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Musik durch Gesten übersetzen: Gehörlose spüren Bass und Beat

Blinde machen professionellen Rock und Pop vom Feinsten. Die Band „Blind Foundation“ zieht regelmäßig alle Menschen in ihren Bann. Zum ersten Mal übersetzte nun Gebärdendolmetscherin Laura M. Schwengber das Musikprogramm und gab Einblicke in die Welt der Gesten und Gebärden. Ein Abend der gelebten Inklusion.
Die Band „Blind Foundation“ spielt mit zwei blinden Musikern und ist schon oft in der Region aufgetreten. Erstmals steht jetzt mit Laura Schwengber eine Dolmetscherin für Gebärdensprache mit auf der Bühne. Foto: Maik Reuß Die Band „Blind Foundation“ spielt mit zwei blinden Musikern und ist schon oft in der Region aufgetreten. Erstmals steht jetzt mit Laura Schwengber eine Dolmetscherin für Gebärdensprache mit auf der Bühne.
Eppstein. 

Die Mitglieder der Band „Blind Foundation“ – Manfred, Markus, Mohamed und Florian – sitzen im Backstage-Bereich. Die letzten Vorbereitungen laufen, die Stimmung ist gelassen. Kein Wunder: Europaweit sind sie bereits unterwegs gewesen, haben von Russland bis Dänemark viele Städte bereist. Initiiert aus einer Idee der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehgeschädigte haben sie sich mit musikalischem Können und gelebter Inklusion einen Namen als gefragte Berufsmusiker gemacht. „Erfolgreich und unvergesslich“, so beschreiben die Gäste die Auftritte der Band.

Die Aula der Freiherr-vom-Stein- Schule in Eppstein ist vollbesetzt. Viele Menschen sind gekommen, denn neben „Blind Foundation“ erwartet das Publikum an diesem Abend noch eine Premiere. Zum ersten Mal wird Gebärdendolmetscherin Laura Schwengber, Grimme-Preisträgerin und professionelle Gebärdendolmetscherin, die musikalischen Beiträge der Band in Gebärdensprache übersetzen und zugleich einen kleinen Exkurs in die Welt dieser offiziell anerkannten, „vollständigen Sprache“ geben. So soll allen Gästen diese spezielle Art des „Redens“ nähergebracht werden.

Ein Pilotprojekt

Das Publikum ist bunt gemischt. Alle eint die Liebe zur Musik. Viele gehörlose Musikliebhaber sitzen im Publikum und freuen sich auf den unterhaltsamen Abend. Manch einer mag nun denken, wie Menschen, die nicht hören können dennoch musikbegeistert sein können. „Das geht selbstverständlich“, erklärt Laura Schwengber. Der Abend verspricht ein Ereignis voller Faszination zu werden.

Manfred Sturm und der Kulturkreis Eppstein haben die Band samt Dolmetscherin nach Eppstein geholt. „Ich bin so stolz, dass uns das gelungen ist. Die Jungs waren gerade in Bremen und nun sind sie hier bei uns“, erzählt Sturm. Im Labyrinth des Hörens in Wiesbaden hätte er das HR2-Kulturprogramm kennengelernt und darüber „Blind Foundation“ und Laura Schwengber. Band und Gebärdendolmetscherin kennen sich schon viele Jahre. Dennoch haben sie nie einen Konzertabend bewusst gemeinsam gestaltet und ausgerichtet. „Dieses Pilotprojekt, wenn man es so nennen möchte, starten wir heute Abend und schauen mal wie es ankommt“, erzählt Bassist und Bandleader Markus Hofmann.

Die eigene Reise

Zweifel an Art und Ausführung des Programms verfliegen bereits mit dem ersten Beitrag. Keyboarder Mohamed Metwalli haut in die Tasten, Gitarrist Florian Hollingshaus gibt alles, und Leadsänger Manfred Scharpenberg nimmt das Publikum mit auf „seine eigene Reise“. Denn das Konzert beginnt mit dem Chartstürmer von der Band „Pur“ „Abenteuerland“. Laura Schwengber steht auch auf der Bühne. Sie tanzt mit den Händen und interpretiert den Song, in Anlehnung an den Songtext „auf ihre eigene Weise“. Die Gäste sind beeindruckt und ob jung oder alt, alle wippen im Takt und fühlen den Beat.

Wolfgang Kaiser sitzt im Publikum. Er trägt ein Hörgerät und ist mit mehreren hörgeschädigten Musikfans aus Fechenheim angereist. Seine anfängliche Skepsis, wie man Musik mit Gebärdensprache verknüpfen kann, weicht schnell der Begeisterung und, obwohl er und seine Clique bereits in den Sechzigern ist, mögen alle die fetzigen Songs.

Das Programm des Abends ist lebendig und emotional. Laura Schwengber gibt immer wieder einen Einblick in die Geheimnisse ihrer „Lieblingssprache“. Sie beschränkt sich nicht nur auf Interpretationen der Liedbeiträge, sondern gestaltet den Abend aktiv. Im Verlauf des Abends lernt das Publikum die Sprache, die wie sie sagt, „auch im Dialekt gesprochen werden kann“, besser kennen und nutzen. „Ik bin Berlinerin. Das kommt auch bei den Gebärden durch“, erklärt sie und lacht.

Schwengber zeigt Gebärden ganzheitlich, also nicht nur einzelne Handzeichen, sondern auch zusammenhängende Gesten mit Körpersprache. Auf einer kleinen Leinwand werden die Gebärden visualisiert. Interaktiv und mit vollem Körpereinsatz erklärt sie die Begrüßungsgebärde zwischen Gehörlosen und animiert zum Mitmachen. Ihr Ziel des Abends ist, „dass wir alle gemeinsam in der Gebärdensprache musizieren.“

Dafür hat sie sich das Lied „Hakuna Matata“ aus dem Musical König der Löwen ausgesucht. Mit hinreißendem Charme und Professionalität gelingt ihr gemeinsam mit „Blind Foundation“ das, was anfangs keiner für möglich gehalten hätte. Ein Abend der gelebten exklusiven Inklusion.

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