Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 8°C
4 Kommentare

Unfall auf der B8 bei Kelkheim: Unterlassene Hilfeleistung: Autofahrer kümmern sich nicht um Verletzte

Von Der Bruder einer verletzten Unfallbeteiligten klagt mehrere Autofahrer an, die den Notfall einfach ignoriert haben. Die Polizei geht solchen Fällen nach – vorausgesetzt, es gibt Anhaltspunkte.
Durch dieses Trümmerfeld schlängelten sich nach dem heftigen Unfall auf der B 8 noch Autofahrer, ohne den vier Verletzten zu helfen.   Foto: Sven-Sebastian Sajak Foto: Sven-Sebastian Sajak Durch dieses Trümmerfeld schlängelten sich nach dem heftigen Unfall auf der B 8 noch Autofahrer, ohne den vier Verletzten zu helfen. Foto: Sven-Sebastian Sajak
Königstein/Bad Soden. 

Sie wollten einen Ausflug von Königstein nach Kelkheim machen. Doch der wurde auf der B 8 bei Altenhain jäh gestoppt. Dirk Götze kam bei dem schweren Unfall am Montag gegen 13.30 Uhr mit dem Schrecken davon, seine Schwester, deren Mitfahrerin sowie die beiden Insassen des vermutlich unfallverursachenden Fahrzeugs wurden aber zum Teil erheblich verletzt.

Götze hat den heftigen Unfall aus einer anderen Sicht erlebt: Er fuhr voraus, als es hinter ihm „einen riesen Schlag gegeben hatte“. Im Rückspiegel sah er, wie der Wagen seiner Schwester mit dem anderen Auto frontal zusammengeprallt war. Der Königsteiner setzte mit Vollgas zurück, wollte nur zum Wagen seiner Schwester und helfen.

Doch was er in dieser Notsituation erlebte, trug kaum zur Beruhigung bei: Mindestens vier Fahrzeuge seien direkt nach dem Unfall an den zerbeulten Autos vorbeigefahren, einer sogar im Slalom rund um abgerissene Fahrzeugteile und einen Reifen. „Das hat mich mehr als schockiert“, erzählt Götze dieser Zeitung.

Der Gipfel sollte noch folgen: Der Bruder des Unfallopfers stoppte ein Auto, bat den Fahrer, die Scheibe herunterzufahren. Als er fragte, ob der Fahrer helfen könne, habe der Mann die Scheibe wieder geschlossen und sei mit seiner Beifahrerin weitergefahren.

Das sei ganz klar unterlassene Hilfeleistung, ist Götze erbost über dieses Verhalten. Mindestens mit einer Geldstrafe kann so etwas geahndet werden (siehe rechts). „Einfach weiterzufahren, obwohl im verunfallten Fahrzeug eingeklemmte Personen zu retten waren, ist perfide“, schreibt Götze in einer Botschaft, die er über Facebook verbreitet hat.

Ignoranz regiert – überall

Wer bei Unglücksfällen nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm zuzumuten ist, „wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe bestraft“. So steht es in Paragraf 323 im Strafgesetzbuch.

clearing

Darin möchte er eine Diskussion über das Thema Hilfeleistung anstoßen und fragt: „Keine Zeit für Hilfe?“ Er ärgert sich vielmehr über die Ignoranz vieler Menschen in diesem Fall: „Da gibt es für mich keine Ausrede. Wer diesen Schlag nicht gehört hat und sich nicht mal umschaut, dem gehört der Führerschein abgenommen“, sagt Götze, der andererseits dankbar ist für jene Helfer, die angehalten und ihn unterstützt haben. In seiner Aufregung habe er sich die Kennzeichen der Ignoranten nicht gemerkt, sagt Götze. Nur dann gebe es Chancen, unterlassene Hilfeleistung nachzuweisen. Im Nachgang hat er für Hinweise jetzt gar eine Belohnung ausgesetzt.

Der Königsteiner denkt noch weiter: Längst gebe es in einigen Autos sogenannte Dash-Cams, kleine Kameras, die während der Fahrt filmen. Er überlegt, sich so etwas anzuschaffen, und bedauert, dass diese Kameras vor Gericht noch immer nicht verwertbar seien. Aber wichtige Anhaltspunkte für die Polizei könnten sie liefern.

Schwer nachzuweisen

„Die Frage des Nachweises ist eine große“, weiß auch Markus Hoffmann, Sprecher im Polizeipräsidium Westhessen. Er betont: „Weiterfahren geht gar nicht. Das ist eine Straftat. Solchen Sachen gehen wir nach.“ Die Polizei sei immer wieder mit diesen Fällen konfrontiert. Die A 3 sei so ein Beispiel. Bei Unfällen halten zwar manche Fahrer an, aber oft nur, um zu schauen oder gar Handyfotos zu machen. „Die Verkettung ist das, womit sich die Polizei oft befassen muss“, sagt Hoffmann mit Blick auf unterlassene Hilfeleistung, Gaffer und Fahrer, die eine Rettungsgasse blockieren. Zum aktuellen Fall auf der B 8 zwischen Hornau und Altenhain gebe es keine konkreten Hinweise auf unterlassene Hilfeleistung. Auch die genaue Ursache sei noch nicht geklärt. Ein 33-Jähriger war mit seinem Wagen in den Gegenverkehr geraten und hatte das Auto von Dirk Götzes Schwester, die zu Besuch bei der Familie war, frontal gerammt.

Thomas Velten, Stellvertretender Stadtbrandinspektor in Bad Soden, war mit der Feuerwehr als Helfer an Ort und Stelle. Eine Frau habe mittels Rettungsschere aus dem Auto befreit werden müssen, berichtet er. Von unterlassener Hilfeleistung hat er einige Minuten nach dem Unfall nichts mehr mitbekommen. Er kenne aber dieses Phänomen und bedauere es: „Es gibt eine große Hemmschwelle. Jeder will irgendwohin, dann wird erst mal die Scheuklappe aufgesetzt.“

Doch Velten kennt auch positive Beispiele: Als in Altenhain eine Radfahrerin gestürzt sei, habe ihr ein Jogger sofort geholfen, die „112“ gewählt und sie bis zum Eintreffen der Helfer betreut. „Das funktioniert in der Regel hier in diesem sozialen Umfeld“, findet Velten. Die Retter im Main-Taunus-Kreis werden in der Ausbildung auch zum Thema unterlassene Hilfeleistung geschult.

Mut zum Beistand machen

Viele Bürger schrecken zurück, einem Verunglückten zu helfen, weil sie Angst haben, dabei etwas falsch zu machen und so dessen Gesundheitszustand zu verschlimmern. Juristin Elke Hübner vom ADAC kann solche Ängste nachvollziehen. Dennoch ermuntert sie Unfallbeobachter, einem Verunglückten zur Seite zu stehen – man möchte ja auch selbst Hilfe erfahren. „Dazu gehört etwa, einen Betroffenen in eine stabile Seitenlage zu bringen“, sagt sie. Auch ohne medizinische Ausbildung können lebenserhaltende Maßnahmen wie eine Herz-Druck-Massage oder Mund-zu-Mund-Beatmung erfolgen.

„Das ist nie falsch, und die Befürchtung, den Betroffenen zu verletzen und dafür haftbar gemacht zu werden, ist unbegründet“, so Hübner. Mitunter reicht es, einen Verunglückten bei Bewusstsein zu halten und zu trösten. Das kann ihn bis zum Eintreffen der Retter beruhigen.

Zur Startseite Mehr aus Main-Taunus

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse