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Film mit Holocaust-Überlebenden: Albträume der Opfer halten bis heute an: Das Vergangene vergeht nicht

Die PDS zeigt einen bewegenden Dokumentarfilm zum Schicksal jüdischer Holocaust- Überlebender: Gedreht wurde „Refuge“ in einem ganz besonderen Haus.
Beherzte Mahner: Wolfgang Prawitz und Ethan Bensinger (rechts). Foto: Charlotte Martin Beherzte Mahner: Wolfgang Prawitz und Ethan Bensinger (rechts).
Groß-Gerau. 

Nach der Filmvorführung von „Refuge“ (aus dem Englischen: Zuflucht) von Regisseur Ethan Bensinger, dessen Familie vor dem Holocaust fliehen musste, fragte eine Schülerin der Prälat-Diehl-Schule (PDS): „Wie ist es möglich, dass Menschen, die all das Grauen durchstanden haben, später im Leben noch Glück erleben können?“

 

Glück gibt es nicht

 

Sichtlich bewegt hatten die Oberstufenschüler den Dokumentarfilm verfolgt. Darin gaben sieben Holocaust-Überlebende, die heute in Chicago leben, über ihr Schicksal Auskunft. Die Frage der Schülerin nach Glück beantwortete Bensinger, Experte für Emigrationsfragen aus Amerika, mit den Worten: „Nein, Glück kommt im Sprachgebrauch dieser Menschen nicht vor. Zustimmung zum Leben ist teils trotz tiefer Traumata heute möglich.“

Ethan Bensinger war auf Einladung der PDS und des Dekanats zu Gast, wie Wolfgang Prawitz, Pfarrer für Ökumene im Dekanat sowie Mitglied des Synodalvorstandes der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), darlegte. Immer wieder ziehe es Bensinger nach Deutschland, um in seiner Familiengeschichte zu forschen. Außerdem wolle er den Film zeigen, der ab 2007 im Selfhelp-Heim entstanden ist. Das ist ein Altersheim in Chicago, das ab den 30er-Jahren Hort für deutsche Emigranten war. Bensinger, der auf Englisch kommunizierte, sagte: „Ich komme vor allem in Schulen, um jungen Menschen zu zeigen, was geschah.“

Dass er jetzt an die PDS kam, geht auf die Verlegung von Stolpersteinen ab 2013 in Groß-Gerau zurück. Denn Bensinger hat Kontakt zu Nachfahren von Karl Kahn, der hier lebte und in die USA floh. „Ebenso wie die Stolpersteine ist der Film mit Aussagen einiger der letzten Holocaust-Überlebenden ein wichtiger Mosaikstein wider das Vergessen“, sagte Prawitz.

Das Grauen der Novemberpogrome 1938, Angst und Schrecken, Verfolgung und Denunziation, verzweifelte Suche nach Fluchtwegen und gelähmte Fassungslosigkeit, Inhaftierung, Entwürdigung, Leid und Tod – all dies wird im Film aus Sicht der Zeitzeugen wie durch Einspielung von Foto-und Filmmaterial hautnah herangeholt.

Es herrschte große Stille in der Aula, als die gezeichneten Gesichter jener alten Menschen aus dem Chicagoer Selfhelp- Heim auf der Leinwand zu sehen waren. Sie berichteten, was geschehen war. Das Ehepaar Rolf und Lenny, die Schwestern Marietta und Edith, Horst, Paula und Hannah – die letzten sieben von dreißig Senioren, die bei Beginn der Recherchen von Bensinger noch dabei waren, kamen in amerikanischem O-Ton mit deutschen Untertiteln zu Wort. Tenor: Das Vergangene wird für sie nie vergangen sein.

Deckt auch der dünne Mantel der Gegenwart das Erlittene zu, sind auch heute anscheinend normale Gespräche, Lächeln und Feiern im Selfhelp-Heim möglich – mit Glück hat das nichts zu tun. Verletzt und dennoch stark, erzählen die Menschen vom Augenblick, als sie in Konzentrations- und Vernichtungslagern gezwungen waren, Mutters Hand loszulassen. Als sie aushalten mussten, dass Eltern, Geschwister, Freunde vergast wurden.

 

Geschichte wiederholt sich

 

Sie erzählen von Hunger und Angst, von Verlassenheit, vom gequälten Dasein und dem Versuch, irgendwie zu überleben. Nach der Befreiung folgten Albträume, die bis heute nicht enden.

Die Schüler der PDS fragten Bensinger auch nach seiner Einschätzung der aktuellen weltpolitischen Lage. „Eine gute Frage“, so Bensinger. Und: „Ich schaue auf die AfD in Deutschland, auf die starke Rechte in Europa, ich schaue auf Trump – der Name will mir kaum über die Lippen – in den USA und ich mahne: Viele dachten 1933, es könne so schlimm schon nicht kommen, ihnen werde nichts passieren. Doch Geschichte wiederholt sich immer wieder.“

 

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