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Auf Streife mit den Stadtpolizisten: 11 Uhr morgens, Rüsselsheim: Die Handschellen klicken

Was Jan Nadler und Norbert Kathmann während ihrer Schicht erwartet, wissen die beiden Rüsselsheimer Stadtpolizisten nie ganz genau. Überraschungen gehören zum Job, manchmal sogar unverhoffte Verhaftungen.
Die Rüsselsheimer Stadtpolizisten Jan Nadler (l.) und Norbert Karthmann auf Streife. Hier: In der Innenstadt Bilder > Foto: Robin Goeckes Die Rüsselsheimer Stadtpolizisten Jan Nadler (l.) und Norbert Karthmann auf Streife. Hier: In der Innenstadt
Rüsselsheim.  Kurz vor 11 Uhr surren in der kleinen Eck-Kneipe irgendwo in Rüsselsheim die Kühlschränke, aus dem Lautsprecher eines Fernsehers an der Wand schallt laut eine Nachrichtensendung. Und in der Luft liegt Nervosität. „Irgendwas stimmt hier nicht“, sagt Stadtpolizist Jan Nadler, kurz nachdem er und sein Kollege den leicht untersetzten Mann hinter der Theke nach seinen Personalien gefragt haben.

Eigentlich wollten die Stadtpolizisten nur kontrollieren, ob die Getränkedosen, die in der Kneipe verkauft werden, der Pfandverordnung gerecht werden. Oder – wie so oft – irgendwo aus dem Ausland billig importiert wurden.
 

Die Skepsis wächst

Doch der Mann hinter der Theke wird immer unruhiger, läuft rastlos hin und her. „Ich rufe mein Chef an“, erklärt er den beiden Stadtpolizisten in gebrochenem Deutsch, während er hektisch auf das Telefon in seiner Hand tippt. Ausweisen kann er sich nicht. „Pass hat Chef“, erklärt er. Wo er denn wohne, wollen die Stadtpolizisten wissen. „Bei Chef“, bekommen sie zur Antwort. Wo genau? Keine Ahnung. Die Skepsis der Stadtpolizisten wird größer.
Die Rüsselsheimer Stadtpolizisten Jan Nadler (l.) und Norbert Karthmann auf Streife. Hier: Getränkedosen ohne Pfand in einer Eck-Kneipe

Nach einem kurzen und äußerst diskreten Anruf in der Zentrale ist klar: Für die Personalien, die der Mann hinter der Theke ihnen aufgeschrieben hat, existiert ein Haftbefehl. Was ihm zur Last gelegt wird, wissen Nadler und Kathmann nicht. Nur, dass es zu ihrem Job gehört, den Gesuchten jetzt vorläufig festzunehmen. Messer und sonstige waffenfähige Utensilien werden unauffällig außer Reichweite gebracht. Dann klicken in der Küche der kleinen Kneipe die Handschellen.

Der Gefesselte gibt sich reumütig und friedlich. „Ich sage alles. Kein Problem, kein Stress“, erklärt er den Stadtpolizisten immer wieder, während die auf Verstärkung der Landespolizei warten. Er komme aus dem Kosovo, sei erst seit drei oder vier Tagen in Deutschland. Um ein altes Delikt geht es wohl, begangen vor zwei oder drei Jahren. Und um eine Geldstrafe aus dieser Zeit, die noch nicht voll beglichen worden sein soll. Richtig aufklären lässt sich all das nicht mehr, ehe die nach wenigen Minuten eingetroffenen Polizisten den Mann in ihren Streifenwagen verfrachten und mit auf die Wache nehmen.

Die Rüsselsheimer Stadtpolizisten Jan Nadler (l.) und Norbert Karthmann auf Streife. Hier: Festnahme in einer Eck-Kneipe

„Tschüss Kollegen“, rufen die Landespolizisten Nadler und Kathmann zu. Für die ist in der Eck-Kneipe akut auch nichts mehr zu tun. Die Getränkedosen, wegen denen sie ja eigentlich da waren, entsprechen zwar natürlich nicht der gültigen Verordnung. Doch nach der ungewöhnlichen Entwicklung der Kontrolle wollen sie lieber noch ein zweites Mal zurückkommen und sich dann ganz diesem Problem widmen.

Bis dahin geht der Dienst der Stadtpolizisten ganz normal weiter. Ein bisschen Alltag nach der nicht ganz alltäglichen Festnahme. „Meine Handfesseln habe ich in den letzten vier Jahren zum Glück nur einmal einsetzen müssen“, sagt Norbert Kathmann, wieder am Steuer des Streifenwagens auf dem Weg durch Rüsselsheim. Gut, sie dabei zu haben, sei es aber allemal. Genau wie Teleskopschlagstock und Pfefferspray, die schuss- und stichsichere Weste oder das Funkgerät. All das gehört zur Standardausrüstung der Stadtpolizisten, die in Rüsselsheim ihren Dienst versehen.

Die Rüsselsheimer Stadtpolizisten Jan Nadler (l.) und Norbert Karthmann auf Streife. Hier: In der Innenstadt

Nicht alle sind friedlich

So friedlich wie der festgenommene Kosovare aus der Eck-Kneipe sind nicht alle Zeitgenossen im Umgang mit den Ordnungshütern. Beleidigungen hielten sich zwar in Grenzen, seien aber auch nicht unüblich. „Man darf das nicht so nah an sich herankommen lassen“, sagt Kathmann. Schließlich werde er in seinem Job nicht als Person, sondern als Vertreter der Stadt beleidigt. „Ein Großteil der Menschen, mit denen wir zu tun bekommen, ist höflich. Bei manchen zeigen leider jedoch nur Konsequenzen Wirkung“, sagt Nadler.

Die Rüsselsheimer Stadtpolizisten Jan Nadler (l.) und Norbert Karthmann auf Streife. Hier: Die Stadtpolizisten haben einen Autofahrer mit Handy am Steuer erwischt und angehalten.

Freundlich bleibt auch der Autofahrer, dem sie etwa um 11.30 Uhr zwei Ecken weiter zunächst mit Haltesignalen auf dem Dach des Streifenwagens hinterherfahren, um ihn schließlich in der Auffahrt zum Kurt-Schumacher-Ring zu stoppen. Kathmann und Nadler war aufgefallen, dass der Mann am Steuer mit seinem Handy telefoniert hatte. Der Verkehrssünder leugnet nicht. „Ich bin Geschäftsmann und muss immer telefonieren“, startet er einen zaghaften Erklärungsversuch – ohne Erfolg. 60 Euro werden fällig, dazu gibt es einen Punkt in Flensburg. „Für die Strafe hätten sie sich auch ein Headset zum Telefonieren im Auto kaufen können“, gibt Nadler ihm noch mit auf den Weg, ehe die Stadtpolizisten sich schon wieder auf den Weg machen.

Die Rüsselsheimer Stadtpolizisten Jan Nadler (l.) und Norbert Karthmann auf Streife. Hier: Die Stadtpolizisten haben einen Autofahrer mit Handy am Steuer erwischt und angehalten.

Nächste Station auf ihrer Tour gegen 12 Uhr: das GPR-Klinikum. Sie wissen, dass die Behindertenparkplätze in schöner Regelmäßigkeit auch von Autofahrern zugeparkt werden, die dort eigentlich nichts verloren haben. Und tatsächlich: Zwei von fünf Behindertenparkplätzen werden ohne entsprechende Berechtigung von einem roten Golf und einem schwarzen Mercedes blockiert.

In solchen Fällen fackeln die Stadtpolizisten nicht lange. Der bestellte Abschleppwagen ist innerhalb von wenigen Minuten am Klinikum. Die Wartezeit nutzen die Stadtpolizisten, um mit ihrer Digitalkamera den Zustand der Autos minutiös in Bildern festzuhalten. Das schaffe Sicherheit für sie, das Abschleppunternehmen und auch die Fahrzeughalter.

Die Rüsselsheimer Stadtpolizisten Jan Nadler (l.) und Norbert Karthmann auf Streife. Hier: Am GPR-Klinikum wird ein roter Golf abgeschleppt.

Abschleppwagenfahrer Boris Hildenbrandt braucht nur wenige Minuten, um den roten Golf auf sein Gefährt zu heben. „Der kommt jetzt auf unser Gelände an der Stahlstraße“, erklärt er. Mehr als 200 Euro wird der Besitzer zahlen müssen, um sein Auto zurückzubekommen.

Unterdessen ist der Fahrer des schwarzen Mercedes zu seinem Auto gekommen und hat versucht, sich an den aufmerksamen Blicken der Stadtpolizisten vorbei hinter das Lenkrad zu klemmen. Erfolglos. Trotzdem hat er noch Glück und kommt mit einer Strafe in Höhe von 35 Euro davon. „Der zweite Abschlepper war noch nicht bestellt“, erklärt Nadler.

Die Behindertenparkplätze sind frei, für die Stadtpolizisten geht es gegen 12.30 Uhr weiter in die Innenstadt. Sie wollen einer Beschwerde über eine ungesicherte Baustelle an der Löwenstraße nachgehen. Dort werden an einem Wohnhaus die Fenster ausgetauscht und die Bauarbeiter werkeln ohne Genehmigung oder Absperrung auf dem Bürgersteig vor sich hin. „Sie können hier so nicht weiterarbeiten, sonst wird es richtig teuer“, erklären Nadler und Kathmann dem Chef der Bauarbeiter. Der gelobt, mit dem Besitzer alles zu regeln. Daran, dass die Arbeiter ihr Tagwerk bis zur Klärung der offenen Probleme wirklich beenden, haben die Stadtteilpolizisten allerdings so ihre Zweifel. Ein zweiter Besuch während der Schicht am Nachmittag wird fest notiert.

Die Rüsselsheimer Stadtpolizisten Jan Nadler (l.) und Norbert Karthmann auf Streife. Hier: Strafzettel am Bahnhofplatz

Immer genug zu tun

Hier in der Innenstadt gibt es immer genug zu tun. Falschparker rund um den Bahnhof, Sperrmüll in der Bahnhofstraße, Autofahrer in der Schulstraße, die zur Durchfahrt gar nicht berechtigt sind – die Arbeit geht ihnen nicht aus.

Die Rüsselsheimer Stadtpolizisten Jan Nadler (l.) und Norbert Karthmann auf Streife. Hier: In der Innenstadt am Funkgerät.
 

Und dann kommt auch noch ein Funkspruch rein, dass sie sich wegen der Verhaftung am Morgen noch einmal bei der Polizei melden sollen. Das erledigen sie von unterwegs. Sie erfahren: Gegen den Mann aus dem Kosovo war nicht nur ein Haftbefehl anhängig, er ist auch illegal eingereist und arbeitete ohne Arbeitserlaubnis. Kommt es zu einer Verhandlung, werden die Stadtpolizisten als Zeugen gebraucht. „So was kommt eben auch noch immer mit zur Arbeit dazu“, sagen Nadler und Kathmann, ehe sie gegen 13 Uhr weiter auf Streife durch Rüsselsheim gehen. Bis zum Ende ihrer Schicht dauert es noch rund fünf Stunden.

Text und Bilder von Robin Göckes.

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