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FDP-Politikerin möchte in es nun endlich in den Bundestag schaffen: Interview mit Bettina Stark-Watzinger: „Frauenanteil ist ausbaufähig“

Sechs Kandidaten bewerben sich um die Nachfolge von Heinz Riesenhuber als Direktkandidat im Wahlkreis 181 (Main-Taunus-Kreis, Königstein, Kronberg, Steinbach). Das Höchster Kreisblatt stellt die Frauen und Männer vor. Dirk Müller-Kästner sprach mit Bettina Stark-Watzinger (FDP ) über Bildung, schnelles Internet und zukunftsweisende Projekte.
Bettina Stark-Watzinger im Gespräch mit dem stellvertretenden Redaktionsleiter Dirk Müller-Kästner. Foto: Maik Reuß Bettina Stark-Watzinger im Gespräch mit dem stellvertretenden Redaktionsleiter Dirk Müller-Kästner.

Frau Stark-Watzinger, wie fühlen Sie sich als Frau in der doch sehr männerlastigen FDP?

BETTINA STARK-WATZINGER: Hier im Main-Taunus-Kreis haben wir doch recht viele Frauen. In Bad Soden hatten wir in der Fraktion sogar mal drei Frauen.

Nun wollen Sie es aber endlich in den Bundestag schaffen. Dort ist die Situation anders.

STARK-WATZINGER: Wir haben uns in Hessen die Statistik angeschaut, weil es für uns natürlich ein Thema ist. Etwa 25 Prozent der FDP-Mitglieder sind Frauen. Wenn wir schauen, wie viele Frauen wir in Führungspositionen haben, dann entspricht das in etwa diesem Prozentsatz. Das ist schon mal gut, aber ganz klar ausbaufähig.

Ist das überhaupt ein Thema für Sie?

STARK-WATZINGER: Für mich als Generalsekretärin der FDP Hessen ist das natürlich ein Thema. Ich bin viel unterwegs und treffe viele tolle Frauen. Wir unterstützen uns gegenseitig, halten Kontakt und bilden ein Netzwerk.

Besetzen FDP-Frauen nicht gänzlich andere Themen als FDP-Männer?

STARK-WATZINGER: Das kann ich so nicht bestätigen. Mein Thema sind zum Beispiel Finanzen. Der Bereich macht mir als Volkswirtin einfach Spaß – und ist sicherlich kein typisches Frauenthema. Andererseits gehen Frauen an manche Dinge anders ran als Männer. Deshalb tut es gut, wenn Männer und Frauen zusammenarbeiten.

Was ist Ihr Lieblingsthema – abseits der Finanzen?

STARK-WATZINGER: Es gibt natürlich Dinge, für die man brennt, für die man in die Politik gegangen ist. Ich sehe drei Themen. Erstens brauchen wir in Zeiten, in denen wieder nationale Grenzen hochgezogen werden und freier Handel keine Lobby mehr hat, eine Fürsprecherin oder einen Fürsprecher für die Soziale Marktwirtschaft. Das zweite wichtige Thema ist, die Bildung zu stärken. Das dritte Thema ist, unseren Kindern mit zukunftsweisenden Projekten wieder Lust auf die Zukunft zu geben.

Sind das alles reine Aufgaben für die Bundespolitik? Gerade in der Bildung sind doch eher Kommunen und das Land gefragt.

STARK-WATZINGER: Ja, daran müssen alle Ebenen arbeiten. Bei der Ausstattung der Schulen und der Schulbauten sind Kommunen und Kreise gefordert. Auch die frühkindliche Erziehung ist ein Thema für die Kommunen. Das geht dann weiter zum Land, das Maßstäbe bei der Bildungspolitik setzt.

Sie wollen nun aber im Bund Politik machen. Warum ist Bildung dort ein so wichtiges Thema?

STARK-WATZINGER: Wir wissen heute, dass die Grundlagen für den späteren Erfolg im Alter bis zu fünf Jahren gelegt werden. Wir wissen, dass sich zwei Drittel der Schüler aufs spätere Leben nicht gut vorbereitet fühlen, und wir wissen, dass Bildung ein trennendes Element in der Bevölkerung ist. Dem Thema muss man sich deshalb auf allen Ebenen annehmen, auch im Bund.

Früher wurden in den Schulen, zumindest in den hessischen, soziale Kompetenzen vermittelt. Heute zählt nur noch Leistung. Nachprüfbare Leistung. Wie stehen Sie dazu?

STARK-WATZINGER: So, wie ich die Schule mit meinen Kindern erlebt habe, kann ich das nicht bestätigen. Wir sprechen heute leider viel zu ideologisch über Bildung und führen Grabenkämpfe. Das ist schade. Wenn ich sehe, dass in Frankfurt eine kleine Schule geschlossen wird, wo der Schulleiter noch jeden Schüler kannte, und nun sollen die Schüler auf eine große Gesamtschule gehen. Da gehen viel individuelle Förderung und Freiheiten verloren.

Die Schulen müssten also grundsätzlich mehr Eigenständigkeit bekommen?

STARK-WATZINGER: Ja, viele Dinge müssen an Ort und Stelle entschieden werden. Die kann man nicht von oben herab diktieren. Es muss für den Mikrokosmos mehr Freiheiten geben. Natürlich brauchen wir gewisse Strukturen. Aber nach jeder Wahl eine neue Schulreform auszurufen, ist überflüssig.

Sie hatten auf frühkindliche Bildung hingewiesen. Soll der Unterricht schon im Kindergarten anfangen?

STARK-WATZINGER: Nein. Im Kindergarten kann aber auf den späteren Unterricht vorbereitet werden. Die Kinder können dort lernen, beim Vorlesen zuzuhören. Dort können soziale Kompetenzen vermittelt, dort kann Neugier geweckt werden.

Warum glauben Sie, dass junge Menschen keine Lust mehr auf Zukunft haben?

STARK-WATZINGER: Das sehe ich zum Beispiel an meinen Töchtern, die jetzt das Haus verlassen haben und studieren. Da frage ich mich schon, welche zukunftsweisenden Projekte es für sie gibt und wie wir das Land – zum Beispiel mit Blick auf die Weltpolitik und die Digitalisierung – gestalten müssen.

Zukunftsweisende Projekte. Gibt es tatsächlich keine? Und welche würden Sie sich wünschen?

STARK-WATZINGER: Ich sehe jedenfalls keine. Wir haben über Rente diskutiert. Das ist wichtig. Auch Energiepolitik ist ein wichtiges Thema – aber zukunftsweisend in unserem Land eher nicht.

Windenergie wird indes von vielen als Energie der Zukunft angesehen.

STARK-WATZINGER: Sie ist aber weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll. Wir sind nicht gegen erneuerbare Energien, aber sie müssen sinnvoll sein. Derzeit wird keine Tonne CO2 eingespart, aber jeder, egal ob Villenbesitzer, Taxifahrer oder Großmutter mit kleiner Rente, muss die hohe EEG-Umlage zahlen. Wir müssen neue Technologien finden und marktwirtschaftlich nutzen. Die Zukunft kann noch viel bringen.

In welchen anderen Bereichen sehen Sie Zukunftspotenzial?

STARK-WATZINGER: Das Zukunftsthema schlechthin ist für mich die Digitalisierung. Ich glaube, da haben wir alle noch nicht erkannt, was auf uns zukommt. Das erlebe ich selbst im Arbeitsalltag, wenn es neue Programme gibt, die erst mal alles verändern, die aber durchaus neue Möglichkeiten geben. Wir müssen die Chancen nutzen – für bessere Produkte, bessere medizinische Versorgung und vieles mehr.

… und Arbeitsplätze überflüssig machen.

STARK-WATZINGER: Da bin ich nicht so pessimistisch. Wir werden dann in anderen Bereichen neue Aufgaben und Arbeitsplätze finden; im Dienstleistungsbereich und im Bereich neuer Technologien. Man muss sich darauf aber einlassen – und wir müssen die Leute dahin mitnehmen.

Wie wollen Sie speziell den Main-Taunus-Kreis in Berlin vertreten?

STARK-WATZINGER: Im Main-Taunus-Kreis ist Fachkräftemangel ein wichtiges Thema. Es geht dabei um die Fragen: Wie schaffen wir es, Menschen auszubilden, und wie schaffen wir es, Menschen in unser Land zu bringen? Auch deshalb brauchen wir ein Einwanderungsgesetz. Grundsätzlich müssen wir die Unternehmen von unnötiger Bürokratie entlasten. Sie sollen ihrem Kerngeschäft nachgehen können. Wir können hier enorm viel tun – gerade auch für kleine und mittelständische Unternehmen, die wir zum Glück in großer Zahl haben. Die Politik hat die notwendige Infrastruktur – Straßen, Schienen, öffentlichen Nah- und Fernverkehr – zur Verfügung zu stellen, damit die Menschen zur Arbeit kommen und die Produkte zu den Kunden.

Bitte konkret: Wie wollen Sie die Unternehmen unterstützen?

STARK-WATZINGER: Es muss gar nicht immer um große Reformen gehen. Nehmen wir zum Beispiel die Vorfälligkeit der Sozialversicherung, die eine doppelte Abrechnung erfordert. Da geht es bei der Umsatzsteuer um Ist-Besteuerung statt Soll-Besteuerung. Es gibt viele Möglichkeiten, die Unternehmen zu entlasten – und vielleicht neue Unternehmer zu gewinnen.

Müssten nicht auch die Arbeitnehmer unterstützt werden?

STARK-WATZINGER: Natürlich – und damit sind wir wieder bei der Bildung. Ich glaube, dass die Menschen, die hier leben, besonders anspruchsvoll sind. Ich kann deshalb zum Beispiel nicht verstehen, dass wir in Bad Soden die beiden Horte geschlossen haben. Hier in der Region müssen in der Regel doch beide Lebenspartner arbeiten gehen. Sie wollen doch, wie auch Alleinerziehende, dass die Kinder nicht noch mit einem Berg von Hausaufgaben belastet sind, wenn sie nach Hause kommen.

Dafür gibt es jetzt die Schulkinderbetreuung.

STARK-WATZINGER: Ja, aber der Hort ist etwas anderes. Hier gilt ein höherer Erzieher-Schlüssel. Die Horte zu schließen, ist nicht zukunftsweisend. Das wird der Vielfalt der Lebensläufe nicht gerecht und nimmt ein Stück Wahlfreiheit. Es sollte sowohl Hort als auch Schulkinderbetreuung angeboten werden. Zumindest in Bad Soden hätten wir uns das noch leisten können. Das Angebot sollte es allerdings in anderen Kommunen auch geben.

Apropos leisten können: Ist es der richtige Weg, dass beide Eltern arbeiten gehen müssen, um sich das Leben in der Region leisten zu können?

STARK-WATZINGER: In der heutigen Gesellschaft ja. Es gibt keine Versorgungsehen mehr. Die Frauen müssen wie die Männer immer auf eigenen Füßen stehen können. Es garantiert ja niemand, dass eine Partnerschaft ein Leben lang hält. Deshalb finde ich es gut, dass Frauen arbeiten – aber um Familie und Arbeit vereinbaren zu können, egal, ob für Mann oder Frau, will ich auch die Voraussetzungen dafür haben, zum Beispiel schnelles Internet zu Hause. Es kann nicht sein, dass es im Mekong-Delta in Vietnam teilweise schnelleres Internet gibt als in Teilen Hessens. Da sehe ich auch eine staatliche Aufgabe.

Wenn die Eltern viel arbeiten und die Kinder viel im Hort oder in der Betreuung sind: Ist das gut, wenn die Kinder so viel von Mutter und Vater getrennt sind?

STARK-WATZINGER: So negativ sehe ich das nicht. Deshalb sage ich ja, dass es eine gute Betreuung in gut ausgestatteten Einrichtungen mit qualifiziertem Personal geben muss. Ich glaube aber, dass es positiv ist, wenn Eltern eine gewisse Lebenszufriedenheit und den Eindruck haben, eigenständig leben zu können. Die Balance, die es geben muss, ist in der heutigen Zeit durchaus möglich.

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