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Plötzlich war alles anders

Die vor einem Jahr eröffnete Landebahn am größten deutschen Flughafen teilt eine ganze Region. Besonders betroffen: Flörsheim. In der Stadt ist der Fluglärm zum Alltag geworden, der Protest auch.
Über den Dächern Flörsheims sieht es meist so aus: Flugzeuge nehmen Kurs auf den Flughafen.	Foto: Nietner Bilder > Über den Dächern Flörsheims sieht es meist so aus: Flugzeuge nehmen Kurs auf den Flughafen. Foto: Nietner
Frankfurt. 

21. Oktober 2011, 14 Uhr, Flörsheim, Weilbacher Straße. Ein großes Aufgebot an Polizeikräften ist rund um das Gelände nahe der Rheinallee in Flörsheim postiert. Dort haben sich über 700 Personen – überwiegend Flörsheimer und Hattersheimer – versammelt, die auf die Kanzler-Maschine warten. Ein Bundeswehr-Flugzeug mit Angela Merkel an Bord soll als erstes Flugzeug auf der neuen Landbahn Nordwest aufsetzen. Die Wartezeit wird in einem Zelt mit Ansprachen und Protestliedern verbracht. Es ist neblig an diesem Herbsttag, die Sichtweite gen Himmel ist stark eingeschränkt. Aber am Nachmittag sollen sich die Nebelfelder verziehen, sagt der Wetterdienst. Immer mehr Demonstranten treffen auf dem Areal vor dem Baugebiet Nord ein, das bei Ostwind künftig im Minutentakt von landenden Flugzeugen überflogen wird. Neugierige zieht die Szenerie ebenfalls an. "Ich arbeite auf dem Flughafen. Das wird hier schon nicht so schlimm", sagt der Mann vor dem Eingang zum Protestplatz. "Wer hat sich das einfallen lassen, ,Dirty Landing"?", fragt er verächtlich.

Pfiffe für die Kanzlerin

14.40 Uhr. "Sie kommt!" – plötzlich gibt es Unruhe auf dem Platz, viele Menschen unterbrechen ihre Gespräche und schauen nach oben. Wenige später Minuten später geschieht etwas, dass die meisten in der Menge erst gar nicht richtig wahrnehmen. Von einem Zischen begleitet, düst die Bundeswehrmaschine über den Platz. Sie ist nur für einen kurzen Moment durch die Nebelwolken erkennbar, die Triebwerke sind nicht zu hören. "Der Pilot hat einen Gleitflug hingelegt und die Motoren abgeschaltet", mutmaßt ein Demonstrant.

Pfiffe und Buh-Rufe sind Boden zu hören. Auf einem Fernseher im Zelt sind Bilder von der ersten Landung auf der Nordwestbahn zu sehen. Dort wird mit der Kanzlerin gefeiert. Fraport-Chef Stefan Schulte, Lufthansa-Vorstandsvorsitzender Christoph Franz, Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU), Hessens Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP) und Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) sind bei der Eröffnungszeremonie nach der Landung von Angela Merkel die Protagonisten.

In Flörsheim ist "Dirty Landing", wie der Protest-Nachmittag auf dem Ex-Hertie-Gelände an der Weilbacher Straße von den Veranstaltern, den Bürgerinitiativen gegen den Flughafenausbau, genannt wird, der Auftakt eines langanhaltenden Protestes. Doch erst einmal ist für eine kurze Zeit Ruhe angesagt. Innerhalb von acht, neun Minuten leert sich der Platz. Flörsheims Bürgermeister Michael Antenbrink (SPD) hat den Standort noch nicht verlassen. Er zweifelt: "War das jetzt alles? Das kann ich kaum glauben." Er soll recht behalten. Die Antwort erhält er noch nicht einmal eine Stunde später.

Ein Donnergrollen in der Luft: Lesen Sie auch den 2. Teil des Artikels.

Donnergrollen in der Luft

15.36 Uhr. Nach dem Merkel-Überflug kommen sie wie riesige Vögel herangeschwebt, eine nach der anderen. Ein Donnergrollen erfüllt die Luft. Wenige Minuten und Sekunden, dann düsen die Flugzeuge nacheinander im Minutentakt im Niedrigflug über den Norden der Stadt.

In der Rheinallee und den Nebenstraßen sind an diesem Freitagnachmittag schon viele Berufstätige zu Hause. Eine Haustür nach der anderen geht auf. Die Bewohner treten hinaus, gehen auf dem Gehweg vor der Straße und schauen in den Himmel. Wie glänzende graue Drachen kommen die Maschinen über das Baugebiet Nord hergefallen. Dutzende Menschen stehen staunend vor ihren Wohnungen, beobachten das ungewohnte Spektakel über ihnen. Kopfschütteln ist meist die letzte Reaktion, bevor sie wieder ins Haus gehen. Gesprochen wird nicht viel. Die eigenen Worte sind fast nicht mehr zu hören. "Wie im Luftkrieg", ruft einer der Zuschauer mit lauter Stimme seinem Nachbar zu, bevor er mit gesenktem Haupt in sein Wohnhaus tritt und die Haustür schließt.

Die Pest der Neuzeit

Auch Umweltschützer Bernd Zürn ist noch auf dem Platz in der Nähe der Rheinallee, auf dem es noch vor kurzer Zeit vor Protestierer wimmelte. Er hat ein mobiles Messgerät dabei und zeigt Umstehenden die Ergebnisse – fast 80 Dezibel zeigt sein Gerät für die ersten beiden Überflüge in Flörsheim Nord an. Manchmal sind es mehr als 80 Dezibel. Es hört nicht mehr auf. Ungewöhnlich lange, so das Wetteramt, dauert schon die Ostwetterlage an. Die Folge: Vor allem die Bewohner des Baugebietes Nord sind mit ihren Nerven am Ende.

28. Oktober, 19.15 Uhr. Bei einer Demonstration auf dem Platz an der Gallus-Kirche liegen die Nerven blank. Flörsheims Bürgermeister Michael Antenbrink erklärt öffentlich, ihm sei "es scheißegal", mit wem der Frankfurter Flughafen in Konkurrenz stehe. Es gehe um die Gesundheit der Menschen. Der evangelische Pfarrer Martin Hanauer verbrennt demonstrativ eine Fraport-Werbebroschüre.

Der katholische Pfarrer Frank-Peter Beuler vergleicht die Pestzeit in Flörsheim mit den Auswirkungen des Fluglärms. Wochen später erklärt der Seelsorger bei einer weiteren Demonstration: "Herr lass Hirn vom Himmel fallen." Die Politiker müssten etwas unternehmen fordert Beuler.

Das Thema Fluglärm ist allgegenwärtig. In einem Gottesdienst in der Sankt-Gallus-Kirche weinen Gemeindemitglieder, als bei der Predigt das Thema im Mittelpunkt steht. Sie fühlen sich ohnmächtig gegenüber der Fraport und nicht ernst genommen von den Politikern. Nicht nur junge Familien wohnen im Norden der Stadt, sondern auch ältere Menschen. Manche von ihnen sind durch den Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben worden. Nun fühlen sie sich erneut als Vertriebene. "Ich kann doch in meinem Alter nicht mehr woanders hinziehen", erzählt leise eine 76-Jährige von ihrem Kummer.

Ziegel fallen vom Dach

Noch nicht einmal zwei Wochen nach Eröffnung der Landebahn Nordwest fällt erst ein Ölgemisch vom Himmel auf ein Haus im Baugebiet Nord. Dann krachen Dachziegel auf die Straße – auch im Norden von Flörsheim. Die Dachdecker sind es gewohnt, dass die Wirbelschleppen der Flugzeuge ihnen Arbeit bescheren. Sie sind auch in der Nachbarstadt Raunheim auf der anderen Mainseite im Einsatz. Dort sind solche Vorkommnisse seit Jahren nichts besonderes. Die Fraport zahlt ohne viel Aufhebens die Reparaturarbeiten.

"Wir suchen uns was anderes. Das hält man hier auf Dauer nicht mehr aus", sagt ein Flörsheimer, der sein sieben Jahre altes Haus verkaufen und in die Kreisstadt, nach Hofheim, ziehen möchte. Manche Familien haben der Mainstadt schon den Rücken gekehrt. Sie wollten nicht abwarten, wie es sich lebt, wenn die Landebahn in Betrieb ist. Idstein, Oberursel, Hofheim, Bad Homburg – so lauten die Namen ihrer neuen Heimatstädten. Der Exodus geht weiter.

18. November. Genau vier Wochen nach der Inbetriebnahme der Landebahn Nordwest kommt das Fraport-Mobil in die Mainstadt. Der "Skandal im Sperrbezirk" findet auf einem Grundstück gegenüber dem Einkaufscenter, den Flörsheim Kolonnaden, im Norden der Kommune statt: Dort wird das Informationsangebot des Flughafenbetreibers zum Casa-Hauskauf- und Entschädigungsprogramm in einem Lastwagen-Aufleger präsentiert. Die Infos sorgen für Wut und Ärger bei den Flörsheimern, die seit Wochen Tag und Nacht vom infernalischem Fluglärm genervt sind. "Das ist skandalös, die halten uns für blöd", meinte eine Flörsheimerin, als sie aus dem Info-Truck wieder herauskommt. Ein Fraport-Mitarbeiter bestritt kurz zuvor, dass über ihrem Hausdach in der Gallusstraße die Flugzeuge hinweg donnern. Das könne aufgrund der festgelegten Routen überhaupt nicht sein, die Maschinen würden ja über die Felder in Richtung Landebahn fliegen, meint der Fraport-Mann. Ansprüche auf Leistungen aus dem Casa-Programm habe sie nicht, meint der Fraport-Mann noch. Sie liege mit ihrer Immobilie außerhalb der Entschädigungszone. Mehrere Monate später wird das Casa-Angebot erweitert. Auch in der Gallusstraße macht die Fraport nun mehr Angebote auf Antrag Kauf- – oder Entschädigungsangebote.

Neues Jahr, altes Leid

Die Wochen vergehen. Auch der Winter. Die Fastnacht ist so wie immer in Flörsheim. Laut, bunt, fröhlich. Und doch zieht sich das Thema Fluglärm mit Ironie, Witz und Sarkasmus durch die Vorträge bei den Fremdensitzungen. Der Frust der Flörsheimer ist bei einer Sitzung des Flörsheimer Carneval Vereins in der Stadthalle auf einer großen Video-Wand zu sehen. Mit einem deftigen Schimpfwort, der den hinteren Teil eines Menschen mit zwei zusammengesetzten Wörtern beschreibt, wird Ex-Ministerpräsident Roland Koch (CDU) bedacht.

Frühjahr 2012: Der Bürgermeisterwahlkampf in Flörsheim hat einen glasklaren Favoriten, Amtsinhaber Michael Antenbrink. (SPD). Denn CDU-Mann Markus Ochs, der selbst unter dem Fluglärm leidet und gegen seine Parteifreunde in Wiesbaden kämpft, bekommt den Flughafen-Malus auferlegt. "Nie mehr CDU, die haben uns das eingebrockt", zischelt eine ältere Dame, die beim Verkünden des Wahlergebnisses in der Stadthalle auf ihren Button zeigt: "Stoppt den Ausbau-Wahnsinn!", steht darauf.

Zwischenzeitlich besuchen Landespolitiker die vom Fluglärm gebeutelte Kommune. Während Ministerpräsident Volker Bouffier und der Leiter der Staatskanzlei, Staatsminister Axel Wintermeyer (beide CDU), eine betroffene Familie im Neubaugebiet Nord besuchen, lädt Hessens SPD-Vorsitzender Thorsten Schäfer-Gümbel die Journalisten zu seiner Flörsheimer Stippvisite ein. Der Sozialdemokrat zeigt sich überrascht von den niedrigen Überflügen. Er stimmte einst im hessischen Landtag für den Ausbau des Frankfurter Flughafens und für den Bau der Nordwest-Landebahn.

Oktober 2012: Die Bürgeriniativen rufen zur Großdemonstration. Am Sonntag, 21. Oktober, ist die Landebahn ein Jahr in Betrieb. Ein Datum, das in Flörsheim unvergessen ist.

Mitte Oktober 2012: Die Gespräche an den Stammtischen in den Flörsheimer Gasthäusern drehen sich wieder um den Ausbau. "Es gibt keine Ruhe mehr", meint ein Lokalbesucher. Ein anderer Gast pflichtet ihm bei: "Das wird hier nix mehr mit der Idylle." Sein Tischnachbar erklärt, dass er auf dem Flughafen arbeitet. Der Ausbau sei richtig gewesen. Aber es ist zu laut, meint auch dieser Flörsheimer.

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