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Plädoyers: Fall Thielsch: "Er hat den Tod in Kauf genommen"

Von Die Staatsanwaltschaft fordert sechs Jahre und sechs Monate Haft, die Nebenklage eine Strafe im zweistelligen Bereich, und die Verteidigung plädiert auf Bewährung. Das Urteil im Fall Thielsch soll nächste Woche fallen.
Der Angeklagte (Mitte) mit seinen Verteidigern. Foto: Knapp Der Angeklagte (Mitte) mit seinen Verteidigern.
Kriftel/Frankfurt. 

„Ich bin noch immer gelähmt, wie eingefroren.“ Von Trauer übermannt schildert der ältere Bruder der verstorbenen Silke Thielsch, wie der Unfalltod seiner Schwester seit nun mehr als zwei Jahren sein Leben bestimmt. Seinem Job als Manager einer mittelständischen Firma könne er kaum noch nachkommen, keinem Ehrenamt und vor allem nicht der Vater sein, den er seinen beiden Kindern gerne sein würde. Immer wieder sei er in psychologischer Behandlung.

Es sind Worte, die unter die Haut gehen. Mit versagender Stimme hatte vorher schon der Lebensgefährte der Verstorbenen bekundet, wie sehr ihm seine Verlobte fehle, ihm und dem ganzen Ort, in dem die Handballmanagerin so beliebt war.

Gerecht erscheint da keine Strafe. Doch genau diese schwere Aufgabe kommt dem Gericht in seiner Urteilsfindung zu. Gestern standen vor der 21. Strafkammer im Frankfurter Landgericht die Plädoyers an, und die fielen extrem unterschiedlich aus.

Einfach losgefahren

Detailliert schilderte die Staatsanwaltschaft noch mal, was sich am Krifteler Kreisel aus ihrer Sicht in der Nacht vom 5. auf den 6. September 2015 vor den Augen der Besucher des Obstfestes zugetragen hatte. Bei Musik in guter Stimmung hatte der Angeklagte Currywurst und Pommes, dazu ein paar Äppler zu sich genommen, war dann mit den beiden Freunden zum Auto gegangen, dem Mercedes des Vaters. Er sei in Richtung Kreisel gefahren, bis ihn das küssende Paar auf dem Zebrastreifen zum Halten gebracht habe. Wieder sei er angefahren, dann habe ihm der Mann mit einer Handbewegung angezeigt, er solle doch um sie herumfahren. Stattdessen sei der Angeklagte bis an die Beine des Paares herangefahren und dann in unfassbarer Weise einfach los. „Dass er durchs Navi abgelenkt gewesen sei, halten wir für eine Schutzbehauptung.“ Auf die Rufe der Freunde, was er denn mache, habe er nicht reagiert. 5,7 Sekunden lang habe er die Geschädigte auf der Motorhaube sehen können, bis sie plötzlich verschwunden sei. „Den Tod des Paars hat er dabei billigend in Kauf genommen“, so das Fazit der Staatsanwaltschaft. „Ihm war bewusst, dass die Personen keine Möglichkeit hatten, sich in Sicherheit zu bringen.“ Wegen Totschlags und versuchtem Totschlag gegenüber dem Lebensgefährten, der sich durch einen Sprung zur Seite habe retten können, sowie gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr plädiere man für eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten.

Prozess zum Tod von Silke Thielsch am Landgericht Frankfurt (21. Kammer). Gerichtsgebäude E / Saal 8 Bild-Zoom Foto: Knapp
Prozess zum Tod von Silke Thielsch am Landgericht Frankfurt (21. Kammer). Gerichtsgebäude E / Saal 8

Eine Strafe im zweistelligen Bereich fordert die Nebenklage. Das Paar sei Opfer eines „ignoranten, egoistischen und hemmschwellenarmen Menschen“ geworden. Sein Geständnis, das die Staatsanwaltschaft ihm zugute gehalten hatte, könne wegen der Schutzbehauptung nicht als solches gewertet werden.

Harsche Kritik an der Staatsanwaltschaft hagelt es von der Verteidigung. Sie sei ihrer Arbeit nicht nachgekommen, für und gegen den Angeklagten zu ermitteln. Wie Rosinen habe sie sich aus den Zeugensagen herausgepickt, was gegen ihren Mandanten spreche. Wie sehr die Zeugenaussagen voneinander abweichen, macht die Verteidigung an mehreren Beispielen deutlich. Dass Zeugen Sachen ausschmückten, sei dabei kein böser Wille, sondern „unser trügerisches Gedächtnis“. Seien Aussagen allerdings widersprüchlich, müsse man im Zweifel für den Angeklagten urteilen, was hier nicht geschehen sei.

Als „Blaupause“ für den Prozess sehen die beiden Verteidiger ein Urteil des Landgerichts München in einem vergleichbaren Fall. Hier sei ein Taxifahrer losgefahren, obwohl der Kunde noch halb in der offenen Autotür gehangen und sogar hörbar „Stopp“ gerufen habe. Der Kunde sei unter den Wagen gekommen und verstorben. Zwei Jahre wegen fahrlässiger Körperverletzung in minder schwerem Fall mit Todesfolge habe das Münchener Gericht geurteilt. „Genauso sehen wir diesen Fall.“ Einen bedingten Vorsatz sieht die Verteidigung bei ihrem Mandanten nicht. „Er war sich absolut sicher, dass er nichts macht, was auf eine Tötung hinausläuft.“ Daher habe er sich auch nicht des Totschlags schuldig gemacht. Aus seiner Sicht sei die Geschädigte von der Motorhaube zur Seite gefallen. „Wir haben hier einen ganz ungewöhnlichen Kausalverlauf“, sagt die Verteidigung in Bezug auf die unfassbare Tatsache, dass die Verstorbene mit einem Bein im Radlager hängengeblieben und zu Tode geschleift worden war. Zugunsten des Angeklagten seien sein Geständnis und auch die lange Verfahrensdauer von zweieinhalb Jahren zu werten, verbunden mit viel Vorverurteilung und Anfeindungen, in sozialen Netzwerken, Medien und auch auf dem Gerichtsflur.

Keine Wiederholungsgefahr

Besser als wegsperren sei, dass er sich als Auflage während der langen Bewährungszeit weiterhin intensiv mit der Tat auseinandersetze. Wiederholungsgefahr bestehe ja laut des psychiatrischen Gutachtens nicht. Auch wenn die Betroffenheit über den unfassbaren Unfall groß sei, müsse man auch mal die Frage stellen, warum das Paar nicht weggegangen sei vom Zebrastreifen. „Das läuft bei Juristen unter Tatprovokation.“

Für den Fall, dass das Gericht nicht zu einer Bewährungsstrafe kommt, haben die Verteidiger bereits einen Beweisantrag gestellt wegen einer auch bei den Gutachtern strittigen Frage, ob das Bein der Getöteten bei dem Unfall überrollt worden war, was der Angeklagte bemerkt haben müsste, wovon die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer ausgegangen war. Der 27-Jährige entschuldigte sich in seinem letzten Wort erneut bei den Angehörigen. Es tue ihm unendlich Leid. Er gebe alles drum, die Sache ungeschehen zu machen. Wie auch immer das Urteil nächste Woche ausfällt, für die Angehörigen ist es eine wichtige Zäsur, stochert doch der aufwühlende Prozess immer neu in Wunden, die dann vielleicht ganz langsam heilen könnten.

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