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Willkommen im Wunderland

Von Der pensionierte Lehrer bewahrte hunderte von historischen Exponaten vor dem Verfall. Nach der Winterpause öffnet das Museum von Sonntag an wieder regelmäßig.
Rohrstock, Schiefertafeln, alte Schulbänke: Wolfgang Janecke in dem historischen Klassenzimmer, das mit original Mobiliar und Stücken ausgestattet ist, die er über viele Jahre zusammengetragen hat. Ergänzt wird die Zeitreise in die Schulgeschichte durch unzählige Dokumente. 	Fotos: Hans Nietner Bilder > Rohrstock, Schiefertafeln, alte Schulbänke: Wolfgang Janecke in dem historischen Klassenzimmer, das mit original Mobiliar und Stücken ausgestattet ist, die er über viele Jahre zusammengetragen hat. Ergänzt wird die Zeitreise in die Schulgeschichte durch unzählige Dokumente. Fotos: Hans Nietner
Kriftel. 

Eine moderne Schule, ein Betonklotz aus den 70er Jahren: Wenn man die schwerfällige Glastür öffnet, steht man in einem riesigen Foyer. Schwarzer Noppenfußboden, viel Orange, verblasstes Gelb und Blau an den Wänden, links ein großer, gläserner Kasten, in dem der Hausmeister sitzt. Man kommt sich auch als Erwachsener klein und verloren vor. Links weist eine schmale Tafel auf einen Nebeneingang. "Schulmuseum" ist da in schönster Schreibschrift geschrieben. Ein freundlich aussehender Herr öffnet die orange angestrichene Eisentür und dann eine weitere Tür, die so ganz anders ist: aus zartblau bemalten Holz, mit zierlichen Schnitzereien. Man tritt ein, steht plötzlich in einer anderen Welt und kommt sich ein bisschen vor wie Alice im Wunderland.

Der Dielenfußboden aus Holz knarrt unter den Sohlen. Weit über hundert Jahre ist er alt, Tausende von Kindern sind über ihn gelaufen, als er noch in der Alten Schule Niederjosbach lag. Dort haben ihn Wolfgang Janecke und Dietrich Kleipa, ehemaliger Kreisarchivar, vor vielen Jahren entdeckt.

Wolfgang Janecke ist nicht nur der freundliche Herr, der uns zuvor die Tür geöffnet hat: Der pensionierte Lehrer ist Leiter des Krifteler Schulmuseums. Der 67-Jährige macht das ehrenamtlich und mit Herzblut. Seit vielen, vielen Jahren.

Wie lange, das weiß der gebürtige Wiener, der in Frankfurt aufwuchs, nicht so genau. Das Museum wurde im Herbst 1995 eröffnet. Aber seine Entstehungsgeschichte liegt viel weiter zurück und hat mit der Empathie Janeckes für die Geschichte des Schulwesens zu tun.

Als er studierte, begann ein großer Umbruch der Schullandschaft. Gesamtschulen kamen in Mode, große Betonkästen wurden gebaut, die alten kleinen Schulen verschwanden. "Ich habe mich damals gefragt, was mit all den Sachen passiert", erinnert sich Janecke. Die Idee, Dokumente, Möbel und viele andere Utensilien mit Sammlerwert zu bewahren, entstand. Keineswegs nur um der Nostalgie willen. "Ich fand es interessant und wichtig, die historische Entwicklung des Schulwesens zu dokumentieren", schildert der Pädagoge, der Deutsch und Gesellschaftskunde studierte.

Die Idee des jungen Lehrers, der anfangs in Bad Soden, dann an der Weingartenschule unterrichte, bevor er an die Hattersheimer Böll-Schule wechselte, kam beim Main-Taunus-Kreis an. Ende der 80er Jahre beschloss der Kreisausschuss, im Gebäude der Weingartenschule eine schulgeschichtliche Sammlung einzurichten. Der damalige Schuldezernent Jürgen Nagel beauftragte Wolfgang Janecke mit dem Aufbau des Schulmuseums.

Seine angeborene Sammelleidenschaft kam ihm zupass. Gemeinsam mit Kreisarchivar Dietrich Kleipa trug er die Exponate zusammen. "Wir fanden sie überall: Den Dielenboden in Niederjosbach, Fenstergriffe, die Uhr und der gusseiserne Ofen stammen aus der Alten Volksschule Bad Soden, eine alte Schultafel und Rechenschieber aus Wallau." Pulte, alte Schulbänke, Schränke, Schuluniformen, Tornister und kleine Accessoires wie die liebevoll verzierte Botanisiertrommel können die Besucher heute noch bestaunen. Genug, um ein komplettes Klassenzimmer einzurichten.

Es sind vor allem die Kleinigkeiten, die es atmosphärisch machen. Die alten Tintenfässer, Feder, Kreide oder ein Rohrstock. "Die wurden meist aus Haselnuss-Holz gefertigt, das ist stabil", sagt Janecke, der weiß, dass es bis in die 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts üblich war, disziplinlose Schüler mit dem Stock zu züchtigen. "Clevere packten Pappdeckel unter ihre Lederhosen, um die Schläge abzufedern", erzählt er gern.

Wir verlassen das Klassenzimmer und betreten einen anderen großen Raum, dessen Entrée von einem überdimensionalen Klassenfoto aus den 20er Jahren dominiert wird. "Die Aufnahme wurde in der Alten Volksschule Eschborn gemacht. Es waren schon Besucher hier, die Verwandte darauf erkannt haben." Unter den gläsernen Deckel der Vitrinen sind Dokumente, Zeugnisse und Schriftstücke zu sehen. Chronologisch hat Janecke diesen Rundgang gestaltet , der die Entwicklung der Schulgeschichte dokumentiert.

Die Kopie eines vergilbten Schriftstücks gehört zu den "Schätzen", auf die Janecke gern verweist. "Schauen Sie, das hat Leo Tolstoi ins Besucherbuch der Bad Sodener Volksschule eingetragen."1860 besuchte der russische Dichter das Kurstädtchen und war sehr interessiert am deutschen Schulwesen, denn er wollte auf seinem Gut eine Schule für die Landarbeiter einrichten. "Wussten Sie, dass Tolstoi eine pädagogische Zeitschrift herausgegeben hat?" fragt er, bevor er das Interesse auf die Dokumente zur Hofheimer Schulrevolte aus dem Jahr 1833 lenkt.

Ein halb fertiges Gebäude, in das die Schüler aus dem Kellereigebäude umziehen sollten, sei damals von den Bürgern wieder niedergerissen worden. "Die Hofheimer fanden den Neubau zu teuer", weiß Janecke, dem es wichtig ist, den Einfluss des Staates auf die Schule darzustellen.

Die Nassauische Zeit spielt eine große Rolle. Janecke deutet auf eine Kopie des Schuledikts von 1817: "Die Ideen der Aufklärung schlugen sich nieder. In Idstein wurde ein Lehrerseminar eingerichtet, bis dato war die Ausbildung der Pädagogen nicht geregelt. Zuvor waren es oft Priester, die unterrichteten."

Auch unerfreuliche Kapitel der Geschichte klammert das Museum nicht aus. Wie der Nationalsozialismus die Schüler ideologisch vereinnahmte, wird eindrucksvoll dargestellt und beschließt inhaltlich den Rundgang.

Viele Informationen, viele Denkanstöße. Damit sich das setzen kann, nehmen die Besucher auf den niedrigen Schulbänken des historischen Klassenzimmers Platz. Wolfgang Janecke macht dann das, was er sein Leben getan hat: Er ist wieder Lehrer, zur Ablenkung dann ein gespielt gestrenger Lehrer von anno dazumal.

Gelegenheit, das Schulmuseum in der Weingartenschule, Staufenstraße 14- 20, zu besichtigen, gibt es jeden ersten Sonntag im Monat. Es ist von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Der nächste Termin ist am morgigen Sonntag, 3. Februar. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos und Termine gibt es im Internet unter www.schulmuseumkriftel.de/

museum.htm

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