E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 18°C

„Es geht um Wahrhaftigkeit“

Von Seit Anfang September ist Sascha Jung Pfarrer von Flörsheim. Dass die Wochenzeitung „Die Zeit“ ihm am Donnerstag fast eine ganze Seite Platz eingeräumt hat, verdankt sich allerdings nicht dieser Tatsache. Den meisten Flörsheimern hat das aber erst klar gemacht, „welche Vergangenheit ihr Pfarrer hat“, wie Sascha Jung es im Gespräch mit dem Kreisblatt selbst formuliert.
Sascha Jung ist als Pfarrer für die katholischen Gemeinden im gesamten Stadtgebiet verantwortlich. 	Foto: Knapp Sascha Jung ist als Pfarrer für die katholischen Gemeinden im gesamten Stadtgebiet verantwortlich. Foto: Knapp
Flörsheim. 

Dass der 38-Jährige vor der Versetzung nach Flörsheim Domkaplan in Limburg war, soviel wussten wohl die meisten. Und mancher erinnert sich auch, dass in manchem Text zur Einführung des Nachfolgers von Frank-Peter Beuler oder in Stellungnahmen zu den Entwicklungen rund um Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst zumindest angedeutet war, dass es da eine „Vergangenheit“ in Limburg gibt, die den jungen Pfarrer nachhaltig geprägt hat. Dass darüber mehr in der Zeitung zu lesen wäre, das hatte Sascha Jung zu jenem Zeitpunkt nicht gewollt.

„Verwundungen“

„Ich hatte schon einiges in Hintergrundgesprächen mit Presseleuten gesagt, das hätte ich aber nicht vor der Kamera getan. Ich war ja damals zum Beispiel bei Maybritt Illner eingeladen gewesen.“ Ein Auftritt, zu dem es nicht kam, weil das Thema der Talkrunde im ZDF ganz kurzfristig geändert wurde. Dass er nun doch von seinen „Verwundungen“ durch Bischof Tebartz-van Elst berichtet hat, begründet Sascha Jung damit, dass er sich erneut geprüft habe angesichts vieler öffentlicher Stellungnahmen, in denen der Limburger Bischof als Opfer einer Pressekampagne hingestellt wurde.

Sascha Jung störte zudem, dass von den Unterstützern des vom Papst beurlaubten Bischofs, allen voran der Präfekt des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein, und der Chef der Glaubenskongregation, Gerhard-Ludwig Kardinal Müller, immer wieder nur auf die Kosten für den Bischofssitz abgehoben wurde. Für den Flörsheimer Pfarrer ein guter Grund, seine Zurückhaltung aufzugeben. „Ich wollte zeigen, was los war“, sagt Jung und darauf hinweisen, dass „wir auf den Bischof gucken müssen, fernab des Boulevard und der 31 Millionen Euro.“

Traumberuf

So erzählte Jung der „Zeit“, wie es ihm ergangen ist als Kaplan am Limburger Dom, wo er sich bespitzelt fühlte. Seine letzte, vielbeachtete Predigt zum Abschied in Limburg soll von Getreuen des Bischofs gar per Aufnahmegeräte mitgeschnitten worden sein. Dass er zwischendurch an dem Punkt angelangt war, wo er alles hinschmeißen wollte, macht Jung öffentlich. Dabei ist Pfarrer sein Traumberuf gewesen, seinen Job bei einer Bank hat er dafür aufgegeben. Sein fester Glaube und die innere Überzeugung, dass die Sache Jesu es wert ist, dafür auch manches einzustecken, lassen ihn mutig den eingeschlagenen Weg weitergehen.

„Es ging mir nie um Karriere“, sagt der Theologe. Das Studium an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, wo eine kirchliche Elite herangezogen wird, hat Jung auf Wunsch des damaligen Bischofs Franz Kamphaus zwar absolviert, verändert hat es seine Grundeinstellung nicht. Die macht ihn furchtlos – weshalb er auch dem Bischof gegenüber klar formuliert hat, was er in seiner Amtsführung für falsch hielt. Dass es „eine Atmosphäre lähmender Furcht“ unter Tebartz gab, wie der „Hofheimer Kreis“ formuliert hatte, wollte Jung durch die Darlegung seiner persönlichen Erfahrungen vor einer breiten Öffentlichkeit, wie sie auch des Bischofs Unterstützer nutzen, noch einmal belegen. „Es ist kein persönlicher Rachefeldzug“, sagt der 38-Jährige. „Mir geht es um Wahrhaftigkeit.“

Anonyme Briefe

Das Echo ist breit – und durchweg positiv. „Die Flörsheimer zeigen eine große Anteilnahme und ich erfahre viel Unterstützung, zum Beispiel auch von meinem Pastoralteam“, sagt Sascha Jung. „Viele sprechen mich an, mailen mir, und sagen: Das haben wir ja so nicht gewusst. Die Leute sind betroffen und erschrocken“, fasst der Pfarrer den Grundtenor der Reaktionen zusammen. Auch deutlich über Flörsheim und den Main-Taunus hinaus erreichten ihn ermutigende Schreiben. „Es ist eine große Solidarität und ein guter Zuspruch aus ganz Deutschland da.“

Dass die „Zeit“ schreibt, Jung sei nach den Jahren als Domkaplan nun „Dorfpfarrer“, dürfte in Flörsheim dagegen weniger Beifall finden. „Ganz sicher keine Strafversetzung“ habe diese Stelle bedeutet, die er wohl guten Fürsprechern zu verdanken hat, „dieser Eindruck ist falsch“, stellt Sascha Jung klar.

In Flörsheim – wie eigentlich überall im Bistum – wird indes die immer noch ungeklärte Situation um Bischof und Bistum, in der alle nun endlich eine Entscheidung wollen, als große Belastung empfunden. „Wir spüren die Spannung, wir haben ja Gegner und Befürworter auch hier in unseren Gemeinden“, sagt Sascha Jung.

Er persönlich hat aber bislang kaum negative Reaktionen erhalten, auch was seine Auftritte in der Fastnacht betrifft. Einen anonymen Aushang und ein paar anonyme Briefe gab’s. Dinge, mit denen der Pfarrer umgehen kann. Den Vorwurf „Netzbeschmutzer“ habe bislang niemand erhoben. „Ich vertraue einfach darauf, dass die andere Seite erkennt, dass da Dinge gelaufen sind, die so nicht laufen dürfen“, sagt Jung. Ob sein Schritt in die große Öffentlichkeit Folgen haben wird für seine berufliche Zukunft, besorgt ihn nicht. „Ich wollte immer Priester werden und Pfarrer. Das bin ich doch jetzt.“

Zur Startseite Mehr aus Main-Taunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen