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Pflegealltag: Der Job bringt Schwester Sabine an ihre Grenzen

Die Pflege-Beiträge steigen, ab 2019 soll es eine Mindestanzahl beim Personal geben, so die Pläne von Minister Spahn. Denn gute Pflegekräfte fehlen überall. Überlastung ist ein Dauerthema – auch am GPR-Klinikum. Nach 30 Jahren kann Sabine Andel viel darüber berichten.
Die Arbeit in der Pflege ist belastend, die Wertschätzung gering. Das sind nur zwei der Gründe, warum deutschlandweit tausende Pflegekräfte fehlen. Foto: Patrick Seeger (dpa) Die Arbeit in der Pflege ist belastend, die Wertschätzung gering. Das sind nur zwei der Gründe, warum deutschlandweit tausende Pflegekräfte fehlen.
Rüsselsheim. 

„Pflege ist eine hochanspruchsvolle Aufgabe. Sie beinhaltet Begegnung mit Alter, Krankheit und Tod“, sagt Sabine Andel. Nach Schulabschluss und einem freiwilligen, sozialen Jahr (FSJ) im Krankenhaus absolvierte sie 1988 ihre Ausbildung zur Krankenschwester – und ist noch heute, 30 Jahre später, im GPR-Klinikum.

Sabine Andel sagt trotz allem: „Ich bin gern Krankenschwester.“ Bild-Zoom
Sabine Andel sagt trotz allem: „Ich bin gern Krankenschwester.“

„Gesundheits- und Krankenpflegerin“ sei inzwischen die korrekte Bezeichnung für das, was landläufig „Krankenschwester“ heißt, sagt die 47-Jährige. „Ich selbst würde mich auf Nachfrage immer als Krankenschwester bezeichnen“, ergänzt sie schmunzelnd. Egal, welchen Namen der Beruf trägt – Fakt bleibt: „Pflege lernt man nicht in wenigen Wochen, es ist ein Reifeprozess. Damals wie heute fordert die Ausbildung intellektuell, menschlich und sozial viel. Sie mündet in einen Beruf mit riesiger Verantwortung. Mit Sozialromantik vom Dienst am Nächsten hat der Alltag wenig zu tun. Es ist belastende Arbeit.“ Anatomie, Krankheits- und Gesundheitslehre, Arzneimittellehre, Krankenpflege und Hygiene müssten jederzeit präsent sein. Und: „Unerlässlich ist Empathie.“

Nöte des Berufs

Dass Andel, als Zentrumsleiterin für Geriatrie und Gastroenterologie zuständig, ihren Beruf noch heute mag, ist nicht selbstverständlich: „Ich bin gern Krankenschwester, obwohl in dem Beruf jeder an seine Grenzen kommt. Allerdings habe ich durch die Leitungsfunktion nicht mehr permanent ,Dienst am Bett’. Durch den knappen Zeit- und Abrechnungsplan der erbrachten Leistungen sind viele Kollegen oft unzufrieden mit sich selbst – sie wollen den Patienten gern mehr geben, als sie schaffen“, führt Andel aus. Sie wisse nur von wenigen Krankenschwestern im 600-Bettenhaus, die seit ihrer Ausbildung bis heute geblieben sind. Andel kennt aus eigenem Erleben, als Kollegin sowie als Betriebsratsmitarbeiterin die Nöte des Berufs: „Die Ausbildungsjahrgänge in der Pflege sind zwar voll, doch die wenigsten halten mehr als ein paar Jahre aus. Sie gehen in Teilzeit, wechseln den Beruf oder satteln ein Studium drauf. Warum? Die Rahmenbedingungen sind schlecht, die Anerkennung gering.“

Pflege sei zudem noch immer Frauendomäne, so dass Familienplanung und Kindererziehung mitzudenken seien. „Du kannst keine Kleinkinder versorgen und Schichtdienst arbeiten – jedenfalls nicht auf Dauer. Und: Gibt es eine einzige Kindertagesstätte, die um sechs Uhr früh Kinder aufnimmt? Aussteiger aus dem Pflegeberuf sagen: Ich kann nicht mehr.“

Arbeitskräfte fehlen

Ingrid Reidt, die als katholische Betriebsseelsorgerin Rüsselsheim/Südhessen viele Krankenhäuser von innen kennt, bestätigt: „Personalmangel, hohe Belastung und mangelnde Wertschätzung in einem den marktwirtschaftlichen Regeln untergeordneten System sind ursächlich für die Situation. Solange es möglich ist, mit Pflege Gewinn zu machen, gelten Rahmenbedingungen, die Spitz auf Knopf gestrickt sind.“ Dass Dilemma, von dem Sabine Andel aus dem GPR-Klinikum berichtet, gebe es in allen Krankenhäusern. „Deutschlandweit fehlen zigtausende Pflegekräfte. Pflege braucht eine gesellschaftliche und monetäre Aufwertung. Neue, soziale Rahmenbedingungen müssen her, um den Verschleiß der Pflegekräfte zu vermeiden und den Beruf attraktiv zu machen“, fordert Reidt.

Andel sagt dazu: „Der Beruf ist für viele Herzenssache. Aber die Umstände lassen sie aussteigen. Ich bin eine Ausnahme, weil ich ohne Familie die dienstfreie Zeit meist zur Erholung nutzen kann. Eine klare Grenze zwischen Privatem und Beruflichem ist unabdingbar. Sonst schaffst Du es nicht. Sowieso geht oft genug auch am freien Tag der Pieper los und ich springe in Notfällen auf den Stationen ein oder sorge für Notdienste.“

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