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Interview mit Susanne Böhme: Eine querschnittsgelähmte Fallschirmspringerin erzählt aus ihrem Leben

Susanne Böhme ist eine bemerkenswerte Frau: Keine Interview-Antwort, in der sie nicht mindestens einmal lacht. Ihre positive Einstellung und konsequentes Training haben dazu geführt, dass sie sich nach einem schweren Unfall 2012 trotz Querschnittslähmung in den Alltag zurückgekämpft hat. Jetzt tourt die Fallschirmspringerin drei Wochen lang auf gut 400 Kilometern mit dem Fahrrad durch Deutschland – und kommt auch an Rüsselsheim vorbei. Stella Lorenz hat mit ihr gesprochen.
Querschnittslähmung ist für sie kein Hindernis: Durch den speziellen Wingsuit gleitet Susanne Böhme wie ein Flughörnchen durch die Luft, bevor sich ihr Fallschirm öffnet. Querschnittslähmung ist für sie kein Hindernis: Durch den speziellen Wingsuit gleitet Susanne Böhme wie ein Flughörnchen durch die Luft, bevor sich ihr Fallschirm öffnet.

Frau Böhme, wie war Ihr Tag bisher?

SUSANNE BÖHME: Ich bin mit Sport in den Tag gestartet und gerade aus der Dusche raus – bei dem Wetter muss man das morgens machen, das geht nicht anders (lacht). Jetzt schaue ich mal, welche Brände noch zu löschen sind – ich habe zum Beispiel noch einen Kindergeburtstag vorzubereiten…

Wie haben Sie gerade trainiert?

BÖHME: Heute habe ich nur den Oberkörper beansprucht, weil sich die Beine von der gestrigen Physiotherapie noch erholen dürfen. Die sind dann morgen wieder dran.

Das klingt ganz schön durchgetaktet.

BÖHME: Jein – der Plan ist einigermaßen flexibel. Zu meiner Läuferzeit habe ich genauere Pläne gehabt, da hatte ich aber auch noch kein Kind. Jetzt versuche ich, einzelne Bausteine sinnvoll hin- und herzuschieben (lacht). Vor allem aber muss man die Zeit dafür finden, das ist immer das große Manko.

Ihr Unfall ist jetzt sechs Jahre her, mittlerweile können Sie wieder gehen. Was ist das für ein Gefühl?

BÖHME: Wenn ich daran denke, wo ich vor ein paar Jahren war, ist es total großartig, wo ich heute bin. Das hätte ich mir in dieser Form nicht vorstellen können. Natürlich habe ich es immer gehofft und mache alles dafür, dass es noch besser wird. Aber richtig vorstellen kann man sich immer nur den nächsten kleinen Schritt. Ich finde es wichtig, sich vor Augen zu halten, was mal war, sonst geht das im Alltag unter.

Trotz des Unfalls springen Sie wieder Fallschirm und fliegen im Wingsuit. Woher kommt Ihre scheinbar nicht totzukriegende Faszination für den freien Flug?

BÖHME: (lacht laut) Ich denke, dieser Traum vom Fliegen ist schon tief verwurzelt in der Menschheit. Wir haben das große Glück, dem sehr nahe zu kommen. Aber ich denke auch, dass fast jeder, der so einen Unfall hat, so gut wie möglich versucht, sein altes Leben zurückzubekommen. Mein altes Leben war jetzt natürlich etwas verrückter, deshalb ist das, was ich anstrebe auch etwas verrückter. Aber ich versuche natürlich auch, meinen Alltag wiederherzustellen.

Über die Sportlerin

Susanne Böhme, geboren 1979 in Heidelberg, ist Wingsuit-Pilotin, Fallschirmtechnikerin und -springerin. 2012 lähmte ein Flugunfall sie hüftabwärts.

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Jetzt wollen Sie Deutschland durchqueren – nicht fliegend, dafür fahrend. Wie entstand die Idee, Ihre Geschichte auf dem Fahrrad weiter zu tragen?

BÖHME: Ich bin über einen Artikel von Rollstuhlfahrern gestolpert, die von Amsterdam nach Berlin mit den Rollstühlen gefahren sind. Sie hatten ähnliche Voraussetzungen wie ich, können ein paar Schritte laufen. Ursprünglich wollte einer der beiden auch einen Teil laufen, da wollte ich mit. Das hat aber zeitlich nicht gepasst, und ich habe schnell gemerkt, dass ich eine so lange Strecke nicht schaffe.

Deshalb die Entscheidung fürs Rad?

BÖHME: Genau. Mit dem Fahrrad komme ich wenigstens vom Fleck, kann etwas von der Welt sehen und spannende Menschen kennenlernen.

Wie ging es dann weiter?

BÖHME: Ich habe die Idee aus finanziellen Gründen zu den Akten gelegt. Dann hat mich aber Gert Wiedemann, der Vertriebsleiter des Spezialrads „Berkelbike“ in einem Interview gehört. Da war natürlich die Steilvorlage da, zu fragen, ob die Firma mir helfen will – und sie wollte.

Ihr Fahrrad ist ein ganz spezielles – es kann mit den Händen oder auch mit der Kraft der Beine angetrieben werden. Warum haben Sie ausgerechnet dieses Fahrrad ausgewählt?

BÖHME: Ich möchte mich aus eigener Kraft fortbewegen, eben ohne Motorunterstützung. Das war mir wichtig. Ich mag das Konzept hinter dem Rad: Die Beine werden immer automatisch mitbewegt, auch wenn man nicht selber tritt. Man nutzt die Mechanik mit den Armen, um die Beinbewegung auszulösen. Es ist ein Trainingsgerät, das die Nervenregeneration begünstigen kann.

Wie sah Ihre Vorbereitung aus?

BÖHME: Ich trainiere quasi ständig, seit ich den Unfall hatte, momentan noch mit dem Ergometer – obwohl es ziemlich langweilig ist, im Wohnzimmer auf der Stelle zu radeln. Für die Tour gab es dann aber auch schon diverse Probetermine.

In knapp vier Wochen geht es los, dann fahren Sie von Karlsruhe nach Essen. – was steht jetzt noch an?

BÖHME: Es müssen noch diverse Termine koordiniert werden, zusätzlich bin ich im letzten ernsthaften Trainingsblock, der eine Woche vor dem Start der Tour abgeschlossen sein wird. Die Packliste ist zum Glück fast fertig.

Was, denken Sie, kommt auf der Tour auf Sie zu?

BÖHME: Ich habe zum großen Teil keine Ahnung (lacht). Ich hoffe, dass ich bequem durchkomme und habe die Etappen eher pessimistisch berechnet – so, dass ich noch Luft hab, zum Beispiel bei einem Schlechtwettertag. Aber ich bin völlig offen für das, was ich unterwegs erlebe. Ich hoffe einfach auf eine ganz schöne Zeit und tolle Begegnungen.

Sie sind 2014 Mutter geworden. Hat das ihre sportlichen Pläne beeinflusst?

BÖHME: Eindeutig ja – ein Kind ist eine Verantwortung, die vorher nicht da war und die mir wichtig ist. Aus dem Grund habe ich das Base-Jumping komplett aufgegeben. Ich überlege mir dreimal, was ich mache und nicht. Das ist nicht immer einfach, weil ich ja selbst noch ein Leben habe.

Ist Ihr Vierjähriger dann auch schon sportlich unterwegs? Gibt es auf Ihrem Rad sogar einen kleinen Kindersitz?

BÖHME: (lacht) Nee, er kann selbst fahren. Er hat selber ein eigenes Rad, auf das er stolz ist wie Oskar. Vielleicht kommen er und mein Mann ein kleines Stückchen mit auf der Tour.

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