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Tragische Schicksale

Von Eines hatten Menschen aus Flörsheim, Weilbach und Wicker gemeinsam: Sie waren Soldaten in einem wahnwitzigen Krieg, der letztlich keine Sieger hatte.
Dieses Foto zeigt Martin Schuhmacher (rechts) im Lazarett, in dem er knapp vier Monate nach seiner Einlieferung im Juli 1918 verstarb. Bilder > Dieses Foto zeigt Martin Schuhmacher (rechts) im Lazarett, in dem er knapp vier Monate nach seiner Einlieferung im Juli 1918 verstarb.
Flörsheim. 

Die fünf grauen Ordner, die Peter Becker in seiner Wohnung bereit gelegt hat, sehen aus wie Aktensammlungen. Der Inhalt der prall gefüllten Mappen ist jedoch weitaus bewegender als es Steuererklärungen oder Büromaterial je sein könnten. Die dicken Wälzer enthalten die Schicksale aller Flörsheimer Gefallenen aus dem Ersten Weltkrieg. Zusammen mit einigen Helfern arbeitet Becker an einer Buchveröffentlichung, die den Menschen, die vor 100 Jahren ihr Leben ließen, ein Gesicht geben soll.

Block 9, Grab 1460 in Vladslo, Westflandern – so nüchtern und kalt klingt die Beschreibung der letzten Ruhestätte des Flörsheimers Jakob Dienst . Der 21-Jährige war der erste Flörsheimer, der nach dem Kriegsbeginn im Jahr 1914 sei Leben ließ. Unter der Überschrift „Der Totentanz beginnt“ stellt Peter Becker den jungen Mann vor, der 22 Tage nach Ausbruch des Weltkrieges getötet wurde. Ein Foto zeigt Jakob Dienst in Friedenszeiten im Kreis seiner großen Familie. Der Flörsheimer wurde am 5. Oktober 1893 als Sohn des Maurermeisters Jakob Dienst aus der Eisenbahnstraße 67 geboren. Nach dem Besuch der Volksschule stieg er in den Beruf des Vaters ein. Lange konnte er diese Fußstapfen jedoch nicht ausfüllen: Am 20. August 1914 fiel der Flörsheimer im Kampf um den belgischen Ort Semel.

Die Geschichten, die Peter Becker und seine Helfer zusammengetragen haben, zeigen die persönliche Dramen hinter den ohnehin schon traurigen Todeszahlen: Eines der tragischen Schicksale ist der Fall von Franz Weilbacher aus der Häfnergasse 3. Der Landwirt ließ eine Frau und zwei Söhne zurück, als er im Oktober 1915 einrückte. Weilbacher hatte bereits zweieinhalb Jahre des ausufernden Kriegstreibens überlebt, als er im Mai 1918 zum Heimaturlaub nach Flörsheim zurückkehrte. Während des Aufenthaltes zeugte er einen weiteren Sohn. Der Soldat einer Minenwerfer-Kompanie bekam seinen Jüngsten aber nie zu Gesicht. Zwei Wochen nach seinem Urlaub – am 7. Juni 1918 – starb Franz Weilbacher an den Folgen eines Kopfschusses. Die Botschaft erreichte die Familie gemeinsam mit einem Brief, in dem Weilbacher mitteilte, dass er wohlbehalten sei. Was blieb, war die Erinnerung: Der Sohn, der neun Monate nach seinem Tod zur Welt kam, wurde im Andenken an den Vater auf den Namen Franz getauft.

Bewegend ist auch das Schicksal der Familie Schuhmacher: Der Flörsheimer Martin Schuhmacher erblickte am 19. September 1893 das Licht der Welt. Er lernte den Beruf des Schlossers, dem er bis zum Jahr 1915 nachgehen konnte. Dann wurde Martin Schuhmacher eingezogen und an die Ostfront geschickt. Drei Jahre lang kämpfte er als Gefreiter in einer Maschinengewehr-Kompanie. Im Jahr 1918 musste sein Infanterie-Regiment an die Westfront umziehen. Dort wurde Martin Schuhmacher am 23. März 1918 bei Stellungskämpfen um Lothringen schwer verwundet. Knapp vier Monate lang lag er im Lazarett, als den Angehörigen die Erlaubnis zum Besuch Schwerverwundeten erteilt wurde. Die Familie machte sich zur Abreise bereit. Bevor sie aufbrechen konnten, ging jedoch die Trauerbotschaft ein, dass der Sohn am 16. Juli 1918 verstorben war. Die Angehörigen konnten ihre Reisepapiere nur noch nutzen, um seiner Beerdigung beizuwohnen.

Insgesamt kostete der Erste Weltkrieg 167 Soldaten aus Flörsheim, Wicker und Weilbach das Leben. Die handschriftliche Nachricht über den Tod sei in den meisten Fällen zunächst an den Bürgermeister gegangen, berichtet Peter Becker. Die Verwaltung habe daraufhin eine Abschrift an die Familie versendet. Eine auffällig hohe Todeszahl stellte Becker für das Jahr 1916 fest. „Da geht es Schlag auf Schlag“, erklärt der Autor. Auslöser seien große Schlachten wie der Kampf um Verdun gewesen, die sich in diesem Kriegsjahr ereigneten. Becker hat außerdem festgestellt, dass viele Soldaten gegen Ende des Ersten Krieges an verschiedenen Krankheiten starben.

Der Weilbacher Peter Duchmann, der Becker bei der Recherche half, ist beeindruckt von den alten Fotos aus den Lazaretten. Dass dort Menschen posieren, die kurz darauf ihr Leben ließen, beschäftigt den Helfer. „Wenn man das so sieht, denkt man gar nicht, dass die sterben“, sagt Duchmann. Der Flörsheimer Fotograf und Grafiker Kurt Wörsdörfer ist überrascht, wie viel Bildmaterial vom Ersten Weltkrieg bis heute existiert. Wörsdörfer hilft bei der optischen Gestaltung des Buches. „Es ist immer wieder ein Highlight, wenn man den Text mit einem passenden Bild untermauern kann“, sagt der Experte. Peter Becker hat in der Vergangenheit schon über den Zweiten Weltkrieg geschrieben und stellt fest, dass es leichter war, Bilder aus dem Ersten Weltkrieg aufzutreiben. Er glaubt, dass die Angehörigen weniger zögerlich sind, weil der Erste Weltkrieg „nicht so anrüchig“ ist.

Die teilweise tragischen Geschichten, gingen den Entwicklern des Buches nicht selten sehr nahe: „Da sind schon Sachen dabei, die anrührend sind“, erzählt Peter Becker. Peter Duchmann gibt zu, dass er während der Recherchen von gefallenen Soldaten geträumt hat.

Der Erste Weltkrieg steht auch im Mittelpunkt der Veranstaltung „Sag Nein zum Krieg!“ am Sonntag, 10. August. An der Kriegergedächtniskapelle wird ab 14 Uhr wird mit Ansprachen und einer Aufführung des Flörsheimer Amateur Theaters (FAT) an die Gefallenen erinnert. Bereits am Vortag werden im Gedenken an die Toten viele Kreuze auf der Wiese neben der Kapelle aufgestellt.

Extra: 700 Seiten, 600 Fotos

Zwei Jahre lang hat Peter Becker recherchiert. Unterstützt wurde er dabei von mehreren historisch interessierten Mitstreitern. Zu den Helfern gehören Peter Duchmann, Franz Eberwein, Heinrich Eckert,

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Info: Opfer auch in den Partnerstädten

Insgesamt 167 Soldaten aus dem Flörsheimer Stadtgebiet starben während des Ersten Weltkrieges. Hinzu kamen noch einige Männer, die verschwanden, ohne dass ihr Schicksal endgültig geklärt werden konnte.

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