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Kultur: Die Terrorschwestern mögen es schrill

Die international gefragte Tanzformation „Terrorschwestern“ wurde vor rund 25 Jahren in Rüsselsheim gegründet. Ein Treffen mit Gründer Knud Wechsterstein.
Auftritt in schwarz und weiß Auftritt in schwarz und weiß
Rüsselsheim. 

Man kann es heute ja kaum glauben, aber in Rüsselsheim gab es tatsächlich einst Plattenläden und Boutiquen. „In den 90ern konnte man es hier als junger Mensch durchaus sehr gut aushalten“, sagt Knud Wechterstein. In Berlin feierte in diesen Jahren die Technoszene die „Loveparade“, am Frankfurter Flughafen sorgte die Discothek „Dorian Gray“ für Furore, und in Rüsselsheim feierten die „Terrorschwestern“ die spektakulärsten Partys im gesamten Rhein-Main-Gebiet.

Tänzer mit Plateauschuhen Bild-Zoom
Tänzer mit Plateauschuhen



Rund 25 Jahre ist das her, und längst sind die „Terrorschwestern“ eine international gefragte Tanzformation, gebucht für Auftritte in London, Prag, Berlin. Und auch ein Vierteljahrhundert später geht das Konzept noch immer auf.

Pragmatischer Grund

Der Königstädter Knud Wechterstein gründete die Formation aus einem sehr pragmatischen Grund: „Es gab in dieser Zeit für schwule Männer in Rüsselsheim und Umgebung kein offizielles Angebot, wir mussten uns selbst darum kümmern.“ Homosexualität sei zu Beginn der 90er in der Opelstadt kein großes Thema gewesen. Positiv sowie negativ: „Homophobie ist uns damals in Rüsselsheim nicht begegnet“, erinnert sich Knud Wechterstein. „Mein damaliger Freund und ich waren damals selbstbewusst genug, dass wir kostümiert auf Partys gingen.“

Knud Wechterstein Bild-Zoom
Knud Wechterstein

Bei der Kostümierung ging es nicht um ästhetische Konzepte, es ging ums Auffallen, um den großen Auftritt. „Wir nannten uns ,Terrorschwestern’, weil Terror damals hauptsächlich für schrill und wild stand, und weil sich Schwule nun mal untereinander ,Schwestern‘ nennen.“ Das blieb nicht unbemerkt, bald schon hatte sich eine Gruppe um Wechterstein gebildet.

„Loveland“ zog an

Die Rüsselsheimer DJs Matt und Dirk Dreyer schlossen sich der Gruppe an, und gemeinsam organisierte die Gruppe ab April 1995 die weit über die Rüsselsheimer Stadtgrenzen bekannte Partyreihe „Loveland“ im „Rind“. Bis zu 600 Personen kamen, plötzlich war auch Geld da, um die Bühne zu gestalten. „Im Zentrum der Party standen immer die durchgeknallten Mottoperformances des Freundeskreises“, so Wechterstein. Und das weckte Begehrlichkeiten in den großen Clubs. Die „Terrorschwestern“ wurden als schrille Acts für große Bühnen gebucht. Auftritte in Musikvideos folgten, binnen weniger Jahre machte sich die Gruppe einen internationalen Namen. „Unser Erfolg lag vielleicht darin begründet, dass wir auf der Bühne immer Attacke ausriefen. Wir gaben immer Vollgas, egal wo wir waren.“

Lack, Leder, Haut: Die Tänzer der „Terrorschwestern“ sind europaweit gefragt. Bild-Zoom
Lack, Leder, Haut: Die Tänzer der „Terrorschwestern“ sind europaweit gefragt.

Knud Wechterstein selbst tanzt längst nicht mehr: „Jemand muss sich ja um das Management kümmern“, sagt er. So freut er sich, dass aktuell etwa ein Tänzer in der Frankfurter Kunsthalle Schirn jede Woche tanzt, und auch sonst läuft das Geschäft gut. „Was mir derzeit auffällt: Das Nachtleben hat sich in den vergangenen 25 Jahren sehr verändert. In den Clubs fehlt heute die Euphorie. Die jungen Leute inszenieren für Internet-Bilder eine gewisse Euphorie, aber sie leben sie nicht mehr aus.“ Und, was ebenfalls schwer wiegt: „Die Musik ist seit Jahren ähnlich.“

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