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Michael Stuhlmiller: So wird man ein Clown

„Nicht ich bin zum Clown gekommen, sondern er zu mir.“ So beschreibt Michael Stuhlmiller (57) die Anfänge der von ihm gegründeten „Schule für Clowns“. Inzwischen hat er Hunderte darin ausgebildet, andere zum Lachen zu bringen, denn Lustigsein kann man lernen. Mit dem Leiter der Clownschule sprach Kreisblatt-Reporterin Stephanie Kreuzer.
„Jeder kann das Lustigsein lernen“: In seiner Schule in Lorsbach vermittelt Michael Stuhlmiller das Handwerk der Clownerie. Foto: Knapp „Jeder kann das Lustigsein lernen“: In seiner Schule in Lorsbach vermittelt Michael Stuhlmiller das Handwerk der Clownerie.

Welche Idee steckt hinter Ihrer „Schule für Clowns“?

MICHAEL STUHLMILLER: Da ich selber viele Jahre als Musiker, Schauspieler und auch Clown auf der Bühne stand, wurde ich häufig gefragt, wo man das lernen kann. Zuerst waren es nur vereinzelte Workshops und Kurse, und daraus entstand die Idee einer Clownschule, die ich 1994 gründete. Seit 2000 sind wir eine staatlich anerkannte Berufsfachschule und bieten neben der berufsbegleitenden auch eine Vollzeitausbildung. Mit der Mischung aus Schauspiel, Pantomime, Jonglage und Artistik orientieren wir uns eng an dem Bedarf der Teilnehmer. Zu uns kommen ja eher die Non-Konformisten, die keinen geraden Weg gehen oder planen. Ich selber war auch mehr der Klassenclown und aufmüpfige Revoluzzer-Typ, der sich gegen bestehende Strukturen wehrt. Heute ermutige ich jeden, den eigenen Weg zu wählen.

Braucht man ein spezielles Talent, um Clown zu werden?

STUHLMILLER: Prinzipiell kann jeder das Lustigsein lernen! Wir unterrichten ja die „fünf Räume des Lachens“, und das ist sozusagen das Strickmuster zum Lustigwerden. Damit geben wir künftigen Clowns das Hand- und Herzwerk, denn es geht um zwei Dinge: die Technik und das Timing sowie die emotionale Seite, also ums Lachen. Das hat viel mit Körperbewusstsein und Selbsterfahrung zu tun, und man muss zudem die Angst ablegen, sich auf der Bühne lächerlich zu machen. Immerhin haben schon einige unserer Absolventen ihre Clown-Ausbildung erfolgreich weiterentwickelt – bis hin zum Schriftsteller, Regisseur, Musiker oder Klinik-Clown, und sogar bei der Blue Man Group und dem Cirque du Soleil sind unsere einstigen Zöglinge vertreten.

Was ist für Sie lustig?

STUHLMILLER: Ich kann über ganz harmlose Sachen lachen. Reine Körperkomik, witzige Bewegungen und guter Slapstick wie bei „Dick und Doof“ beispielsweise. Es muss nicht intellektuell sein, auch wenig anspruchsvolle Soaps und Serien wie „Sex and the City“ finde ich lustig. Nicht zuletzt wenn Lachen und Weinen nah beieinander liegen und es tragisch wird, berührt mich das.

Kann man das Publikum auch mit einem traurigen Clown begeistern?

STUHLMILLER: Wenn ich die Menschen erreichen will, sollte ich wissen, wie sie funktionieren, und ihre Stärken und Schwächen kennen. Man muss sie nicht immer zum Lachen bringen – aber emotional etwas bei ihnen auslösen, also dass sie traurig, nachdenklich oder melancholisch reagieren. Generell darf man aber nicht abstrus oder grotesk werden, denn darüber kann niemand lachen. Wir Clowns unterscheiden ja verschiedene Stufen – vom Spaß über Witz und Humor bis hin zur Freude. So macht der dumme August, der stolpert, nur Spaß, und das kommt auch bei jedem unmittelbar an. Witz passiert auf intellektueller, sprachlicher Ebene, wenn eine Geschichte erzählt wird. Humor ist immer im Fluss und lässt eine andere Perspektive zu, außerdem konfrontiert er einen mit persönlichen Themen, die man bearbeiten muss. Hier lernen wir, über Dinge zu lachen, die eigentlich nicht lustig sind, also zum Beispiel wenn etwas schiefgeht. Lachen hat immer eine befreiende Funktion, das zeigt sich im Zirkus besonders gut: Wenn man gerade noch ungläubig die Akrobaten bestaunt und mit ihnen mitgefiebert hat, kommt der Clown und stolpert, so dass alle lachen; die Brücke zum Publikum ist wieder hergestellt.

Ist das schwierig, lustig zu sein, wenn man eigentlich schlechtgelaunt ist?

STUHLMILLER: Wenn man auf der Bühne steht, muss man unterscheiden zwischen privat und persönlich. Ein Clown bringt immer die persönlichen Erfahrungen mit ein und geht nicht auf Distanz, anders als ein Schauspieler. Ein guter Clown ist jedoch nie privat. Und das ist auch wichtig, denn man bewegt sich nah an der Grenze der Verletzbarkeit. Aber wenn ich schlecht drauf bin, dann ist das eine rein private Angelegenheit und gehört nicht auf die Bühne. Daher gibt es klare Atem-, Körper- und Konzentrationstechniken, die ich auch Leuten vermittle, die als Führungskraft eine Rede halten müssen. Denn die sollen authentisch rüberkommen, aber nicht privat.

Wieviel Clown-Sein lässt sich auf das „normale“ Leben übertragen?

STUHLMILLER: Sehr viel. Denn auch beim Brötchenkaufen habe ich gewissermaßen einen „Auftritt“ und muss „präsent“ sein. Wir lernen also Techniken, wie ich präsent bleibe, auch wenn mal etwas nicht so läuft wie gewünscht. Zudem gibt es clowneske Varianten, mit Druck oder Problemen eher spielerisch umzugehen, denn das Clowneske hat immer etwas, was weiterführt, aber nichts Verletzendes. Nie geht es darum, den anderen in die Pfanne zu hauen, denn das ist nicht komisch. Wenn das doch kippt, dann beginnt die Häme, und das hat mit Clowns nichts mehr zu tun.

Ihr Buch widmet sich der „Kunst des spielerischen Scheiterns“. Wofür ist Scheitern gut?

STUHLMILLER: Ich wollte dem Wort das Stigma nehmen und ein Tabu durchbrechen. Oft soll man über sein Scheitern gar nicht reden, aber ich appelliere, keine Angst davor zu haben! Denn Scheitern existiert ja nur, weil es Bewertungen gibt. Ein Beispiel dazu: Wenn ich stolpere und hinfalle, aber dann am Boden auf Entdeckungstour gehe, ist das Stolpern ein Impuls, der mich voranbringt. Aus dem Problem entsteht also eine neue Perspektive, ich muss mich nur auf diesen Impuls einlassen. Sich inspirieren zu lassen, ist immer eine Weiterentwicklung. Wenn ich mich durch das Hinfallen allerdings als Versager fühle, findet erst das Scheitern statt. Der eine spielt also damit, der andere scheitert tatsächlich. Daher nehme ich die Leute an der Hand und zeige ihnen, wie sie das Scheitern spielerisch ausloten können.

 

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