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"Wir sind nicht die Bronx"

Gut zwei Jahre ist die Rathaus-Chefin im Amt. Um ihre Aufgabe zu verstehen, lohnt ein Blick viel weiter zurück.
Dass die finanzielle Lage so desolat ist, habe sie vor ihrer Wahl nicht gewusst, sagt Antje Köster.	Foto: Nietner Dass die finanzielle Lage so desolat ist, habe sie vor ihrer Wahl nicht gewusst, sagt Antje Köster. Foto: Nietner
Hattersheim. 

Eine sozial gerechte Stadt sollte Hattersheim sein. Mit dem Bau von Sozialwohnungen, dem Errichten der Stadthalle in einem ambitionierten architektonischen Stil, der Gestaltung der Fußgängerzone sowie der großzügigen Unterstützung von Vereinen wurde diese Vision von führenden Sozialdemokraten umgesetzt. Sarotti war für viele Familien der Arbeitgeber. Weitere Produktionsstätten anderer Firmen sorgten für zusätzliche Arbeitsplätze, die auch zahlreichen Menschen mit Migrationshintergrund eine Chance versprachen. Hochqualifiziert musste keiner sein, um sich ein sicheres Auskommen zu erarbeiten. Ein beachtliches kulturelles Angebot, ein Schwimmbad, in jedem Stadtteil eine Sport- oder Kulturhalle sowie Jugendtreffs, eine Bücherei und schließlich die Sanierung des Alten Posthofs waren die weiteren Errungenschaften. Das alles war gelungen.

Klientel-Politik

Doch irgendwann geht es nicht mehr weiter. Die Schulden wachsen. Mehr Einnahmen gibt es aber nicht. Die Kritik aus den Reihen der Opposition sowie von vielen Schwarzsehern köchelt immer unterschwellig. Mal stärker, mal schwächer. Es werde viel Geld für falsche Sachen ausgegeben. "Klientel-Politik" nennen die Kritiker damals das, was die über Jahrzehnte herrschenden Sozialdemokraten der Kommune verordnet haben. Doch die bittere Realität werde ausgeblendet. Schulden hin, Schulden her. Schließlich will Hattersheim kein Provinzkaff sein. Nein, die Kultur-Hauptstadt des Main-Taunus-Kreises. Darauf ist die Rathausspitze, sind die Hattersheimer, stolz. Sie sind beispielsweise stolz auf ihre Kabaretttage, die die Stadt überregional bekannt machen.

Es bröselt weiter

Die ersten Zeichen, dass langfristig umgedacht werden muss, gibt der damalige Bürgermeister Alfred Schubert (SPD). Der Politprofi löst die Kulturarbeit aus der Stadtverwaltung. Das Kulturforum, das als Verein fungiert, soll künftig die gleiche Arbeit erledigen. Und zusätzlich Sponsorengelder akquirieren. Günstiger sei die Kulturarbeit damit zu stemmen, hofft Alfred Schubert. Er spricht immer öfter über die "Liste der Grausamkeiten", die aufgrund der finanziellen Entwicklung abgearbeitet werden müsse. Nach und nach bröselt es weiter. Das Haus der Vereine in Okriftel wird den Vereinen und Verbänden zur Selbstverwaltung übergeben. Die Jugendtreffs in den Stadtteilen Okriftel und Eddersheim werden dicht gemacht. Die Opposition warnt weiter, schlägt pauschale Kürzungen vor, was von der SPD/Grünen-Mehrheit damals fast schon empört als unrealistisch zurückgewiesen wird.

Doch die Lage ist in den 90er Jahren noch nicht ganz hoffnungslos. Im Hattersheimer Rathaus – das damals bautechnisch schon als Auslaufmodell gilt – wird auf Wunsch einiger Mitarbeiter eine teure Edelstahlküche installiert. Das sorgt selbst innerhalb der Verwaltung für empörte Stimmen. Auch die regelmäßig im Haushaltsplan auftauchenden Summen für die Frauen- sowie die Integrationsbeauftragte werden hinterfragt. Diese Posten seien zu wichtig, um sie den Sparbemühungen zum Opfer fallen zu lassen, heißt es aber.

Nach dem Abgang von Alfred Schubert, der noch vor den folgenden "mageren Jahren" gewarnt sowie mehr Gewerbeansiedlungen angemahnt hatte, folgt keine Zäsur. Im Gegenteil.

In der Zwischenzeit sind fast alle vergleichbaren Kommunen in finanziell ähnlich prekären Situationen. Die Bundespolitiker verpflichten die Gemeinden und Städte zu Leistungen, die diese nicht mehr solide stemmen können. Der Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz kostet vor allem die Kommunen viel Geld. Mit Hans Franssen (SPD) ist ein ehemaliger Lehrer nun Bürgermeister, der die Leistungsangebote der Stadt nicht schmälern möchte. Er setzt auf die Entwicklung neuer Baugebiete und auf die Ansiedlung von Unternehmen. Beides wurde noch von Alfred Schubert vorbereitet und in die Wege geleitet.

Licht und Schatten

Doch Licht und Schatten wechseln sich ab. Die Gewerbesteuer wächst in den ersten Jahren der Gewerbeflächen-Expansionen nicht so wie erhofft. Die Ausgaben sind in der Zwischenzeit weiterhin enorm. Franssen ist kein Kämmerer, der das Ruder herumreißt. Nach zwei Wahlperioden vergießt er zwar Krokodilstränen, wenn die Rede auf die Finanzen der Stadt kommt. Die Schulden, die er seiner Nachfolgerin Antje Köster (SPD) hinterlasse, ließen ihn nicht mehr schlafen, jammerte der scheidende Rathauschef. Ernsthaft auf die Karte Konsolidierung hatte der einstige Lehrer aber nicht gesetzt.

Dafür wird nun Antje Köster als die Bürgermeisterin in die Stadtgeschichte eingehen, die den Schuldenberg beseitigen und die finanzielle Zukunft von Hattersheim sichern muss. "Ich möchte nicht, dass die Bürger die Zeche dafür zahlen müssen, dass die Stadt finanziell am Ende ist", sagt sie. Dass nun ausgerechnet eine CDU/FDP-Landesregierung den hochverschuldeten Kommunen mit dem kommunalen Schutzschirm das Angebot macht, bei Erfüllung bestimmter Auflagen für eine Entschuldung zu sorgen, ist für manche Sozialdemokraten bitter. Die Realisten bei der SPD haben das aber schon seit Jahren kommen sehen. Geglaubt hat aber keiner so richtig daran.

80 Millionen Schulden

Antje Köster ist pragmatisch, lässt alle Bedingungen für das Schlüpfen unter den Schirm prüfen. Zudem sagt sie: "Ich habe vor meiner Wahl zur Bürgermeisterin von Hattersheim nicht gewusst, dass die finanzielle Lage der Stadt so desolat ist." Dass sie diese Schieflage mit fast 80 Millionen Euro Schulden aber auf Dauer nicht duldet, ist allen klar. Keine Krokodilstränen, keine Hinhaltesprüche. Antje Köster steht vor einem riesigen Berg Schulden. Sie wird ihn abtragen müssen.

Die Kulturarbeit sei lebenswichtig für die Stadt, sagt sie. Wenn sie den Posthofkeller oder den Nassauer Hof besuche, werde ihr jedes Mal bewusst, dass Hattersheim eine attraktive Stadt sei. "Wir sind nicht die Bronx des Main-Taunus-Kreises", stellt Antje Köster klar. Sie wird alles dafür tun, dass dieser Fall auch niemals eintreten wird. Das ist sicher. Sicherer als die Bank von Griechenland.

Wie hartnäckig sie sein kann, dokumentiert ein Beispiel. Als ein Genosse bei ihrer Vorstellung auf einer SPD-Versammlung höhnt, sie sei ja gar nicht bekannt, wie sie denn die Bürgermeisterwahl gewinnen wolle, antwortet Köster: "Dann helft mir doch, dass ich bekannt werde." Sie gewinnt die Wahl, der Kritiker ist ihr Busenfreund geworden.

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