist das Werk des Lehrers August Gasser.“ Der Mann habe „es verdient, dass eine Straße nach ihm benannt wird“, schloss Kleipa seinen Aufsatz im Jahr 1985.

Doch wer war dieser „Heilsbringer“, der den Ort mit 152 Einwohnern im Jahr 1834 gut sieben Jahrzehnte später aus dem Dornröschenschlaf weckt? Geboren im Westerwald, verschlägt es ihn, nach einer Lehrerausbildung und Berufserfahrungen in Österreich, 1864 nach Eppenhain – im Alter von 30 Jahren. Obwohl er dort heiratet und 1866 sein Sohn August zu Welt kommt, bleibt Gasser nur drei Jahren in dem Dorf. 1867 tritt er eine neue Stelle in Wiesbaden an. 1895 kehrt er als Pensionär zurück. „Er hat Eppenhain nicht vergessen und sich den 30 Jahren, in denen er fort war, Pläne ausgedacht, die er nun verwirklichen wollte“, schreibt Fischer in der Chronik. Noch im selben lässt Gasser die erste Pension im Ort, das Haus „Montesita“, bauen. Heute steht dort das Georg-Leber-Haus, für das aktuell ebenfalls eine neue Nutzung im Gespräch ist. 1896 errichtet er die Pension „Silvana“ mit einer Speisehalle, nachdem er seine Herberge „Montesita“ verkauft hat. Gasser hat viele Verbindungen zu Persönlichkeiten in der Region, macht zudem fleißig Werbung in Zeitungen und Veröffentlichungen. Er preist die „bevorzugte Lage“, die „wohltuende Wirkung der reinen Bergluft“ sowie die „idyllische Ruhe für erholungsbedürftige Personen“ des Ortes an.

Kur- und Verkehrsverein

Die Eppenhainer schmunzeln anfangs noch über den Senior, später aber reiben sie sich verdutzt die Augen: Viele hundert Touristen strömen in diesen ersten Jahren in den Ort. So sind die Bürger selbst bald bereit, Fremdenzimmer anzubieten. Gasser weist sie an, die Räume „kurgemäß“ einzurichten – ohne Mahlzeiten nehmen sie damals für die Woche zwischen 9 und 12 Mark ein. Der Boom in Eppenhain bleibt nicht unbeachtet: Reiche Unternehmer aus der Region lassen stattliche Villen bauen. Darunter Gassers Sohn, auf den das „Haus Tanneck“ zurückgeht. 1897 ruft Gasser dazu passend den Verschönerungsverein ins Leben, der auch später als Kur- und Verkehrsverein noch für gut ausgebaute Spazierwege und Ruhebänke sorgt.

Dank dieser Entwicklung ist Eppenhain auf der Überholspur – schon im Jahr 1900 gibt es einen Telefonanschluss, 1909 dann – ein Jahrzehnt vor dem großen Nachbarn Fischbach – die erste Wasserleitung (gegen den Widerstand vieler Bürger) und 1911 den Strom.

Nur zwei Tage nach seinem 80. Geburtstag stirbt Gasser – und ein Traum in Eppenhain bleibt unerfüllt: Für die Anbindung des Ortes an eine Eisenbahnlinie setzt er sich vergeblich ein. Das Projekt scheitert an den Kosten. Schließlich setzen nach seinem Tod die beiden Kriege allen Bemühungen ein jähes Ende. Doch in den 50er Jahren blüht der Fremdenverkehr noch einmal auf, seit 1966 ist Eppenhain staatlich anerkannter Luftkurort. Die Erinnerung an Gasser aber bleibt, der Brunnen am Alten Rathaus trägt seinen Namen, und sein Grabstein wird im Rathaus aufbewahrt. Das findet Dietrich Kleipa etwas schade. Er regt an, den Stein am Friedhof oder im neuen Museum zu präsentieren – in Gedenken an einen der ersten Tourismusmanager der Region.

(wein)
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