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Kreisblatt-Reporterin Brigitte Kramer wurde zur Rechtshänderin „umerzogen“

Brigitte Kramer ist eigentlich Linkshänderin, musste aber als Kind lernen, mit rechts zu schreiben. Foto: Maik Reuß Brigitte Kramer ist eigentlich Linkshänderin, musste aber als Kind lernen, mit rechts zu schreiben.

Als ich im Herbst 1948 in die Pestalozzi-Schule in Meißen (Sachsen) eingeschult wurde, musste ich als erstes lernen, dass ich Stift und Federhalter in die „schöne Hand“ zu nehmen hatte. In Deutschland durfte man damals nur mit rechts schreiben. Als Linkshänderin hatte ich schlechte Karten. Wir wurden diskriminiert, wie man heute sagen würde.

In unserer Familie war meine Veranlagung bis dato locker gesehen worden. Mein Vater – Architekt von Beruf – war Linkshänder und benutzte beide Hände zum Zeichnen. Auch mein Sohn ist übrigens Linkshänder. Aber heutzutage ist das kein Thema mehr. Doch für mich als Sechsjährige war das damals ein regelrechter Kampf. In der linken Hand hatte ich die Kraft und das Geschick. Und jetzt musste ich plötzlich umlernen. Dabei hatte ich noch Glück. Meine Großmutter, eine patente Frau, hatte sich schon Wochen vor Schulbeginn mit mir hingesetzt und brachte mir die Führung des Stiftes mit der rechten Hand bei. Ihr habe ich viel zu verdanken und bin so wahrscheinlich um die eine oder andere Strafe herumgekommen. Denn die meisten Lehrer waren nicht zimperlich. In unserer Klasse mit 35 Mädchen wurde zwar nicht mit dem Rohrstock auf die Finger geklopft, aber es gab jede Menge Strafarbeiten – Schönschreiben und derlei Beschäftigungen. Unsere Lehrerin während der ersten zwei Schuljahre, Frau Fesenfeld, ich erinnere mich noch genau, war sehr streng. Für Hinwendung an die einzelne Schülerin war nicht zu denken. Dafür gab es gar keine Kapazität. Außerdem hatten die Menschen drei Jahre nach Kriegsende andere Sorgen, als sich um die Befindlichkeiten der Kinder Gedanken zu machen. Wir mit unseren sechs Jahren mussten einfach gehorchen.

Wenn ich zurückdenke, ist mir das flüssige Schreiben immer schwer gefallen. Ich habe meine Schulkameradinnen in den ersten Schuljahren wegen ihrer Schönschrift bewundert. Mich kostete das flüssige Aneinanderreihen der Buchstaben viel Übung und Konzentration. Und manchmal hatte ich buchstäblich eine Art Blockade beim Schreiben. Heute zuweilen noch, wenn ich meine Unterschrift unter ein wichtiges Dokument setzen muss.

Im Laufe meines Lebens habe ich bei zahlreichen Tätigkeiten, die ich naturgemäß mit der linken Hand geschickt und mit Kraft ausführen kann, lernen müssen, das auch mit der rechten zu bewerkstelligen. Das fängt beim Büchsenöffner an, Kartoffelschäler waren immer ein Problem und Scheren. Wenn den guten Tischmanieren entsprechend die Bestecke aufgelegt werden, rechts das Messer und links die Gabel, nehme ich das Messer dann doch in die linke Hand – da habe ich einfach die Kraft. Auch die Maus beim PC liegt bei mir auf der linken Seite.

Beim Tennisspielen hingegen kann ich als Linkshänder bei meinen Gegnern oft Gewinnpunkte herausspielen. Es dauert, bis sie merken, warum der Ball anders kommt. Schreiben allerdings kann ich heute nicht mehr mit der linken Hand. Und wenn ich mit dem Messer in der linken Hand einen Brotlaib aufschneide, verlässt mein Mann nach wie vor die Küche, weil er das nicht mit ansehen kann.

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