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Ein Abend, der unter die Haut geht

Bei der Veranstaltungsreihe des Kreises „Bücher und mehr...“ gastierten am Samstag im Büttelborner Café Extra ein Musiker und eine Autorin: Stephan Völker spielte das Saxofon, Maria Knissel las aus ihrem Roman „Drei Worte auf einmal“.
Einfühlsames Duo: Autorin Maria Knissel und Saxofonist Stephan Völker im Büttelborner Café Extra. Wort und Klang paaren sich zu einem beeindruckenden Abend um den durch Völker inspirierten Roman „Drei Worte auf einmal“. Foto: Charlotte Martin Einfühlsames Duo: Autorin Maria Knissel und Saxofonist Stephan Völker im Büttelborner Café Extra. Wort und Klang paaren sich zu einem beeindruckenden Abend um den durch Völker inspirierten Roman „Drei Worte auf einmal“.
Kreis Groß-Gerau. 

Der letzte Ton des Abends gehörte dem Saxofonisten Stephan Völker, der ergreifend aufspielte. Der Rüsselsheimer ist ein europaweit bekannter Jazz-Saxofonist, einer, dessen Musik anzuhören ist, dass ihr eigentlicher Lehrmeister das Leben ist. Das Sich-Hineinhorchen in zwischenmenschliche Atmosphäre und psychische Verfassungen grundiert seine Kompositionen, die große Stille hinter den Tönen verleiht Stephan Völkers Saxofon-Episoden eine ungemeine Tiefe.

 

Bruder ist nach einem Unfall schwerstbehindert

 

Mit Maria Knissel, Autorin des 2012 erschienenen Romans „Drei Worte auf einmal“, gastierte er am Samstag im Büttelborner Café Extra. Knissels Roman um zwei Brüder, von denen der Ältere nach einem Unfall schwerstbehindert ist, ist nicht allein der Fantasie entsprungen, sondern hat lebensechten Bezug: Seit ihrem ersten Roman („Der Klarinettist“) wird Maria Knissel auf Lesereisen von Stephan Völker begleitet, der auch ein begabter Klarinettist ist.

Nach und nach erzählte er der Autorin dabei aus seinem Leben und inspirierte sie somit zum zweiten Roman – „Drei Worte auf einmal“. Dicht an der Wirklichkeit und doch literarisch verpackt, macht Maria Knissel die Gefühlswelt des Jungen zur Basis ihrer Erzählung, der sich neben trauernden und überforderten Eltern zunehmend in sich selbst zurückzieht und nur langsam eine tiefe Liebe zum behinderten Bruder entwickelt. „Ein Musikerroman“ wird das Buch häufig genannt und es ist doch weit mehr als das.

„Er ging in sein Zimmer und spielte auf dem Saxofon – so laut und so schräg er konnte“: Dieses Zitat aus dem Roman schildert die sprachlose Wut und Traurigkeit eines 13-Jährigen, dem das Saxofon zum Ventil seiner Emotionen wird. Stephan Völker, dem Chris des Romans zum Verwechseln ähnlich, machte am Samstagabend die Geschichte seiner frühen, verzweifelten Ausdruckssuche jenseits der Worte auf dem Saxofon professionell hörbar.

 

Für Protagonisten bleibt wenig Aufmerksamkeit

 

Dieses widerspenstige „ins Zimmer gehen“ des Jungen, der mit seinem Instrument nervtötend aufschrie, sowie seine weitere Entwicklung wurden von Maria Knissel zunächst passagenweise gelesen, bevor Völker jeweils intensive Kompositionen spielte, die seiner Erfahrungswelt mit dem kranken Bruder entsprungen sind. Nur weniger Worte mächtig, basierte die Kommunikation mit ihm für Chris auf dem Austaxieren der Gefühle, auf einem feinnervigen Hinhören des Musikers, der unsagbare Klänge des Augenblicks mit dem Saxofon einfing.

Schwer zu sagen, was bei der Veranstaltung des Duos, das überregional bekannt ist, mehr in Bann zog: Die Worte oder die Umsetzung in Musik. Die tragische Geschichte geht natürlich unter die Haut. Beeindruckend, wie Knissel sie aus Sicht des jüngeren, gesunden Bruders erzählt. Der große Bruder, den er einst so bewunderte, mutiert durch die Behinderung zum Kind, das die Fürsorge der Eltern vereinnahmt. Für ihn, den „Normalen“ bleibt wenig übrig – wenig Zeit, wenig Aufmerksamkeit und auch wenig Zärtlichkeit.

Umso zärtlicher spielt Chris alias Stephan Völker das Saxofon, machte es nach Umwegen über einen Job bei Opel zum Hauptberuf. So gab es am Ende der eindrucksvollen Lesung aus dem Publikum auch mehr persönliche Fragen an den Saxofonisten als an die Autorin. Knissel hob hervor, dass sie keine Biografie, sondern einen Roman geschrieben habe. „Die Form, die ich wählte, nämlich dramatische Ereignisse um Schwerbehinderung und Veränderungen im Familiensystem aus Sicht des Geschwisterkindes zu schildern, habe ich in der deutschen Literatur zuvor nicht gefunden“, sagte Maria Knissel.

Der Erfolg des Buches zeigt, dass es ihr gelungen ist, viele Menschen zutiefst zu berühren.

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