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"Golle" war einer der letzten Stars

Nur in einer großen Chronik werden das Baumholen, die Tänze, das Schubkarrenrennen und viele andere Bräuche noch einmal lebendig. Ein Trio gibt die Hoffnung nicht ganz auf.
Friedel Bender, Williheinz Jost und Dieter Trippe (von links) mit ihrer Kerbefahne von 1956. Bilder > Friedel Bender, Williheinz Jost und Dieter Trippe (von links) mit ihrer Kerbefahne von 1956.
Hornau. 

"Golle" war ein gutmütiges Tier und an Menschen sowie Trubel gewöhnt. Also war der Esel das ideale Maskottchen für die Horner Kerb im Jahr 1956. Der Onkel von Dieter und Günter Trippe hielt den Vierbeiner am Hofheimer Meisterturm, dessen Lokal Heine Trippe betrieb. Also machten sich die Trippes mit den anderen Kerweborsch auf, um "Golle" samt kleinem Leiterwagen fürs Kirchweihfest anzuwerben. Das gelang: Während der dollen Tage in Hornau war der Esel eine von vielen Attraktionen – und eine große Hilfe für die jungen Burschen, denn er zog das lebensnotwendige Ebbelwoi-Fass. Den Kerbehammel vermisste in diesem Jahr niemand mehr.

Anekdoten wie diese konnten die Hornauer bis 1962 noch erzählen. Denn so lange gab es eine traditionelle Kerb im Ort – das ist nun genau fünf Jahrzehnte her. Grund genug für das Kreisblatt, zu diesem eher traurigen Jubiläum die drei Altkerweborsch von 1956, Friedel Bender, Williheinz Jost und Dieter Trippe, zu treffen. Ihre Schürzen und Kappen von damals konnten die drei 75-Jährigen zwar nicht mehr finden, dafür aber existiert die von Alois Steyer kunstvoll gemalte Kerbefahne noch.

"Es ist nie zu spät"

Es ist den Herren schon deutlich anzumerken, dass sie das Aus der Kerb vor 50 Jahren sehr bedauern. "Wir hatten es noch einmal versucht Ende der 70er Jahre", erinnert sich Jost. Aber für die Belebung der Kerb "haben wie die Leute nicht zusammengebracht". Heute sei es wohl nicht mehr denkbar, glaubt der Fahnenschwenker von damals, dazu fehlen unter anderem Kerbevereine wie in Münster und Fischbach. "Es ist nie zu spät", findet dagegen Friedel Bender. Er könnte sich ebenso wie Trippe vorstellen, einen Anlauf zu starten. Wenn es junge Leute gibt, die an der Tradition Interesse haben, "würden wir das schon fördern", so Trippe, Vorsitzender des Heimatvereins "Bürger für Hornau". In jedem Fall hat Bender mit Reinhold Reuss eine Kerbechronik geschrieben, "um das alte Brauchtum zu erhalten".

Erzählen könnten die Routiniers den möglichen jungen Kerbefans so einiges. Ihre Jahrgänge 1936/37/38 haben sich damals besonders ins Zeug gelegt, um eine traditionelle Kerb auf die Beine zu stellen. Pater Egbert hatte die Jugendlichen damals so richtig motiviert. Weil teilweise aber die Leute fehlten, wurden eben zwei Kirchweihfeste hintereinander gestemmt. "Wir haben uns viel Müh‘ gegeben und geschaut, dass wir keine Tradition vergessen", sagt Trippe. Schon das ganze Jahr über trafen sich die Kerweborsch einmal in der Woche und legten jeweils eine Mark in die Kasse. Denn so eine Kerb habe damals rund 1500 Mark gekostet, blickt Ex-Kassenwart Bender zurück. Bei den Treffen wurde Franz Müller als "Schlagges" auserkoren. "Der hatte das größte Maul, war ein deutscher Michel", formuliert es Trippe. Dann nahmen die Burschen Verhandlungen mit den Wirten auf, gefeiert wurde in zwei Sälen – im "Taunus" (Schäfer-Jakob) und im "Nassauer Hof". Dort wurde getanzt, und "die Kerweborsch hatten ein schönes Eck", erinnert sich Trippe gerne zurück – denn dort schmuste er erstmals mit seiner späteren Frau Rita.

Doch vor dem Vergnügen stand die Arbeit: Der Baum wurde mit den Traktor samt Hänger im "Gärtchen" am Rettershof gefällt. Beim ersten Versuch knickte die Krone einer rund 30 Meter langen Fichte ab. Doch der Förster war ein netter Mann und ließ die Kerweborsche ein zweites Mal ran. Zudem durften die jungen Leute mit seiner Pistole mal ein paar Schüsse abfeuern, erinnert sich Trippe. Als die Gruppe mit Baum und Stöffche-Fass in der Mitte in Hornau einrollte, waren schon viele Leute auf den Beinen. Es mögen Hunderte, vielleicht sogar Tausende gewesen sein – die Angaben der Altkerweborsch schwanken hier ein wenig. Am Kerbeplatz (wo heute das Vereinshaus steht), auf dem es die klassischen Buden wie Losstand, Zuckerwatte oder "Hau den Lukas" gab, war das 2,50 Meter tiefe Loch für den Baum schon gefällt. Doch die Fichte blieb nicht verschont, die Kelkheimer Kerbeleute hatten sie in der Nacht vermutlich geschält. Letztlich sei es aber wohl ein Polizist gewesen, der für den Streich verantwortlich war, weiß Jost, der während der Nachtwache im Karussell schlief.

Erstmals Mädchen

Viele Traditionen übernahm der Jahrgang, eine Premiere feierte er aber auch: Erstmals nahmen sie Kerbemädchen mit auf die Touren, die genauso mit Kappe und Schürze gekleidet waren. Eine Besonderheit gab‘s beim Kerbetanz im "Taunus": Wirt Heinrich Johann wollte den Burschen "nur" Rheingauer Wein einschenken, doch die Truppe bestand auf ihrem Ebbelwoi – besser als "Kerlesberger Riesling" bekannt. So wurde das Stöffche am Abend statt im Bembel in Rheingauer Weinflaschen ausgeschenkt.

Klassiker wie der Gickelschmiss oder eine Kerbezeitung durften früher bei der Horner Kerb nicht fehlen. Der Umzug am Sonntag wurde von einer Blaskapelle begleitet, und am Montag gab es das traditionelle Schubkarrenrennen mit Schieber und Fahrer vom Alten Spritzenhaus/Friedhof zum Kerbeplatz über immerhin fast einen Kilometer. An drei Tankstellen musste ein Ebbelwoi in einem Zug getrunken werden. An der alten Waage sei immer mal einer in den Liederbach gefallen, erinnert sich das Trio. Der erste Preis war eine Flasche Whisky, berichtet Gewinner Dieter Trippe.

Das Schubkarrenrennen wurde noch bis ins Jahr 1999 ausgetragen, dann aber nach nur zwei Teilnehmern ebenso begraben wie die gesamte Horner Kerb zuvor. Als Gründe geben Bender und Reuss in ihrer Chronik viele Faktoren an: zum einen den Bau des neuen Feuerwehrhauses auf dem alten Kerbeplatz. Zudem schrumpften die Jahrgänge und hatten andere Interessen. Als wichtigen Grund nennen die beiden die Verlegung der November-Kerb – die damals letzte im Main-Taunus-Kreis – in den Juni, "womit ein lange gepflegter Brauch zu Ende ging". Das wiederum hing mit dem Bau der neuen St. Martins-Kirche zusammen. Da das Fernsehen damals Einzug hielt und die Finanzierung der Kerb immer schwieriger wurde, waren "Schlagges" Paul Müller mit seiner Truppe die Letzten einer langen Tradition – die viele Hornauer noch heute sehr vermissen . . .wein

Für 50 Euro ist die fast 140 Seiten dicke Chronik der Kerb beim Verein "Bürger für Hornau" zu haben. Auch für neue Initiativen ist Dieter Trippe unter (0 61 95) 6 44 36 zu erreichen.

(Frank Weiner)
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