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"Wir sind alle geschockt"

Mehr als eine Stunde dauerte die Telefonaktion des Kreisblatts zum Thema Fluglärm. Die Apparate standen gestern Nachmittag nicht still. Über 40 Anrufer ließen Dampf ab und berichteten über die Verhältnisse in ihren Wohnvierteln nach der Inbetriebnahme der Nordwest-Landebahn. Viele Anrufer kamen nicht durch, weil alle Leitungen belegt waren.
Flörsheim gestern Mittag: Ein Flugzeug überfliegt in niedriger Höhe in der Innenstadt die Bahnhofsstraße. Fotos: Hans Nietner Flörsheim gestern Mittag: Ein Flugzeug überfliegt in niedriger Höhe in der Innenstadt die Bahnhofsstraße. Fotos: Hans Nietner
Flörsheim. 

Nicht nur das Baugebiet Nord ist von dem Lärm der landenden Flugzeuge betroffen, sondern auch die Altstadt. Hannelore Schneider, die in der Austraße (parallel zur Eddersheimer Straße) in Flörsheim wohnt, wird "seit Freitagnachmittag von allen Seiten" mit Fluglärm beschallt. Von der Mainseite her dröhnen die Turbinen ebenso wie die Jets, die über das Baugebiet Nord in Richtung der 4,9 Kilometer entfernten Landebahn Nordwest fliegen. Nachdem Kanzlerin Angela Merkel am Freitag im Regierungsflugzeug "im Gleitflug" über Flörsheim hinweggeschwebt sei, habe es eine Stunde später dann das böse Erwachen gegeben.

"Ich ziehe weg"

Ingrid Goy, die in der Altstadt in der Riedstraße wohnt, spricht von einer ständigen Lärmbelastung seit Freitagnachmittag. Und genau so wie Hannelore Schneider fühlt sie sich von dem Lärm eingekesselt. Der komme nämlich von der Rüsselsheimer und Raunheimer Seite ebenso wie aus Richtung Rheinallee. Für sie steht fest: "Ich ziehe definitiv aus Flörsheim weg."

Von einer Familienfeier, die am Wochenende stattfand, erzählt Sabine Püschel. Die Flörsheimerin wohnt mit ihrer Familie in der Gallusstraße. "Wir waren geschockt. Unsere Verwandten haben gesagt, hier kann man nicht leben. Bei der Feier herrschte eine gedrückte Stimmung." Von ihrem Wintergarten aus seien die über Flörsheim Nord fliegenden Maschinen zu sehen.

Für Andreas Schultz, der mitten im Neubaugebiet Nord in der Kurfürstenstraße wohnt, war in den vergangenen Tagen um 6 Uhr das schöne Wohnen vorbei. "Das ist zu brutal. Mit Leben hat das nichts mehr zu tun." Dass die Flugzeuge tief und oft über seine Mietwohnung düsen und dabei infernalischen Lärm erzeugen, ist für ihn unfassbar. "Politik und Wirtschaft sind die Menschen völlig egal", meint der Flörsheimer. Der Gedanke an einen Wegzug sei bei ihm am Wochenende aufgekommen. Doch er würde eventuell in der Mainstadt bleiben, wenn sein Vermieter Lärmschutzfenster einbauen lässt.

Für die 85 Jahre alte Brunhilde Eisenhut kommt ein Wegzug nicht in Frage. "Dazu bin ich zu alt." Sie wohnt in der Altmaierstraße. Die Rentnerin befürchtet, dass manche Geschäfte und Gaststätten in der Mainstadt herbe Umsatzverluste erleiden werden. "Wer will sich in ein Lokal ans Mainufer setzen, wenn es dort so viel Lärm gibt?" Der Fluglärm nerve auch Tiere, erzählt Brunhilde Eisenhut. Die Katze der Familie halte sich seit Freitagnachmittag nur noch im Keller auf.

Keine Lebensqualität

"Ich wohne seit 31 Jahren in Flörsheim und war nie ein Fluglärmgegner, aber übers Wochenende bin ich zu einem geworden", sagt Oliver Merk, dessen Familie ein Haus in der Gallusstraße besitzt. "Wenn ich morgens um 4 geweckt werde – das ist keine Lebensqualität mehr."

Wie er denkt auch Waldemar Becker, der in der Altmaierstraße wohnt, darüber nach, aus Flörsheim wegzuziehen. "Das sind andere Flugrouten, als sie angekündigt haben. Die ganze Lebensqualität ist weg. Doch wer kauft mir mein Haus ab, das nichts mehr wert ist?" Rainer Großefeld ist in 37 Jahren ein waschechter Flörsheimer geworden. Jetzt könne er sich in seinem Haus in der Friedrich-Ebert-Straße kaum mehr unterhalten. Seine Tochter, eine engagierte Tagesmutter, möchte die Betreuung einstellen, da sie mit den Kindern wegen des Lärms nicht mehr an die frische Luft kann.

Rose Merk aus der Gallusstraße und Brigitte Wulff aus der Wickerer Straße sind "total geschockt", dass die Flugzeuge nicht über die Felder, sondern direkt über die Häuser düsen. Nie wieder könne man im Sommer bei schönem Wetter auf der Terrasse sitzen, befürchtet Angelika Eilers (Eppsteiner Straße). Lydia Hartmann (Weingartenstraße) sagt, sie habe ihren Heimatort Wicker immer für ein kleines Paradies gehalten. "Seit Freitag werden wir aus dem Paradies vertrieben. Der Flughafen macht die Region kaputt."

Aus Platzgründen sind nicht alle Anrufer in diesem Bericht berücksichtigt.

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