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Erhöhte Krebsrate in Eddersheim

Von Dr. Wilhelm Barthenheier analysiert seit 2012 alle Todesfälle in seinem Heimatort. Weil er Unterstützung benötigt, um wissenschaftlich fundierte Aussagen machen zu können, wendet er sich nun an die Öffentlichkeit.
Die Krebsrate bei den verstorbenen Eddersheimern ist mehr als doppelt so hoch als der Bundesdurchschnitt. Die Suche nach den Gründen dafür hat allerdings gerade erst begonnen. Bilder > Die Krebsrate bei den verstorbenen Eddersheimern ist mehr als doppelt so hoch als der Bundesdurchschnitt. Die Suche nach den Gründen dafür hat allerdings gerade erst begonnen.
Eddersheim. 

Dr. Wilhelm Barthenheier hat etwas herausgefunden, das ihn beunruhigt. Er weiß, dass es auch andere Menschen beunruhigen wird, deshalb hat er lange gezögert, bis er damit an die Öffentlichkeit gegangen ist. Laute Töne sind sonst nicht seine Art, Panikmache erst recht nicht. Er möchte der Sache aber auf den Grund gehen. Dafür braucht er Hilfe, und die findet er nur, wenn er diese Nachricht publik macht: Von den 43 Eddersheimern, die im vergangenen Jahr gestorben sind, hatten 25 eine Krebserkrankung. Das entspricht einer Krebsrate von 58,1 Prozent. In der Deutschland-Statistik für das Jahr 2011, einzusehen beim Statistischen Bundesamt und Robert-Koch-Institut, ist eine jährliche Krebsrate von 26,7 Prozent erfasst.

Das heißt im Klartext: Von den verstorbenen Bundesbürgern war etwa jeder vierte an Krebs erkrankt. Das auch für 2010 und für 2009 - in den beiden Jahren war die Quote um 1,3 und 1,4 Prozentpunkte niedriger. In Eddersheim trifft die Krebserkrankung für 2012 auf jeden zweiten Verstorbenen zu.

 

Tod im Bekanntenkreis

 

Es hat lange gedauert, bis Wilhelm Barthenheier zu seinem gesicherten Recherche-Ergebnis gekommen ist. Mehrere Todesfälle in seinem Bekanntenkreis hatten ihn aufhorchen lassen. Barthenheier, als Arzt für Arbeits- und Sportmedizin über die Ortsgrenzen hinaus bekannt, nutzte seine Kontakte, um nachzuforschen. Er sprach mit Angehörigen der Verstorbenen, mit behandelnden Ärzten, mit Bestattungsunternehmen und erhielt so einen Überblick über ausnahmslos alle verstorbenen Eddersheimer des vergangenen Jahres.

EXTRA   Das fordert Barthenheier

Dr. Wilhelm Barthenheier sieht nach den Erkenntnissen seiner Recherche die Politik am Zug.

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Doch mit dem Faktum, der Krebsrate von 58,1 Prozent, befindet sich Barthenheier erst am Anfang seiner Recherche, in dessen Kern nun die Frage steht: Woran liegt es, dass es in seinem Heimatort verhältnismäßig viele Menschen an Krebs sterben?

„Zunächst“, sagt Barthenheier, „sind das nackte Zahlen in einer Auflistung. Dahinter stecken Einzelschicksale mit teils langen Leidenswegen.“ Barthenheier stellt heraus, dass die Zahlen noch nichts über die Kausalität aussagen können. „Man sollte aber darüber reden dürfen, und sie sollten Anlass sein, umgehend mit Nachdruck nach den Ursachen zu forschen, um dem Recht auf Gesundheit für die Eddersheimer Einwohner Rechnung zu tragen.“

 

Experte für Eddersheim

 

Barthenheier liegt diese Sache am Herzen. Er ist in Eddersheim geboren, hat sein ganzes Leben in Eddersheim verbracht. Er hat deshalb die Entwicklung des Ortes hautnah miterlebt, mit allen infrastrukturellen Maßnahmen im Umkreis. Also auch „die Historie des Flugverkehrs“, wie er es selbst formuliert. Seit Jahrzehnten liege sein Heimatort in der Abflugschneise des Frankfurter Flughafens, werde bei Westwetterlage am westlichen Ortsrand, teilweise auch direkt überflogen. „Die Luftströme verteilen die Schadstoffe aufgrund der Windrichtung also über dem Ort“, sagt Barthenheier. Die krank machenden Auswirkungen des Fluglärms seien bei objektiver Betrachtung in Fachkreisen auch unbestritten. Bei den Schadstoffen bestehe aber noch Klärungsbedarf.

 

Fehlende Transparenz

 

Der Versuch jeder Transparenz werde von der Politik und der Luftverkehrslobby nicht mit der notwendigen Ernsthaftigkeit betrieben, meint Barthenheier. Er habe bei seinen Recherchen schon Probleme gehabt, zu erfahren, was aus Flugzeugtriebwerken überhaupt ausgestoßen wird. Priorität bei der Ursachenforschung für die erhöhte Krebsrate sollte nach Meinung des Arztes spätestens jetzt die Messung und Bewertung von Schadstoffen haben, die durch den Luftverkehr verursacht werden.

Natürlich, die Anwohner der Bahnhofsstraße und Flörsheimer Straße sind insbesondere durch den Straßenverkehr belastet, zudem führt eine Bahn-Linie im Westen Eddersheims direkt an der Wohnbebauung entlang. Dazu kommen die erwiesenermaßen erhöhten Feinstaubwerte, die in einem Ballungszentrum wie dem Rhein-Main-Gebiet nun einmal bestehen. Das weiß Barthenheier. Solche Belastungen sind in vielen anderen deutschen Kommunen alltäglich. Dennoch differiere die bundesweite Krebsrate so stark mit der Eddersheimer. Barthenheier: „Es muss erlaubt sein, unter anderem die Belastung durch Schadstoffe des Luftverkehrs in diesem Zusammenhang zu diskutieren.“

Barthenheier möchte daran arbeiten, dass seine Erkenntnisse besser interpretierbar werden. Er sei sich darüber bewusst, dass die eine Noxe für Krebserkrankungen bisher nicht gefunden worden sei und einzelne Krebsarten unterschiedlichen Ursachen zugeordnet werden können. Bei geringen Fallzahlen seien auch Zufallsschwankungen nicht auszuschließen.

 

Suche nach Mitstreitern

 

„Für eine stabilere epidemiologische Aussage müsste man höhere Fallzahlen erstellen und die Erkrankungsrate an Krebs mit einer Referenzgruppe vergleichen“, sagt Barthenheier. Über das hessische Krebsregister sind solche Vergleiche nicht möglich. Der Eddersheimer ist nun auf der Suche nach Mitstreitern in anderen Kommunen mit einer vergleichbaren Struktur der Bevölkerung, besonders im Umfeld des Frankfurter Flughafens.

 

Zwischenstand für 2013

 

Seine Untersuchung in Eddersheim setzt Wilhelm Barthenheier fort. Er möchte genauere Zahlen zusammentragen. Nicht nur das Geschlecht und das Alter von Verstorbenen, sondern auch, wie lange die Menschen in Eddersheim gewohnt haben, welche Organe bei ihnen von der Krankheit betroffen waren und wie viel Zeit zwischen Diagnose und Tod vergangen ist.

Die Krebsrate für das erste Quartal diesen Jahres kann Barthenheier bereits beziffern: Sie liegt bei 54,6 Prozent. Bei elf Todesfällen waren sechsmal Krebserkrankungen die Ursache. Durchschnittlich waren die Menschen 70 Jahre alt und lebten 47 Jahre in Eddersheim.

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