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Gisela Kübelbeck leidet an Multipler Sklerose: Der Sessel leistet ihr wertvolle Dienste

Vor vielen Jahrzehnten bekam Gisela Kübelbeck die Diagnose Multiple Sklerose. Seitdem kämpft sie – und hilft anderen Betroffenen.
Kuschelig: Gisela Kübelbeck macht es sich gerne zu Hause in ihrer Ruheecke an der Heizung gemütlich. Kuschelig: Gisela Kübelbeck macht es sich gerne zu Hause in ihrer Ruheecke an der Heizung gemütlich.
NAUHEIM. 

In ihrer Ruheecke hat es sich Gisela Kübelbeck gemütlich eingerichtet. „Nah an der Heizung, hier ist es kuschelig“, beschreibt sie ihren Lieblingssessel. Er leistet wertvolle Dienste. Immer wieder wird die Frau, die kürzlich ihren 80. Geburtstag gefeiert hat, zu Pausen gezwungen: Seit 1958 leidet sie an Multiple Sklerose (MS). Bei ihrer Geburtstagsfeier war es kein Problem, die Gratulanten unterzubringen. Bei Gisela Kübelbeck ist zwischen den Möbeln reichlich Platz. Der Grund ist nahe liegend, denn die MS-Patientin nutzt in ihren eigenen vier Wänden eine Gehhilfe.

Fiffi und Scooter

Ihren beiden Hilfsfahrzeuge hat Kübelbeck einen Namen gegeben. Fiffi, der schmale Rollator, und Scooter, das Elektromobil, sind für sie unverzichtbar. Ohne sie bewegt sich die Frau meist mühsam. Gut, dass es die Ruheecke gibt. Und die breite Couch im Wohnzimmer, wo auch ihre Bilder hängen. „Beschäftigungstherapie“, sagt sie zu den Gemälden, die sie anfertigt, um die Feinmotorik so gut es geht zu erhalten. Oftmals im Kreis von anderen Betroffenen.

Seit 25 Jahren ist Gisela Kübelbeck Vorsitzende der MS-Kontaktgruppe. Sie schätzt die Gemeinschaft ungemein. Für die Mitglieder sei der Zusammenschluss ein wichtiger Halt. Es sei gut zu wissen, nicht allein zu sein, erklärt sie.

Verwandte könnten dies niemals alles leisten, sagt die Vorsitzende. Doch sie selbst hat Glück. Zwei ihrer Kinder leben in unmittelbarer Nähe. Fehlt etwas, braucht sie etwas – die Familie unterstützt sie nach Kräften.

Früher war Kübelbeck verheiratet. Ihr Mann starb 1989. Über die MS-Gruppe lernte sie später „meinen Jakob“ kennen. Auch er hatte die noch immer nicht heilbare Krankheit. Mit ihm führte sie „eine Wochenend-Ehe“. Eine entspannte Zeit mit großem gegenseitigem Respekt, Vertrauen und Verständnis, bis auch Jakob vor 13 Jahren starb.

So lange allein im Alter und dann auch noch eine schwere Krankheit – wie hält die Frau das aus? Kaum zu glauben, aber in ihren vier Wänden sprüht Kübelbeck vor Lebensfreude, denn die MS-Schübe, die ihr Dasein so beschwer machen, sind nicht allgegenwärtig. Das bedeutet, dass sie ihre Ruheecke sogar nutzen kann, um gemütlich fernzusehen oder zu lesen.

Kübelbeck ist ein personifiziertes Stehaufmännchen. 1958 fing alles an. Sie wusste nicht, was es bedeutete, dass ihr immer wieder schwindelig wurde, dass irgendwas mit den Augen nicht stimmte und dass sie immer häufiger stürzte. Da waren diese Doppelbilder. Damals unerklärlich, selbst für Ärzte.

1960 haben die Kübelbecks gebaut, ein Jahr später zogen sie in das Haus in der Rheinstraße. Noch immer lebt sie dort. Um- und Ausbau haben ihr geholfen, mehr Platz für sich, Fiffi und ihren Sessel zu schaffen. „Anfangs hat mich keiner für voll genommen“, erinnert sie sich. Hand gebrochen, Arm gebrochen, den Kopf gestoßen, blaue Flecken, Beulen. Das war für sie normal und rätselhaft – bis 1974. Ihr Zustand hatte sich schlagartig verschlechtert, sie wurde genauer untersucht und plötzlich stand die Diagnose – Multiple Sklerose.

„Ich wusste, was los war“

So niederschmetternd der Befund war, so viel Halt gab er ihr: „Endlich wusste ich, was los war“, sagt sie. Dass all die Therapien und Medikamente in den darauffolgenden Jahren die Auswirkungen von MS nur lindern sollten, wusste sie noch nicht. An Autofahren war nicht mehr zu denken. Viele Jahre später wurde sie wieder mobil, dank Scooter, ihrem Elektrofahrzeug. Damit gelangt sie selbstständig zum Einkaufen und zu den Treffen der MS-Gruppe. „Sich gegenseitig Mut zu machen, ist wichtig“, betont sie.

Zu Hause ist sie glücklich über den Garten, den sie über eine Terrasse erreicht. Sie hat ein Arbeitszimmer, wo sie Fiffi parkt und Gleichbetroffene zum Basteln empfängt. Ein fast schon historischer Küchenschrank verleiht dem Raum etwas Gemütliches, aber so behaglich wie in ihrer Kuschelecke ist es da nicht. Aus dem Sessel erhebt sich die 80-Jährige Stehauffrau beinahe, als wäre sie mal eben ein bisschen malad. Ihre wirkliches Leiden lässt sich Gisela Kübelbeck nicht anmerken. „Für mich gibt es nur halbvolle Gläser. Ich schaue immer nach vorne“, sagt sie.

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