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Stolpersteine: ja oder nein?: Vier Opfer des NS-Regimes kämen für die Gedenkaktion in Frage

Von Vier Stolpersteine zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus könnten in Eschborn verlegt werden. Am heutigen Donnerstag entscheidet die Stadtverordnetenversammlung.
In diesem Haus an der Pfingstbrunnenstraße 12 lebte Hermann Kaufmann, der 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Bilder > Foto: Maik Reuß In diesem Haus an der Pfingstbrunnenstraße 12 lebte Hermann Kaufmann, der 1943 in Auschwitz ermordet wurde.
Eschborn. 

Stadtarchivar Gerhard Raiss ist sich in dem Punkt ganz sicher, denn er hat es vor Jahren schon recherchiert. Es gab genau einen jüdischen Einwohner in Eschborn, der von den Nationalsozialisten verschleppt und in einem Konzentrationslager ermordet wurde. Ob er dann noch viel damit zu tun hat, weitere Opfer dieser Gewaltherrschaft zu ermitteln, so wie es die Stadtverordnetenversammlung voraussichtlich am heutigen Donnerstag beschließen wird, das ist die Frage. Für die von der SPD vorgeschlagene Verlegung von Stolpersteinen zum Gedenken an die NS-Opfer kommen aber auf jeden Fall noch ein Kind und ein erwachsener Mann in Frage die wegen ihrer Behinderungen ermordet wurden, außerdem ein politisch Verfolgter.

Hermann Kaufmann stammte aus Friedberg und war nach den Recherchen von Raiss „ein völlig unauffälliger Mann“. Bis 1939 hat er als Gärtner bei den Farbwerken Hoechst gearbeitet, ging aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in Rente. Seine jüdische Herkunft war in keiner Weise bemerkbar, was ihm aber ebenso wenig nutzte wie die Tatsache, dass er zum evangelischen Glauben übergetreten war. Im April 1943 wurde er zur Gestapo nach Frankfurt bestellt – und kam nie mehr nach Eschborn zurück. Er starb am 30. Oktober 1943 im Konzentrationslager Auschwitz.

Zurück blieben seine Ehefrau Katharina, geborene Gauf, zwei Töchter Lina und Frieda sowie der an Kindes statt angenommene Karl. Katharina Kaufmann starb 1964, 1990 wurde ihr Grabstein abgeräumt, auf dem sich auch eine Gedenk-Inschrift für ihren Ehemann befand. Bei einem Reihengrab wäre es ohnehin schlecht möglich gewesen, aber nach den Worten von Raiss hatte an der Erhaltung der Inschrift auch niemand Interesse. Die Töchter Kaufmanns hatten das Thema hinter sich gelassen und auch keinen Stolperstein vor dem Haus der Familie in der Pfingstbrunnenstraße 12 haben wollen. Raiss: „Vor diesem Haus müsste der Stolperstein verlegt werden.“ Es sei Kaufmanns letzter Wohnsitz gewesen.

Damit hatte sich auch ein Beschluss der Eschborner Stadtverordnetenversammlung erledigt, nach dem die Stadt die Verlegung von Stolpersteinen zulassen solle. Dies selbst zu initiieren, davon war im Jahre 2006 ohnehin nicht die Rede. Eine der Bedingungen war damals, dass noch lebende Angehörige der Opfer zustimmen würden. Die Situation hat sich nach Auskunft des Stadtarchivars inzwischen allerdings geändert: Die beiden Töchter Kaufmanns leben nicht mehr, und die Enkel, so Raiss, befürworten die Verlegung eines Stolpersteins. Der Stadtarchivar hat ein Foto, von dem er nicht 100 Prozent weiß, ob es Kaufmann zeigt.

Über früher einmal in Eschborn lebende Juden ist damit natürlich nichts gesagt. Solche muss es gegeben haben, denn in Beschreibungen der jüdischen Gemeinde Heddernheim ist zu lesen, dass zu ihr auch die Orte Eschborn und Niederursel gehören. Für eine Betrachtung der NS-Zeit ist das freilich weniger von Interesse.

Anders ist dies bei Karlheinz Epp und Heinrich Schulz. Letzterer hatte eine Behinderung und wohnte in der Unterortstraße, im Alter von 33 Jahren wurde er im Januar 1943 in die frühere psychiatrische Klinik nach Hadamar gebracht. Die Nationalsozialisten hatten diese zu einer Tötungsanstalt umfunktioniert und ermordeten dort rund 15 000 Menschen – am 28. Januar 1943 auch Heinrich Schulz. In der Oberortstraße wiederum lebte der 1930 geborene Karlheinz Epp, der seelisch krank war und am 21. Mai 1943 ermordet wurde.

Epp und Schulz passen zweifellos zu der Formulierung des SPD-Antrages, in dem von „weiteren Opfern nationalsozialistischer Gewaltherrschaft aus Eschborn bzw. Niederhöchstadt“ die Rede ist. Dies träfe aber auch auf Conrad Broßwitz zu, der Anfang April 1944 aus Frankfurt nach Niederhöchstadt evakuiert wurde. Dort zog er in die damalige Hauptstraße 39 ein. Im Sommer 1944 wurde er verhaftet, im Oktober 1944 ins Konzentrationslager Dachau gebracht.

Zum Verhängnis wurde ihm seine politische Arbeit. Ab 1922 hatte er Ämter bei der SPD in Frankfurt, von 1928 bis 1930 gehört er dem Reichstag an. Von den Nationalsozialisten verfolgt wurde er bereits ab 1933. Dass er als gelernter Sattler und Tapezierer seinen Beruf in Niederhöchstadt als Nachtwächter angab, zeigt den damit verbundenen sozialen Abstieg an. In Frankfurt wurde eine Straße nach ihm benannt, in Eschborn gibt es bislang keine sichtbare Erinnerung.

Nach der Grundidee der „Stolpersteine“ wäre dies damit nachzuholen. Dieses Projekt ist gedacht als „ein Projekt, das die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, der politisch verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Euthanasieopfer lebendig hält“.

Stadtverordnetenversammlung

Der Haupt- und Finanzausschuss hat den Stolperstein-Antrag vorige Woche mit neun Ja-Stimmen beschlossen. Es gab drei Enthaltungen. Die Stadtverordneten tagen heute, 29. Juni, 19.30 Uhr (Rathaus Eschborn).

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