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Experte erklärt: Nachhaltigkeit: Es geht um mehr als die Plastiktüte

In ganz Deutschland ist der Biologe Stefan Simonis unterwegs, um als Moderator der Unicef- Multivisionsshow „REdUSE“ bei Schülern für Nachhaltigkeit zu werben. Am Donnerstag war er im Hofheimer Kreishaus zu Gast. Jetzt stellte sich der 58-Jährige den Fragen unserer Mitarbeiterin Juliane Schneider.
Reduzieren und reparieren statt dauernd neu und Energie-aufwändig  produzieren – das ist nachhaltig. Zeichnung: Franz Eberwein Reduzieren und reparieren statt dauernd neu und Energie-aufwändig produzieren – das ist nachhaltig. Zeichnung: Franz Eberwein
Hofheim. 

Was ist für Sie das dringlichste Problem der Nachhaltigkeit?

STEFAN SIMONIS: Ich denke, der Schlüssel zu allem ist, dass wir unseren Verbrauch – egal was – drastisch reduzieren. Existenziell ist der CO2-Ausstoß. Aber auch den werden wir nicht senken, wenn wir weiterhin so konsumieren wie bisher. Eine Reduktion im Verbrauch ist aber nicht gleichbedeutend mit Verzicht. Das ist für mich ein ganz großer Unterschied.

Reduktion des Konsums bedeutet keinen Verzicht, was meinen Sie damit?

SIMONIS: Wenn ich etwas nicht kaufe, bedeutet es ja auch: Ich muss nicht dafür arbeiten, und ich muss mich nicht drum kümmern. Ich habe vor ein paar Jahren mein Auto abgeschafft. Seitdem steht mir Geld für andere Sachen zur Verfügung. Ich habe eigentlich nur Vorteile, auch dass ich mehr an der frischen Luft bin, Bewegung habe. Das Wichtigste ist: etwas verändern am persönlichen Verhalten.

Sollte nicht auch die Politik mehr unternehmen, um den Prozess voranzutreiben?

SIMONIS: Es ist eindeutig beides. Politik muss sich ändern, aber auch das Konsumverhalten der Menschen. Politik macht das aber nicht aus sich heraus. Sie muss unter Druck gesetzt werden. Daher bleibt es doch an uns Bürgern. Wir müssen Politik gestalten, wir müssen einfach aktiver werden. Klarmachen, was wir wollen, und dann auch dementsprechend handeln. Wir haben viele Veranstaltungen, in denen Schüler sagten: Wenn das jetzt verboten wäre, die Plastiktüten oder das Fliegen, dann würde ich das nicht machen. Aber solange das erlaubt ist, mache ich das. Wir müssen also die Politik unter Druck setzen, dass sie die Rahmenbedingungen ändert zu mehr Nachhaltigkeit hin. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch so verhalten oder uns bemühen, weil ansonsten zwei sich widersprechende Signale gesendet werden.

Stefan Simonis informiert Schüler über nachhaltiges Verhalten im Auftrag von Unicef. Bild-Zoom Foto: Knapp
Stefan Simonis informiert Schüler über nachhaltiges Verhalten im Auftrag von Unicef.

Bei den Plastiktüten hat durch die Gesetzgebung ja tatsächlich ein Wandel stattgefunden . . .

SIMONIS: Ja, aber es geht um viel mehr als die Tüte: auch um die Plastikverpackung. Darum, dass jedes Produkt mehrfach in Kunststoff eingepackt wird. Klassiker sind die kleinen Schokoriegel, die einzeln in Plastik eingepackt sind und dann noch mal in einer großen Tüte. Solche Sachen gehören verboten, das ist Unsinn. Im Gespräch ist immer mal wieder, Plastik zu versteuern, vielleicht keine schlechte Idee.

In Ihrem Vortrag vor den Schülern machen Sie den erschreckenden Raubbau an Ressourcen deutlich. Gibt es für den Planeten eine Chance, umzukehren?

SIMONIS: Ja, das ist durchaus möglich, vor allem durch Absenken des CO2-Ausstoßes. Das müssen wir durchsetzen. Jeder Mensch hat seinen ökologischen Fußabdruck, das meint die Fläche Land, die er für seinen Lebensstil in Anspruch nimmt. Fläche um seinen Nahrungsbedarf zu decken, für Mobilität, für Bekleidung und anderes. Der ist in Deutschland sehr hoch. Auch global kann man das abschätzen. Wenn wir nicht in jeden Urlaub fliegen, sondern nur dann fliegen, wenn es wirklich nötig ist, dann haben wir schon viel erreicht. Flüge haben im Bereich Mobilität den größten ökologischen Fußabdruck überhaupt. Dazu den Fleischkonsum halbieren oder vielleicht nur noch einmal im Monat Fleisch essen. Das hätte einen enormen Effekt.
Meines Erachtens wäre es sinnvoll, den Ressourcenverbrauch von Produkten auf der Grundlage ihres ökologischen Fußabdrucks zu besteuern.

Sie wohnen im Elsass. Stellen Sie im Alltag große Unterschiede fest zu unseren französischen Nachbarn, was Nachhaltigkeit betrifft?

SIMONIS: Da gibt es eine andere Vorgehensweise. Ich will nicht behaupten, dass die Franzosen große Vorbilder wären, auch wenn Frankreich einen etwas kleineren ökologischen Fußabdruck hat als wir. Seit drei Jahren gibt es dort aber ein Plastiktütenverbot. Einige Läden nutzen Bioplastik, wobei ich allerdings der Meinung bin, dass es nicht besser ist.

Aber Tüten aus Erdöl bekommen Sie nicht mehr. In vielen Läden in den größeren Städten haben Sie auch die Möglichkeit, unverpackt einzukaufen.

Über den Tellerrand zu schauen scheint sich zu lohnen . . .

SIMONIS: In Frankreich gibt es praktisch kein Pfandsystem für Getränkeflaschen. Obwohl es ja deutlich umweltfreundlicher ist, zumal wenn Sie Glasflaschen kaufen und die Abfüller in räumlicher Nähe sind. Der Nachteil der Flasche: Sie ist schwer. Wir haben einen sehr hohen CO2-Ausstoß beim Transport. Aber wenn die Transportstrecken klein sind, hält sich das in Grenzen.

Also einfach mal schauen, welche Quelle in der Nähe liegt?

SIMONIS: Genau, warum muss ich Wasser aus Italien holen, wenn ich Bad Vilbel oder Selters in der Nähe habe. Aber auch da können Sie noch einen draufsetzen, in dem Sie sagen: Ich nehme überhaupt kein Wasser mehr in Flaschen. Ich nehme einfach das Wasser aus der Leitung. Leitungswasser ist das am besten kontrollierte Lebensmittel, das wir bei uns haben. Es sei denn, Sie haben ein altes Haus, in dem die Leitungen dreckig sind, Bleileitungen vielleicht noch. Aber in der Regel ist das Leitungswasser in einer Superqualität. Es kostet ein Bruchteil dessen, was ein Wasser in einer Flasche kostet, und Sie sparen sich auch die Schlepperei.

Ihr Appell an Bürger und Politik lautet: Reduzieren von Verbräuchen?

SIMONIS: Genau das ist der Schlüssel von allem. Die Vorstellung, die eigentlich alle Parteien hegen, dass wir weiter konsumieren können, aber grün und umweltfreundlich, dass wir weiterhin Fleisch essen, aber aus Bioläden: Das kann nicht funktionieren! Weil das ja weiter Ressourcenverbrauch bedeutet. Wir verlagern das Problem nur. Es wird vielleicht kein CO2 ausgestoßen, wunderbar, aber für Wind- und Photovoltaikanlagen brauchen Sie trotzdem Ressourcen. Die Lösung ist, mit weniger Energie auszukommen, auch durch Längernutzung von Sachen, wie es Generationen vor uns gemacht haben. Kleider wurden geflickt, Möbel über Generationen weitervererbt. Wenn Sie heute Möbel kaufen, halten sie nicht mal zwei Umzüge aus. Darüber hinaus kann man tauschen, leihen, upcyclen.

Vertreten Sie das Wirtschaftskonzept einer „Postwachstumsökonomie“?

SIMONIS: Ganz genau. Die Befürchtung, dass bei Nichtwachsen des Bruttosozialproduktes die Wirtschaft zusammenbricht und Arbeitsplätze verlorengehen, ist meines Erachtens unbegründet. Denn neu produzieren müssen wir immer. Es geht ja immer was kaputt, muss immer etwas repariert werden. Aber wir produzieren nur, was wir wirklich brauchen. Wenn wir nicht immer auf Wachstum aus sind, werden wir sogar eher den Wohlstand erhalten. Sicher werden Arbeitsplätze in der Produktion verlorengehen, dafür entstehen neue Arbeitsplätze im Bereich der Instandhaltung. Wenn wir darüber hinaus die Arbeitszeit halbieren, erreichen wir eine gerechtere Verteilung von Arbeit und Einkommen.

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