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Flüchtlinge in Hessen: Flüchtlinge organisieren Alltag in Notunterkunft

43 Flüchtlinge leben seit vergangener Woche im ehemaligen Gebäude der Firma IDE in der Karl-Liebknecht-Straße. Das ECHO hat ihnen einen Besuch abgestattet. Einige Asylbewerber haben dabei über ihr Schicksal berichtet.
Angekommen in Raunheim: Die Flüchtlinge aus Syrien sind froh, dass sie jetzt in Sicherheit sind und freuen sich über das traditionelle Essen aus der Heimat. Foto: Rüdiger Koslowski Angekommen in Raunheim: Die Flüchtlinge aus Syrien sind froh, dass sie jetzt in Sicherheit sind und freuen sich über das traditionelle Essen aus der Heimat.
Raunheim. 

Ein appetitanregender Duft schwebt aus der Küche in die ehemalige Produktionshalle, die zu einem Aufenthaltsraum umfunktioniert wurde, herüber. Was riecht denn da so lecker? „Only Onions“, sagt jemand auf Englisch, und die Runde lacht. Allein die Zwiebeln, die in der Pfanne brutzeln, geben noch keinen Hinweis auf die typische syrische Küche.

Aber wenig später wird „Magadara“ serviert: ein einfaches aber sehr schmackhaftes Gericht aus Reis mit Linsen und gerösteten Zwiebelringen. Dazu werden ein Gurkensalat und Gewürzgurken gegessen. Die Gastgeber sind durchaus stolz auf ihre Kost.

„Wir können nur Kleinigkeiten kochen, wir haben nicht viel Geld“, erzählt Alsaid Ahmad Khldon. Das Gespräch mit den Flüchtlingen übersetzen Haj Mostafa Safwan, ein Dolmetscher der Stadt, und Kadir Erdogan vom türkischen Kultur- und Bildungsverein. „Feren“ mit Tomaten, vermengte Eier und Zwiebeln, nennen die Syrer als weiteres Gericht. Ihnen bereitet das Gespräch über ihre traditionelle Küche Freude.

Die Flüchtlinge haben in Raunheim schon das eine oder andere Lebensmittelgeschäft entdeckt. Den marokkanischen Laden in der Frankfurter Straße kenne sie bereits, berichtet eine Mutter, die aus Syrien stammt. „Wir sind alle zufrieden“, sagt ihr Sohn Mohammed Nur.

43 syrische und afghanische Flüchtlinge haben am Donnerstagabend Raunheim erreicht und das ehemalige Verwaltungsgebäude und die Produktionshalle der Firma IDE bezogen. Sie leben jetzt erst eine Woche dort, aber sie haben sich bereits organisiert und einigermaßen eingelebt. „Wir sind 43 Leute, wir haben vier Gruppen gebildet“, erklärt Alsaid Ahmad Khldon. Jede Gruppe darf abwechselnd in den beiden Küchen ihre Mahlzeiten zubereiten. Am Ende der Woche wollen sich alle zusammensetzen und über die Fehler sprechen. „Kommunikation ist wichtig“, ruft jemand.

 

„Wir fühlen uns sicher hier“

 

Die syrische Mutter spricht über ihre Vorstellungen, die sie vor ihrer Flucht nach Deutschland hatte. „Wir haben gehört, wenn man ankommt, erhält man eine Wohnung. Wir haben nicht gedacht, dass wir in ein Lager kommen.“ Aus ihrer Verwunderung macht sie keinen Hehl.

Sie möchte aber auch nicht falsch verstanden werden und bedankt sich für die Unterkunft, in der sie mit ihrer Tochter Amani und ihrem Sohn Mohammed jetzt leben kann. Sie möchte geduldig sein und warten, bis sie in die Pension in der Kelsterbacher Straße umziehen können. „Wir fühlen uns sicher hier, es gibt viele Leute, die uns helfen“, ist sie glücklich über ihre Situation.

„Wir wollen Frieden und beruhigt schlafen“, schildert Alsaid Ahmad Khldon die Emotionen der Asylbewerber. Frieden hatten er und die anderen Flüchtlinge in Syrien nicht. Von Politik möchte niemand etwas hören. Russen, Assad, Iraner, Rebellen, IS – alle bombardieren das Land, Assad bombardiert die eigenen Leute, erzählen die Leute gestikulierend. „My house is down“, berichtet Alsaid Ahmad Khldon und formt mit den Händen ein Gebäude, das von Bomben getroffen in sich zusammenfällt.

„Jeden Tag waren Feinde da, es war gefährlich“, sagt er mit Blick auf seine Heimatstadt Damaskus. Deshalb ist er geflüchtet, musste allerdings seine Frau und seinen zweijährigen Sohn zurücklassen. Er war 21 Tage unterwegs. Alsaid Ahmad Khldon durchquerte die Länder Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich zu Fuß, mit dem Zug und mit dem Bus. Bei Wind und Regen sei der Marsch am schlimmsten gewesen, sagt er. Er konnte lediglich ein paar Kleidungsstücke für die Flucht mitnehmen.

Viele Einheimische helfen auf der Flucht

„Nur das, was wir anhaben“, zeigt auch die Mutter von Mohammed und Amani an sich herunter. Sie lebte mit ihrer Familie in Hama. Ihre Route war fast die gleiche. Ihr zehntägiger Marsch führte allerdings nicht durch Slowenien, sondern durch Ungarn. „In Griechenland haben wir auf der Straße geschlafen“, erzählt sie. Aber viele Einheimische hätten ihnen am Wegesrand geholfen.

Zu Hause in Hama wurde die Familie von der Armee gewarnt, sie solle sofort das Haus verlassen. Als sie und ihre Familie draußen waren, zerstörten die Soldaten ihr Heim, schildert die Mutter ihr Schicksal. Sie hat noch eine Schwester, die sich mit ihrem Sohn noch in einer Erstunterkunft aufhält. Nur die Frau und ihre beiden Kinder haben das Ticket nach Groß-Gerau erhalten. Die Frau wünscht sich nun, dass die Familie wieder zusammengeführt wird.

Das wünscht sich auch Alsaid Ahmad Khldon. Er hofft, dass er seine Frau und seinen Sohn nach Deutschland bringen kann. Wie das passieren soll? „Keine Ahnung“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

Die deutsche Sprache zu lernen nimmt ebenfalls einen wichtigen Platz auf dem Wunschzettel der Flüchtlinge ein. „Wir wollen nicht zu Hause sitzen, wir wollen arbeiten und unser Essen selbst bezahlen können“, sagt Alsaid Ahmad Khldon.

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