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Mit dem Kochlöffel Integration realisieren

Es ist ein Eppsteiner Pilotprojekt: Spracherwerb durch kulinarischen Austausch – Rezepte lesen, Einkaufzettel schreiben, Zutaten besorgen: Die Mitglieder vom „Schützenhof Deli“ lernen anders.
Das Team: Tahira Virk, Magdalene Pitthan, Claudia Kalz, Almuth Stolz, Fouzieh Azizi, Halima Mohamud, Maria Virk, Samira Karimi (v.  l.). Das Team: Tahira Virk, Magdalene Pitthan, Claudia Kalz, Almuth Stolz, Fouzieh Azizi, Halima Mohamud, Maria Virk, Samira Karimi (v. l.).
Bremthal. 

Es wird munter geplaudert im Gastraum des ehemaligen Lokals „Schützenhof“, das heute eine Flüchtlingsunterkunft ist. Die Frauen am Tisch beraten sich eifrig: Sie treffen erste Vorbereitungen für einen Kochkurs, der ab Februar gemeinsam mit der VHS Hofheim startet. „Wir wollen einen Perspektivenwechsel“, sagt Claudia Kalz, die gemeinsam mit Magdalene Pitthan und Almuth Stolz die Kochgruppe auf ehrenamtlicher Basis unterstützt. Dieses Projekt sei ein riesiger Schritt für „Schützenhof Deli“ – denn der Kochkurs biete den Frauen eine neue Plattform – weg vom Flüchtlingsstatus hin zu Begegnungen auf Augenhöhe. „Wir wollen uns mit unseren heimischen Gerichten in Deutschland integrieren“, sagt Samira Karimi aus Afghanistan über die gemischte Kochgruppe, die vor mehr als einem Jahr gegründet wurde und seit April dem Kulturkreis angehört.

Etwa vier Mal im Jahr laden die „Schützenhof Delis“ zum Probieren der „exotischen“ Gerichte ein: Dann gibt es afghanisches Borani, eine Art salziger Pfannkuchen mit Gemüse und Kartoffeln, oder Leckereien aus der pakistanischen und somalischen Küche. Zwischen 35 bis 40 Personen können sich am Büfett austoben. „Die Frauen aus Afghanistan, Pakistan oder auch den afrikanischen Ländern haben selten viel Schulbildung. Dafür können sie aber kochen“, erzählt Almuth Stolz. „Für 100 Leute? Das stellt für sie kein Problem dar.“

Austausch der Kulturen

Integration durch Spracherwerb, Spracherwerb durch Kochen: Das sei der eigentliche Ursprungsgedanke gewesen, erinnert sich Claudia Kalz. Sie haben sich überlegt, wie sie den Schützenhof am besten betreiben können und welchen Zweck dies erfülle: „Wir Deutschen essen gerne“, seien sie zum Punkt gekommen, auf dessen Grundlage eine Förderung beim Hessischen Kultusministerium beantragt wurde – mit Erfolg. Das Ziel der Gruppe sei dabei vor allem, Deutsch zu lernen – Rezepte lesen, Einkaufszettel schreiben und einkaufen gehen.

Es lassen sich noch mehr positive Nebeneffekte verbuchen: neues Selbstvertrauen und mehr Selbstständigkeit. „In Pakistan gehen Frauen nicht einfach auf die Straße. Hier in Deutschland ist das ganz anders. Hier gehe ich selbst einkaufen“, berichtet Maria Virk. „Wir können tun, was wir wollen und wann wir wollen“, freut sich die Mutter von zwei Kindern. An die neue Freiheit müsse sie sich aber auch erst gewöhnen. Zudem lernen die Frauen durch das eigenständige Einkaufen ihre neue Heimat besser kennen. Sie seien schon nach Höchst oder Rüsselsheim gefahren. „Das sieht ja aus wie in Teheran“, habe Samira Karimi erstaunt ausgerufen, als sie das erste Mal durch Höchst lief, erinnert sich die Gruppe und lacht bei dem Gedanken.

„Die Deutschen essen sehr viel Kuchen“, stellt Fouzieh Azizi fest, und Samira Karimi merkt an, ihre Vorstellung von Europa sei ganz anders gewesen. „Ihr benutzt hier weit weniger elektrische Geräte zum Kochen, als wir es erwartet haben“, lacht sie. Halima Mohamud empfindet das Gegenteil: „In Somalia hatte ich nur eine kleine Feuerstelle zum Kochen. In Deutschland hat man immer ganze Küchen.“ Ein weiterer Unterschied: „In Deutschland geht man vielleicht zwei- bis dreimal die Woche einkaufen. In Somalia besorgt man jeden Tag das Essen frisch.“ Sie haben aber auch deutsche Lieblingsgerichte. Ofenkartoffel mit Quark und Pommes stehen da weit oben.

„Schützenhof Deli“ das sind Fouzieh Azizi und ihre Tochter Samira Karimi aus Afghanistan, Maria Virk und ihre Mutter Tahira Virk aus Pakistan, Halima Mohamud aus Somalia, Nino Karamanjan aus Georgien und Abeba Mogos (Eritrea). Am 10. November, 18.30 Uhr, gibt es einen Kochtermin mit dem Titel „Hessische Küche neu interpretieren“. Infos: 01 76/24 03 24 55 oder schuetzenhofdeli@gmx.de.

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