Training im Gasthaus-Ring

Muhammad Ali wird heute 70 Jahre alt. Gratulanten kommen auch aus Deutschland. Einer von ihnen hat im ehemaligen Gasthaus Weigand für den Fight gegen die Box-Legende trainiert.
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Bad Soden. 

Sie waren Helden zu ihrer Zeit, heute sind es Legenden, größer, als die Klitschkos jemals werden können: Cassius Clay, der sich später Muhammad Ali nannte, und Karl Mildenberger. Wenn der Amerikaner boxte, wurde in Deutschland die Nacht zum Tag. Wer es irgendwie möglich machen konnte, saß vor dem Fernseher.

Und als der Amerikaner, der heute 70 Jahre alt wird, 1966 gegen den Deutschen kämpfte? Der Bad Sodener Boxfan Jürgen Faber (heute 69) erinnert sich: "ARD und ZDF haben nicht übertragen! Waren damals schon langweilig oder einfach zu geizig. RTL gab es noch nicht." Für Faber folgte "ein unvergessenes Sportereignis" – er war beim Kampf im Waldstadion live dabei. "Von der 6. Runde an schrieen 20 000 Fans ,Milde, Milde, Milde’." In der 12. Runde verlor Mildenberger dann durch technischen K.o. Jürger Faber ist noch immer beeindruckt: "Was mich heute noch wundert, Karls starke Linke klebte im Kampf förmlich an seinem Körper, Mensch Karl, hättest du doch einfach mal mit deiner Linken richtig zugeschlagen! Wer weiß, wie der Kampf damals ausgegangen wäre."

In seiner Heimatstadt Kaiserslautern wurde Mildenberger von 80 000 jubelnden Fans begrüßt. Sie verliehen "Karl dem Flachen" (nachdem er mal in der 1. Runde blitzartig K.o. gegangen war) nun den Namen "Karl der Große".

Bubi Scholz an der Theke

Freunde von Faber waren vor dem Kampf sogar im Boxring und schwenkten eine riesige deutsche Fahne. "Das war Fußvolk, das ist heute unvorstellbar." Genauso unvorstellbar ist es für Faber, wie locker der Umgang der Boxer damals mit den Fans war. Auf der Internet-Homepage des Bad Sodener Hotels Concorde, Nachfolger des Gasthaus Weigand, steht: "Neben einem großen Speisesaal und einer offenen Halle blieb in dem Garten mit den Kastanienbäumen noch genug Platz, um eine einladende Gartenwirtschaft einzurichten. Im angrenzenden Saal hielt der ,Boxstall Müller’ Einzug, in dem Berühmtheiten wie Cassius Clay (Mohammad Ali), Karl Mildenberger und Bonavena für ihre Boxkämpfe trainierten." Und Jürgen Faber fügt hinzu: "Im Biergarten stand ein Boxring."

Für den Kampf im Waldstadion hatte Mildenberger sein Trainingscamp im Weigand aufgebaut. "Man muss sich das so vorstellen: Wir tranken unser Bier in der ,Schwemme‘ und neben dir stand Bubi Scholz, Karl Mildenberger, Joe Louis, der riesige Zech oder eine andere Größe des damaligen Boxsports. Vollkommen unkompliziert und offen konnte man mit den großen Box-Athleten über Boxen fachsimpeln oder einfach nur über das Wetter sprechen." Heute, so meint Faber, sei das unvorstellbar. "Die sind doch umringt von Bodygards, die jeden, der näher als 30 Meter rankommt, sofort verjagen."

Unvorstellbar wäre heute auch die Begegnung Fabers mit Joe Louis, schon allein deshalb, weil es keine Pinkelrinnen mehr gibt. Im Gegensatz zu den mit Holzwänden getrennten Urinalen heutzutage waren die Pinkelrinnen früher Orte geselliger Zusammentreffen. Man stand nebeneinander, tat, was man tun musste und plauderte dabei fröhlich über Gott und die Welt.

Pinkeln neben Joe Louis

Die Erinnerung an eine Begegnung dort hat Faber schriftlich festgehalten: "Neben mir stand Joe Louis. Erst hatte ich ihn in der schlechten Beleuchtung gar nicht erkannt. Dann aber! Ich nahm mir Mut, kratzte in meinem Kopf mein ganzes Englisch zusammen und sagte zu meinem Nachbarn: ,Hello Joe.’ Zu meiner Überraschung strahlte mich ein freundliches Gesicht an und fragte mich: ,And your name?‘ Pinkelnd antwortete ich: ,Jürgen‘. Da streckte mir die Boxlegende seine rechte Hand zum Handschlag entgegen. Ich griff zu! Joe sah mich freundlich an, sagte ,Hallo Jürgen‘, ich noch einmal ,Hello Joe‘. Sein fester Männerhandschlag überraschte mich nicht, schließlich war der Mann, diese lebende Legende, einmal Boxweltmeister im Schwergewicht." Faber erzählt, er habe sich die rechte Hand wochenlang nicht mehr gewaschen, dementiert das dann aber sofort. Einen Bierdeckel vom Frankfurter Brauhaus mit dem Autogramm von Joe Louis besitzt er aber heute noch.

Heute sieht sich Jürgen Faber große Sportereignisse immer noch gern im Fernsehen an, Fußball-Länderspiele beispielsweise. Und für die Klitschkos steht der Boxfans nachts sogar auf. Aber eines ist für ihn auch sicher: "Ali ist der Größte." Das hat der auch immer von sich behauptet.

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