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Fluglärm: „Riesiges Ausmaß an Belästigungen“

Über 200 Zuhörer verfolgten eine Podiumsdiskussion zu den Ergebnissen der NORAH-Studie in der Stadthalle.
Der Raunheimer Rathauschef Thomas Jühe (2. v. re.) appellierte an die vom Fluglärm betroffenen Kommunen, sich nicht zu „zerstreiten“. Foto: Maik Reuß Der Raunheimer Rathauschef Thomas Jühe (2. v. re.) appellierte an die vom Fluglärm betroffenen Kommunen, sich nicht zu „zerstreiten“.
Flörsheim. 

„Man muss sich schon Sorgen machen“, erklärte Rainer Guski, Leiter der NORAH-Studie, zu den Ergebnissen der mehrjährigen Untersuchung. Die Studie hatte die gesundheitlichen Auswirkungen von Fluglärm im Rhein-Main-Gebiet überprüft und dabei unterschiedliche Bereiche wie Schlaf, Erkrankungsrisiken und Lebensqualität berücksichtigt. Die Ergebnisse zeigten unter anderem, dass sich Fluglärm negativ auf die Lesefähigkeit von Kindern auswirken kann. In der Stadthalle herrschte allerdings viel Misstrauen gegenüber der Studiendurchführung, das sich mehrfach durch kritische Zwischenrufe und Raunen im Publikum äußerte.

Gegen „Verniedlichung“

Die NORAH-Studie habe ein riesiges Ausmaß an Belästigungen gefunden, berichtete Rainer Guski im Gespräch mit ZDF-Redakteurin Beate Höbermann, die die Podiumsdiskussion moderierte. Der Wissenschaftler erklärte, dass Belästigung nicht mit einer konkreten körperlichen Belastung gleichzusetzen sei, sondern dem subjektiv empfundenen Stress entspreche. Ein Zusammenhang zwischen Belästigung und chronischen Erkrankungen sei jedoch nicht auszuschließen, gab Diplom-Psychologe Dirk Schreckenberg später am Abend zu Bedenken. Rainer Guski stellte klar, dass er nicht mit Pressemitteilungen einverstanden sei, die die Erkenntnisse der Studie herunterspielen. Es gebe riesige, signifikante Ergebnisse bezüglich Belästigung, Kreislaufproblemen und Depressionen. „Das sind in meinen Augen besorgniserregende Ergebnisse“, betonte der Studienleiter.

In ähnlicher Richtung äußerte sich Thomas Jühe (SPD), Bürgermeister von Raunheim, das neben Flörsheim zu den am stärkten belasteten Kommunen der Region gehört. Jühe wandte sich gegen eine „Verniedlichung“ der Studie durch Flughafenbetreiber Fraport. Es sei „das übliche Gebaren“, Sprachformulierungen zu finden, die der Politik suggerieren sollten, dass kein Handlungsbedarf bestünde. Der Luftverkehrswirtschaft die „Deutungshoheit“ zu überlassen, sei nicht richtig.

Professor Dr. Peter Lercher von der Medizinischen Universität in Innsbruck bezeichnete es als eine Stärke der Studie, dass sie eine besonders stark empfundene Belästigung beim Aufwachen am frühen Morgen aufzeige. Dass die Belästigung trotz des Nachtflugverbotes in den Jahren 2012 und 2013 sogar gestiegen ist, führte Rainer Guski auch auf psychologische Aspekte zurück. Je weniger Vertrauen in eine Lärmbegrenzung durch die Politik und die Flughafenbetreiber bestehe, desto höher sei die empfundene Belästigung. In der Fragerunde kam auch Kritik an der Verwendung von Lärmmittelwerten auf. Das Wohlbefinden der Menschen werde nicht nur durch den errechneten Dauerschallpegel beeinflusst, sondern auch durch die Zahl der Überflüge und die erreichten Maximalwerte, erklärte Dirk Schreckenberg.

Umstrittene Auswahl

Aus dem Publikum gab es die Nachfrage, warum Menschen mit gesundheitlichen Vorbelastungen nicht in den untersuchten Personenkreis aufgenommen wurden. „Es ging uns darum, erst mal gesunde Leute zu untersuchen“, erwiderte Rainer Guski. Ziel der Studie sei es gewesen, die Wirkung des Fluglärms ohne den Einfluss von Medikamenten zu prüfen. Ein anderer Zuhörer kritisierte eine weitere Einschränkung bei der Auswahl der Studienteilnehmer. Mit der ersten Frage der Belästigungsstudie sei überprüft worden, ob die Betroffenen über den Wegzug aus der Region nachdenken. Wer dies bejahte, sei nicht weiter befragt worden. Der Besucher monierte, dass jeder schwer Betroffene zumindest über Angebote zum Verkauf seiner Wohnung nachgedacht habe. „Sie haben die extrem Belasteten herausgenommen“, warf er den Organisatoren der Studie vor.

Besucher stellten auch die Objektivität der 10 Millionen Euro teuren Studie in Frage, die zum Großteil vom Land Hessen finanziert wurde, aber auch Unterstützung in Höhe von 1 Million Euro durch die Fraport erhielt. Der Vertrag über die Durchführung der Studie sei mit dem Land Hessen geschlossen worden, erläuterte Studienleiter Guski. Während der Arbeit seien die Wissenschaftler völlig unbeeinflusst gewesen.

Applaus gab es für Professor Peter Lercher, als dieser für eine Kategorisierung von Flugzeugen warb, bei der die Lästigkeit der Maschinen berücksichtigt wird. Er sah die Studie als eine Grundlage dafür, nur die leisesten Flugzeuge in den frühen Morgenstunden zwischen 5 und 7 Uhr fliegen zu lassen.

Thomas Jühe warb für mehr Vertrauen in die Studie. Man müsse sich genau überlegen wie man sich zu den Ergebnissen verhalte. Die Studie brauche politische Unterstützung, um auch von den Entscheidungsträgern in Berlin gehört zu werden. Die Ergebnisse seien keinesfalls banal, argumentierte der Verwaltungschef von der anderen Mainseite. Die Betroffenen sollten sich seiner Ansicht nach nicht darüber zerstreiten „wer der bessere Fluglärmschützer ist“. „Man muss sich klar positionieren“, meinte Jühe. Doch dies sowie der Abstimmungsprozess ist schwieriger geworden, weil nicht mehr alle betroffenen Kommunen sich solidarisch verhalten.

(sas)
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