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Warum Sale und nicht Schlussverkauf?

36 000 Mitglieder aus aller Welt hat der VDS. Hierzulande führt er aber noch immer ein Schattendasein. In Kelkheim gibt es regelmäßige Treffen sowie einmal jährlich den Literarischen Nachmittag (siehe „Info“). Über die Probleme der Sprache hat Jana Lisson mit dem stellvertretenden Leiter der Region, Hans Scholz aus Sulzbach, gesprochen. Die Gruppe hat hier 300 Mitglieder.
Ein Dorn im Auge der Sprachschützer: Das kurze „Sale“ in den Schaufenstern ist aber werbewirksamer als „Schlussverkauf“.	Foto: dpa Ein Dorn im Auge der Sprachschützer: Das kurze „Sale“ in den Schaufenstern ist aber werbewirksamer als „Schlussverkauf“. Foto: dpa

Können Sie uns Gründe nennen, die zu einer „Sprachverhunzung“ in Deutschland geführt haben?

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Hans Scholz
HANS SCHOLZ: Die Anglisierung des Deutschen ist vor allem das Resultat der politisch-wirtschaftlichen Dominanz der USA. Aber auch der sozioökonomische Wandel hat zu sprachlichen Veränderungen geführt. Englisch ist unbestritten weltweit die dominierende Fremdsprache. Aus ihr ins Deutsche übernommene ergänzende und spezialisierende Begriffe (etwa aus Fachsprachen) werden benötigt. Auf überflüssige Anglizismen sollte verzichtet werden.

Leider hat insbesondere die Werbung zu sprachlichen Mitteln gefunden, die von der Mehrheit der deutschen Konsumenten nicht oder nur eingeschränkt verstanden werden. Weit mehr als die Hälfte unserer Bevölkerung lehnt das teils sprachliche Kauderwelsch ab. Wer das Wortgetöse „Double Color Everlasting Lipstick“ liest, wäre sicherlich mit „zweifarbiger Dauerlippenstift“ besser bedient. Ein Begriff, der die Schaufenster und Zeitungsanzeigen in vielen Variationen füllt, ist das englische „Sale“ in seinen Bedeutungen Schlussverkauf, Sonderangebot, Rabatte.

Wie nehmen die Menschen das wahr?

SCHOLZ: Wir haben in mehreren Städten des Rhein-Main-Gebietes über mehrere Jahre hin anhand von Fragebögen und bei großer Beteiligung festgestellt, dass bei einer Auswahl von 13 häufigen Anglizismen „Sale“ stets als das „Schrottwort“ die meisten Stimmen erhielt. Doch das interessiert die Werbung nicht. Schaufensterwerbung wirkt mitunter unverständlich und albern, Beipackzettel oder Montageanleitungen geben Rätsel auf. Man glaubt, mit „Denglisch“ bessere Umsätze erzielen zu können.

Einen breiten Raum nehmen leider auch die Medien ein. Hier scheint zum einen die Absicht zu sein, vor allem junge Menschen für ihre Sender oder Druckerzeugnisse zu gewinnen, zum anderen dürfte ein gewisses Imponiergehabe eine Rolle spielen. Englische oder englischklingende Wörter sind für sie modern und werbewirksam.

Hat der Verein noch andere Ziele, als die deutsche Sprache zu erhalten? Und gibt es noch ähnliche Vereine?

SCHOLZ: Der VDS ist in regionale Untergliederungen aufgeteilt und hat 27 zentrale Arbeitsgruppen. Einige davon sind: Deutsch in der Politik, Verwaltung und Wirtschaft; Ausbildung und Schule; Deutsch im Grundgesetz; Dialekte. Ähnliche Institutionen sind die Gesellschaft für deutsche Sprache, das Institut für Deutsche Sprache und diverse dialektpflegende Vereine.
 

Info

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Was halten Sie von Umgangssprache?

SCHOLZ: Der Begriff ist etwas gespreizt. Die Sprache im Umgang mit anderen Menschen, unkompliziert, gut verständlich, ohne Anglizismen, begrüße ich und pflege sie.

Wie gehen Sie und der Verein gegen den Verfall der deutschen Sprache vor?

SCHOLZ: 1997 wurde der Verein zur Wahrung der deutschen Sprache von Professor Walter Krämer gegründet und im Jahr 2000 umbenannt in „Verein Deutsche Sprache“. Ziel des VDS ist, die deutsche Sprache als eigenständige Kultursprache zu erhalten, zu pflegen und zu fördern. Es finden kulturelle Veranstaltungen sowie Vorträge statt. Unsere Mitglieder richten Protestschreiben an Unternehmen, Verwaltungen, Medien, Parteien, Politiker, mit dem Ziel, auf Anglizismen zu verzichten und ein für alle verständliches Deutsch zu pflegen. Außerdem wird jährlich der Negativpreis „Sprachpanscher“ (zuletzt an den Duden) vergeben. Die größte Veranstaltung des VDS ist die jährliche Vergabe des Kulturpreises Deutsche Sprache (Jacob-Grimm-Preis). 2013 wurde Schauspieler Ulrich Tukur ausgezeichnet. Vorgänger waren unter anderen Victor von Bülow und Autor Peter Härtling.

Und wie vermitteln Sie die Ziele gerade an die jüngere Generation?

SCHOLZ: Deutsch in den Schulen besitzt in unserem Verein leider noch nicht den gewünschten Stellenwert. Auf dem Programm stehen Besuche in den Schulen, Vorträge und Gespräche mit Schülern über die Auswirkung von Fremdwörtern sowie die Pflege der deutschen Sprache. Gedichtwettbewerbe in Schulen sind recht erfolgreich in Nordrhein-Westfalen. Aber auch die Aktion „Klasse! Wir singen“ hat sich gut entwickelt. Schließlich spielt, wie überall, die Mitgliederwerbung keine untergeordnete Rolle. In der Region 65 (Postleitzahl) haben wir zwei Sprachrunden (Stammtische), die sich einmal monatlich in Kelkheim treffen.

Glauben Sie, dass die meisten Deutschen überhaupt merken, dass sie Deutsch fehlerhaft sprechen?

SCHOLZ: Ob die meisten dies bewusst tun, kann ich nicht exakt einschätzen. Aber es gibt viele, auch in meiner Bekanntschaft, die ihre Muttersprache gern mit Anglizismen „schmücken“. Anders kann ich es nicht bewerten. Es scheint aus deren Sicht schick, modern, etwas Besonderes zu sein, vielleicht persönlich aufwertend, englische Begriffe einzuflechten. Ein gewisses Imponiergehabe spielt eine Rolle.
 

Extra

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Was passiert, wenn nichts unternommen würde, wenn es keine Gruppen wie den VDS und keine Veranstaltungen wie die in Kelkheim gäbe?

SCHOLZ: Der Einfluss des Englischen auf Wortschatz und Struktur der deutschen Sprache war noch nie so groß wie am Ende des 2. Jahrtausends. Die Anglisierung des Deutschen betrifft alle sozialen Schichten. Sie betrifft Teile der Grammatik und der Wortbildung und beginnt erkennbar zu wirken. Es scheint eine verbreitete Bereitschaft zur Anpassung und einen gravierenden Mangel an Sprachloyalität zu geben. Deshalb finde ich es bedenklich, dass der Bundespräsident in seiner Rede am 22. Februar 2013 über die Perspektiven der europäischen Idee das Englische als gemeinsame Verkehrssprache für alle Lebenslagen empfahl, damit eine „gemeinsame europäische Öffentlichkeit“, ein „gemeinsamer Diskussionsraum für das demokratische Miteinander“ entstehen könne.

Der „Verein Deutsche Sprache“ hat demgegenüber den Bundespräsidenten ersucht, „unsere Sprache als unverzichtbares Mittel der allgemeinen Verständigung anzuerkennen und ihre Rolle bei der Gestaltung einer europäischen Öffentlichkeit zu würdigen“. Ein gleichgeschaltetes Europa lehnt der VDS ab. Es bedarf mehrerer großer Verkehrs- und Arbeitssprachen. „Auf keinen Fall dürfen wir das Deutsche in Deutschland zur Feierabendsprache verkommen lassen.“ Das hatte vor Jahren der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Öttinger vorausgesagt – und viele Kritiken erhalten.

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