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Sozialamt zahlt die Operation für Biser Rusev

Ende Januar ist der Bulgare Biser Rusev (37) auf einer Baustelle im Industriepark gestürzt. Weil er nicht krankenversichert ist, stritten sich Sozialamt und Uni-Klinik seit dem Unfall um die Kostenübernahme für die Behandlung – bis gestern.
Haben ihr erstes „Etappenziel“ erreicht: Kirsten Huckenbeck und Biser Rusev im Universitäts-Klinikum.	Foto: Jana Kötter Haben ihr erstes „Etappenziel“ erreicht: Kirsten Huckenbeck und Biser Rusev im Universitäts-Klinikum. Foto: Jana Kötter
Frankfurt. 

Sechs Wochen lang hat Biser Rusev auf den Bescheid gewartet. Sechs Wochen, die seit seinem Unfall im Industriepark vergangenen sind. Ende Januar stürzte er dort von einer Leiter, während er für einen Subunternehmer auf der Baustelle tätig war. Bis gestern wartete er mit der Diagnose Harnröhrenabriss auf den Bescheid, der die Kostenübernahme für die notwendige Operation regelt.

Lange gewartet

Als Kirsten Huckenbeck den Anruf vom Universitätsklinikum bekam, dass die Operation vom Sozialamt bewilligt wird, "fiel ihr ein Stein vom Herzen." Doch vor allem freute sich der 37-Jährige selbst. "Ich habe so lange auf die Operation gewartet." Huckenbeck begleitete den Bulgaren seit dem Unfall bei Arztbesuchen, Behördengängen, den Verhandlungen mit dem Sozialamt. Für Fälle wie ihn hat Verdi die Anlaufstelle für prekär beschäftigte Migranten (Migrar) eingerichtet. Im Namen von Migrar verfasste Huckenbeck einen Brief an die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft. Die Vorwürfe gegen die Unternehmer, die Rusev beschäftigten: Umgehung von Sozialversicherung, Scheinselbstständigkeit.

Denn beschäftigt war Rusev in unklaren Verhältnissen - und steht damit für viele seiner Landsleute, die auf der Suche nach Arbeit nach Deutschland kommen. Rusev lebt und arbeitet seit Oktober 2011 in Höchst. Er hat ein Gewerbe angemeldet, hilft hier und dort auf dem Bau aus. Zuletzt war er für seinen Auftraggeber, Subunternehmer A., der ein Internetcafé im Bahnhofsviertel betreibt, bei dem Generalunternehmer OAM Industriedemontage GmbH mit Sitz im Industriepark Höchst beschäftigt. Die exakten Verhältnisse zu klären ist schwer, weiß Huckenbeck. Zeugen wollen nicht aussagen, "man hat ihnen gedroht".

Verhältnisse sind unklar

"Es ist noch völlig unklar, wie genau die Beschäftigungsverhältnisse aussahen", sagt auch Robert Woggon von Infraserv. Zwar gehe er davon aus, dass es sich bei Rusev um einen Einzelfall auf dem Industriepark-Gelände halte, jedoch liegen noch "keinerlei Informationen" vor. "Der Unfall wurde uns auch nicht als Arbeitsunfall gemeldet." Auch OAM habe erstmals durch die Pressemitteilung der Gewerkschaft vom Unglück erfahren, sagt Geschäftsführer Arcangeli. "Daraufhin haben wir unseren Subunternehmer um entsprechende Aufklärung und Mitwirkung ersucht." - Bisher ohne Erfolg.

Rechtliche Fragen klären

Weil ihn seine Auftraggeber nicht anmeldeten, hat Rusev keine Krankenversicherung. Weil er aber trotzdem arbeitete und die Verantwortlichkeit für den Unfall somit unklar ist, wollte in den vergangenen Wochen niemand die Kosten für die auf 15 000 Euro geschätzte Operation tragen. Auch das Universitätsklinikum wollte die Operation, die zur Vermeidung chronischer Inkontinenz nötig war, nicht durchführen, bevor nicht die Kostenzusage des Sozialamts vorlag.

Diese erreichte die Klinik gestern. "Wir übernehmen die Kosten für die Operation, sobald eine Einweisung vorliegt, die den Eingriff als Notfall attestiert", erklärt Fuchs vom Sozialamt. "Dies war bei Biser Rusev bis zum 21. März jedoch nicht der Fall." Vergangene Woche ging das Attest ein, dass die Operation als Notfall bestätigt. "Nach der Prüfung im Stadtgesundheitsamt wurde die Übernahme der Kosten am Montag bestätigt und an die Klinik gesandt." Der Brief kam gestern an.

Termin für die Operation ist der 30. April. Das Patientenmanagement konnte aufgrund der hohen Auslastung im Klinikum keinen anderen Termin finden. Für Huckenbeck bleibt bis dahin viel zu tun. "Jetzt können wir uns um alles Rechtliche kümmern." Dazu gehören nicht nur das Klären der Arbeitsverhältnisse und das Einfordern der ausstehenden Lohnzahlungen, sondern vor allem die Konzentration auf den Subunternehmer A., der Rusev auf die Baustelle geschickt hatte. A. habe Rusev bereits mehrfach gedroht, sagt Huckenbeck: Er werde Frankfurt nicht lebend verlassen. "Wir haben bereits Anzeige erstattet. Doch natürlich müssen wir hier besonderes Augenmerk drauf legen."

Zunächst freut sich Huckenbeck über ihr "Etappenziel" - ebenso wie Biser Rusev. Er freut sich, schon bald wieder arbeiten zu gehen. Für Huckenbeck jedoch fängt die Arbeit jetzt erst richtig an. "Wir müssen Licht ins Dunkel bringen."

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