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Ein „absoluter Traum“ wird wahr: Udo Kohse restauriert seinen 46er Pontiac Silver Streak nach eigenen Vorstellungen

Wer ein altes Auto fahren möchte, kann sich einen Youngtimer besorgen, für den es noch reichlich Ersatzteile gibt. Dann wird der Lack poliert, schon geht’s zur ersten Ausfahrt. Das krasse Gegenteil macht Udo Kohse – und er hat eine Riesenfreude daran.
Dank der Eigenkonstruktion des Fahrwerks mit Niveauregulierung wird Udo Kohse nach Belieben die Bodenfreiheit seines Pontiacs anpassen können. Foto: (Rainer Beutel) Dank der Eigenkonstruktion des Fahrwerks mit Niveauregulierung wird Udo Kohse nach Belieben die Bodenfreiheit seines Pontiacs anpassen können.
Nauheim. 

In einer perfekt eingerichteten Schraubergarage im Stockheimer Weg entsteht zurzeit ein automobiles Einzelstück, das womöglich weltweit seinesgleichen sucht. Udo Kohse, in der Motorradszene als Veredler von Harley-Davidson-Motorrädern bekannt, restauriert auf ungewöhnliche Weise einen Pontiac von 1946: Er konstruiert das Fahrzeug quasi neu.

Der Blick auf den zerlegten Pontiac Silver Streak in Kohses Werkstatt ist atemberaubend. Ohne Motor und Kotflügel hat das wuchtige Teil von vorne Ähnlichkeit mit einem Flugzeug. Nur der Propeller fehlt. Der Wagen steht auf einer Hebebühne. Damit er überhaupt in die Werkstatt passt, in der Kohse normalerweise Motorräder baut, hat der 48-Jährige kurzerhand eine Mauer eingerissen und Träger eingezogen.

Die Ausmaße des über 70 Jahre alten Ami-Schlittens sind nur zu ahnen. Allein die hier fehlenden Kotflügel sind fast so lang wie ein Smart. Bild-Zoom Foto: (Rainer Beutel)
Die Ausmaße des über 70 Jahre alten Ami-Schlittens sind nur zu ahnen. Allein die hier fehlenden Kotflügel sind fast so lang wie ein Smart.

Schon dieser Umstand beweist, dass Kohse keine Mühen scheut, um sein privates Projekt zu verwirklichen. Er hat den Straßenkreuzer aus der Humphrey-Bogart-Zeit blind gekauft: Im Internet gesehen, Kontakt zum Händler in Miami aufgenommen und zugeschlagen. Zuvor hatte Kohse einen Silver Streak bei einem Autotreffen vor drei Jahren erblickt. „So einen muss ich haben“, sagte er sich damals. Nun steht der Pontiac in seiner Werkstatt.

Im ersten Moment habe das Fahrzeug gut ausgesehen, erinnert er sich. Bei näherem Hinsehen offenbarten sich indes die Mängel. Der Boden der Karosse habe eigentlich nur aus einer Korkplatte bestanden. Korrodierte Träger, wohin Kohse blickte. Wenn er bremste, knirschte und zerrte es überall. An eine TÜV-Genehmigung war nicht zu denken. „Wegschmeißen oder ein neues Auto bauen?“, fragte sich der Bastler und machte sich ans Werk. So begann der positive Stress.

Der Wiederaufbau bei einem Pontiac, dessen Konstruktion werksseitig vor dem Krieg begann, ist allerdings nicht so einfach wie vielleicht bei einem A-Kadett von Opel. Eine große Szene von Fans, die sich nur um diesen Typ kümmert? Gibt es nicht. Ein Händler, der Ersatzteile liefert? Fehlanzeige. Unterlagen, Konstruktionszeichnungen, Maßangaben? Mitnichten.

Als selbständiger Motorradkonstrukteur bringt Kohse zwar beste Voraussetzungen mit. In seiner Werkstatt stehen Maschinen aus dem Automobilbau. Mal eben einen neuen Tank entwerfen und aus dem Rohmaterial zusammenschweißen, das ist für ihn Alltag. Glücklicherweise erleichtert das Internet die Recherche. Nach und nach sammelte er das Wenige, was er auftreiben konnte. Etwa alte Zeichnungen mit englischen Beschreibungen.

Dumm nur, dass sein Pontiac nicht irgendein Pontiac werden soll. Kohse zeigt auf das Fahrwerk, das er – bis dato ohne jede Kenntnisse für Fahrwerksgeometrie bei Autos – nicht nur zu 80 Prozent selbst gebaut, sondern mit Feinheiten versehen hat, die sein Projekt eines Tages zum Hingucker machen sollen.

Der Wagen mit Kotflügeln, die fast so lang sind wie ein Smart, soll nur einen Finger hoch über der Straße gleiten. Kommt eine Bodenwelle, wird Kohse über einen kleinen Bildschirm im Innern die Niveauregulierung ansteuern, so dass seine vierrädrige Erscheinung wie von Geisterhand die nötige Bodenfreiheit erhält. Ist ja klar, dass Kohse ein solches System nicht von der Stange kauft, sondern für seinen Sonderfall eigenhändig konstruiert.

Der Umbau der Karosserie zur Anpassung an das neue Fahrwerk, der Einbau des Big-Block-Motors von Chevrolet mit 8,1 Liter Hubraum, bis zu 700 PS und 800 Newtonmetern, die neue Elektrik, eine andere Lenkung und die Ausstattung des Interieurs hat Udo Kohse neben unzähligen weiteren Details noch vor sich. Schon jetzt steht fest: „In dieser Form wird es den Wagen weltweit wahrscheinlich nur ein einziges Mal geben.“

Wer dem Techniker zuhört, spürt seinen ungebrochenen Enthusiasmus. Die technischen Feinheiten, die er erläutert, sprudeln nur so aus ihm heraus. Dabei blitzen seine Augen voller Vorfreude. Um Vorschriften für die Zulassung macht er sich erst einmal keine Sorgen. „Ich baue den nicht für den TÜV, sondern für mich“, sagt er.

Für ihn ist der Pontiac „der absolute Traum“. Ein altes Auto kaufen, ein bisschen was reparieren, das könne ja jeder. Er suche schlicht „die totale Herausforderung“. Und wenn er in zwei Jahren an seinem 50. Geburtstag mit dem 46-er Silver Streak und dem V-8-Motor über Nauheims Straßen blubbert, macht er sich selbst das schönste Geschenk.

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