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Kreishandwerksmeister: Raimund Dorn: Über die Unternehmer-Lage und die eigene Nachfolge

18 Mitarbeiter hat die Bäckerei, so viele wie nie. Auch hat der Chef keine Probleme, qualifizierte Lehrlinge zu finden.
Raimund Dorn in Aktion in seiner Backstube am Kirchplatz. Heute zieht er aber feinen Zwirn an, es gibt einen Empfang für ihn. Foto: Hans Nietner Raimund Dorn in Aktion in seiner Backstube am Kirchplatz. Heute zieht er aber feinen Zwirn an, es gibt einen Empfang für ihn.
Münster. 

Mittagszeit in der Bäckerei Dorn. Der Chef hat mit seinen drei Lehrlingen und zwei Gesellen die Backstube fein gesäubert und gönnt sich eine Pause. Dort, wo er gerade sitzt, war früher das Büro. Nun hängen bunte Bilder aus aller Welt an der Wand – Länder, die Raimund Dorn schon bereist hat. In der Backstube wiederum sind Zeugnisse von Eintracht Frankfurt zu sehen – ein Lehrling sei Fan, sagt der Bäckermeister, der selbst die Main-Kicker schon gut findet.

Heute muss sich Raimund Dorn schon weit vor dem Mittag aber in eine deutlich feinere Kluft geschält haben. Denn der Kreishandwerksmeister feiert seinen 65. Geburtstag – und dafür gibt es extra einen Empfang im Haus des Handwerks. Fast alle Gäste haben zugesagt, freut sich Dorn beim Besuch des Kreisblatts. Ein Zeichen der Wertschätzung für den Ur-Münsterer, der seit elf Jahren Chef der MTK-Handwerker ist. Von 1996 bis 2006 war er auch Obermeister der Bäckerinnung. Nach der Fusion mit dem Hochtaunuskreis ist er immer noch Stellvertreter. Und im Berufsbildungsausschuss ist er ebenfalls aktiv.

Andere Vorstellungen

Diese Posten würde er noch ein bisschen behalten – selbst wenn jetzt die 65 als ehemaliges Rentenalter aktuell ist. Als Handwerkerchef ist er ja noch bis 2021 gewählt. Und als Herr der Backstube am Kirchplatz in Münster denkt er noch lange nicht ans Aufhören. Bis „kurz vor die 70“ könne er sich das frühe Aufstehen – um 3 Uhr legt das Team los – noch vorstellen. Danach ist die Zukunft ungewiss. Seine beiden Söhne haben zwar Bäcker gelernt, wollen den Betrieb aber nicht übernehmen. Seine Tochter ist bei der Stadtverwaltung beschäftigt. Den Laden vorne werde er sicher an einen Filialisten verpachten können, weiß Dorn. Doch die Produktion werde dann wohl nach dem Start im Jahr 1905 irgendwann still stehen. „Am Anfang habe ich schon erstmal geschluckt“, sagt Dorn. Aber er weiß: Andere Generationen haben andere Ideen und Vorstellungen. Da könne nicht erwartet werden, den Betrieb zu übernehmen.

Bei ihm war das vor mehr als 40 Jahren anders. Gegründet von seinem Urgroßvater Josef Mohr, fortgeführt von Opa Willy Mohr, damals auch Bürgermeister von Münster, und dann seinen Eltern, galt Raimund unter den sechs Geschwistern als geborener Nachfolger. Er war 1972 bei der Prüfung bester Bäckerlehrling Hessens, legte 1974 die Meisterprüfung ab, übernahm ein Jahr später nach dem Tod des Opas dessen Anteile – und machte von 1990 an allein weiter. Aber er blickte immer wieder über den Tellerrand, war zum Beispiel während der Ausbildung als Patissier in einem Hotel in der Schweiz.

Dass er sich später in den Gremien ehrenamtlich engagiert – für Dorn heute eine Selbstverständlichkeit. „Mir wurde damals geholfen von anderen, die damals das Ehrenamt hatten“, betont er. So gibt er seine Erfahrung gerne weiter. Und kennt die Lage im Handwerk genau. Den Spruch mit dem goldenen Boden mag er dabei gar nicht. Das heiße ja so viel wie, die Handwerker würden einfach nur das Geld einsammeln. Es stecke aber viel Fleiß dahinter: „Ein stabiler Boden ist mir lieber als ein goldener Boden.“ Doch richtig ist wohl beides, denn laut Dorn wird im Handwerk gutes Geld verdient. Die Unternehmen im Kreis seien allesamt mit der Auftragslage zufrieden. Sie bedauerten sogar, Kunden mit der Erledigung von Arbeiten länger vertrösten zu müssen, weil die Auftragsbücher voll seien.

Auch der Bäckerbranche gehe es grundsätzlich gut, weiß Dorn. Aber: Im Hochtaunus- und Main-Taunus-Kreis gibt es noch 30 Kollegen mit eigener Produktion. Vor zehn Jahren waren es allein im MTK 27. „Jeden Tag macht in Deutschland eine Bäckerei zu“, interpretiert Dorn die Statistiken. Das liege aber oft an einer nicht geregelten Firmennachfolge. Denn die vielzitierte Konkurrenz durch Discounter kann er hier kaum ausmachen. Diese Läden gebe es schon seit 30 Jahren – und doch haben sich gute Bäckereien mit Qualität immer behauptet – gerade im Rhein-Main-Gebiet, wo „die Kaufkraft da ist“. Dorn hat mit dem Team in der Filiale Altkönigstraße 18 Mitarbeiter – so viele waren es noch nie.

Das Problem im Handwerk ist laut Dorn hingegen das Personal. Es habe immer noch „grundsätzlich ein Imageproblem“. Knapp zwei Drittel aller Schüler wollten auf jeden Fall studieren, später sei dort die Abbrecherquote hoch. Wenn mitunter schon Lehrer bei Berufen wie Metzger oder Bäcker die Nase rümpfen, dann sei das kein gutes Vorbild, hat Dorn schon erlebt. Und auch die Eltern stünden selten hinter solchen Berufswünschen. „Als ob man sich schämen müsste.“

Verstärkte Werbung

Mit der Kammer und der Innung setzt sich Dorn für verstärkte Werbung ein. Er selbst geht ebenfalls in Schulen und wirbt für den Beruf. Zudem ist er in den Datenbanken und den sozialen Netzwerken wie Facebook vertreten, um junge Leute neben potenziellen Kunden zumindest zu informieren. Bei ihm hat das immer funktioniert. Seit Jahrzehnten bildet Dorn aus, fast 50 Lehrlinge waren es. Nie hatte er Schwierigkeiten, jemanden zu finden. Allerdings machen die jungen Bewerber bei ihm eine Woche Praktikum, um das Arbeiten zu testen. Einen tollen Abschluss müssen seine Azubis nicht zwingend haben, vielmehr Spaß am Job, halbwegs ordentliche Mathe- und Deutschkenntnisse.

Wünsche zum 65. Geburtstag hat Dorn einige. Vor allem Gesundheit nach einem privaten Rückschlag zu Jahresbeginn. Ein Supermarkt in Münster zählt nicht dazu, den hält er für „unrealistisch“. Fürs Handwerk richtet er Appelle an die Bundespolitik. So sollten Förderprogramme langfristig aufgelegt werden, „damit Investoren Perspektiven haben“. Je nach Kassenlage werde so etwas oft vom Bund zurückgenommen. Und der Meisterbrief müsse auf jeden Fall erhalten bleiben. „Da würde ich mir ein deutliches Zeichen pro wünschen.“ Bei den Fliesenlegern zum Beispiel gibt es den Brief nicht mehr – und es werde seitdem kaum noch ausgebildet, weiß Dorn, dem für die Zukunft aber nicht bange ist. Auch wenn bei einigen Kelkheimer Bäckerkollegen die Aussichten ebenfalls ungewiss sind. Vor allem will er, jenseits aller Titel, immer neue Horizonte kennenlernen. Gerne auch auf Reisen, denn mehrmals im Jahr nimmt sich Dorn Auszeiten und erkundet allein mit dem Rad die Flüsse Deutschlands. Dann genießt er es, „nicht so verplant und vertaktet“ zu sein.

(wein)
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