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Homosexualität ist keine Sünde

Mit ihren GoSpecial-Gottesdiensten im Kinopolis Sulzbach sorgt die evangelischen Andreasgemeinde Niederhöchstadt schon seit Jahren für Gesprächsstoff und wurde für die mutigen Veranstaltungen im Jahr 2010 zum "Ausgewählten Ort" der Initiative "Deutschland – Land der Ideen" erkoren.
Pfarrer Karsten Böhm präsentiert den Flyer.	Foto: elle Pfarrer Karsten Böhm präsentiert den Flyer. Foto: elle
Niederhöchstadt. 

Ja, der Titel des Gottesdienstes sei provokativ, gibt Pfarrer Karsten Böhm zu. Schließlich wolle man damit bewirken, dass die Leute sich für das Thema interessierten. Das Interesse ist in der Tat schon jetzt groß. Im positiven Sinne – aber auch im negativen. Es gebe diejenigen, die froh darüber seien, dass Homosexualität und Kirche thematisiert würden. Und es gebe diejenigen, die mit völligem Unverständnis reagieren, bis hin zu übelsten Beleidigungen. Auf der Internetseite kreuz.net werden die Macher dieses Gottesdienstes als "Protestunten" bezeichnet. Eine Frechheit, auf die Böhm während des Gottesdienstes nicht eingehen will. Die fragwürdige Seite sei es nicht wert. Sie bezeichnet sich als "Plattform für katholische Nachrichten" und wird angeblich von einer "Initiative einer internationalen privaten Gruppe von Katholiken in Europa und Übersee" betrieben, "die hauptamtlich im kirchlichen Dienst sind". Die Internetseite ist bekannt dafür, dass sie als anonymer Blog rechtsextreme, antisemitische und homophobe Inhalte verbreitet und wird vom Verfassungsschutz bereits beobachtet.

Provokanter Titel

Sehr wohl aber befasst sich Böhm mit dem Vorwurf, man habe mit dem provokativen Titel im Sinne, ordentlich für Medienrummel sorgen zu wollen, "und es hat auch jemand gesagt, das sei pubertär". Dass es einen gewissen Rummel geben könnte, liegt auch an den Gästen, die die Gemeinde zu dem Gottesdienst eingeladen hat: der Musiker Mave O‘Rick, der schon beim Christopher Street Day aufgetreten ist; die Autorin Dr. Valerie Hinck, die in ihrem Buch "Streitfall Liebe" ihre Erfahrungen als Christin, die ihren Glauben lebt, schildert; und vor allem der Theologe Dr. David Berger, der in seinem Buch "Der Heilige Schein" kritisch den Umgang der katholischen Kirche mit Homosexualität analysiert und eine zunehmende Homophobie in der katholischen Kirche konstatiert. Nachdem Berger sich im Jahr 2010 öffentlich zur Homosexualität bekannt hatte, wurde ihm die Professur an der Päpstlichen Akademie des heiligen Thomas von Aquin entzogen. Berger deckte in seinem Buch "das perfide Unterdrückungssystem der scheinheiligen Kirchenoberen" auf.

Gegenwind

Die Mitglieder der 2200 Personen starken Andreasgemeinde selbst haben Ende vergangenen Jahres das Thema Kirche und Homosexualität zu einem der Inhalte für die GoSpecial-Gottesdienste gewählt. Eine wichtiges Thema, findet auch Böhm: "Wir freuen uns über den Gegenwind. Aber wir wünschen uns einen fairen und liebevollen Gottesdienst." Es gehe darum, Vorurteile auszuräumen und ein Umdenken anzuregen. Die katholische Kirche setze Homosexualität mit Kinderschändung gleich, "das hat natürlich nichts miteinander zu tun", so Böhm. Es gehe ihm auch darum, Anstoß zum Nachdenken zu geben und dazu beizutragen, die Akzeptanz für Homosexuelle zu erhöhen, dass sie genauso normal behandelt werden wie jeder andere.

Böhm verweist auf einen Synodalbeschluss, nachdem die Gemeinden selbst entscheiden können, wie sie mit Homosexuellen umgehen. Die Empfehlung lautet: Gleichbehandlung. Das wird in der Andreasgemeinde gelebt. Es dürfe nicht sein, dass Homosexualität immer noch als Sünde angesehen werde, dass man sage, es handele sich um eine Krankheit, die man heilen könne. "Was ist mehr Sünde: die Homosexualität oder die Art und Weise des Umgangs mit Homosexuellen?", fragt Böhm. Homosexualität und Glaube schlössen sich schließlich nicht aus. Homosexuelle hätten – nicht nur in der Kirche – häufig eine lange Leidensgeschichte, führten oft ein Doppelleben und müssten erleben, dass sich ihnen Türen verschließen und dass sich Menschen abwenden, wenn sie zu ihrer Neigung stehen. "Homosexuellen wird der Glaube abgesprochen", so Böhm. "Aber wer bin ich, dass ich das jemandem absprechen darf. Ich darf niemanden verurteilen. Und die Bibel sagt, man wird durch den Glaube an Jesus Christus errettet – also der Glaube ist entscheidend."

Im Gottesdienst wird Böhm auf fünf Stellen in der Bibel eingehen, die mit Homosexualität in Verbindung gebracht werden. "Zwei Stellen sprechen allerdings von Knabenliebe. Das ist Kindesmissbrauch und wird selbstverständlich abgelehnt", so Böhm. In zwei Stellen des Alten Testaments werde Homosexualität als falsch beurteilt. Da werde aber auch der Geschlechtsakt während der Menstruation verurteilt, und da heiße es auch, man verhalte ich widernatürlich, wenn man seinen Bart kürze. Und es gebe eine Stelle von Paulus im Römerbrief, die Homosexualität verurteile, wobei man sich darum streite, ob sie wirklich kritisiert werde oder ob vielmehr verurteilt wird, was die alten Griechen praktizierten: neben ihrer Frau noch Knaben zu haben. "In der Interpretation gehen die Meinungen auseinander", so Böhm. "Von Jesus gibt es kein Wort zu Sexualität, aber er ist in dieser Frage insgesamt sehr zurückhaltend."

Die Kirche sei oft am Ende der gesellschaftlichen Entwicklung gewesen, so auch bei der Apartheid und bei der Unterdrückung der Frau. Dass sich aber schon ein Umdenken eingestellt habe, merke man daran, dass der Aufruhr wegen des kommenden Gay-Gottesdienstes geringer sei als 1999, als die Andreasgemeinde die Homosexualität unter dem Titel "Wenn Männer Männer lieben und Frauen Frauen" schon einmal ins Zentrum eines Gottesdienstes gestellt hatte. "Ich glaube, dass uns diese Geschichte irgendwann zugute gehalten wird – in 30, 40 Jahren", so Böhm.

Noch müssten nicht nur die Betroffenen um Gleichbehandlung kämpfen: "Ich würde mir wünschen, dass wir gar nicht mehr über Sexualität reden, dass man nicht mehr gefragt wird, bist Du verheiratet oder bist Du schwul", so Böhm. Und: "Mich betrifft es gar nicht. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Aber es ist mir eine Herzensangelegenheit."elle

Der GoSpecial-Gottesdienst "GoGay – fromm aber nicht hetero: Warum die Kirche homosexueller werden muss!" findet am Sonntag, 9. September, von 11 Uhr an im Kino 1 des Kinopolis" Sulzbach statt.

(Michelle Spillner)
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