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Heimatspaziergang mit Schauspieler: Walter Renneisen: Raunheim hat vollkommen sein Gesicht verloren

Von Walter Renneisen wuchs in Raunheim auf, als es noch ein Dorf war. Für das Echo machte er einen Spaziergang, bei dem eines klar wurde: Sein Heimatdorf begleitet ihn vor allem durch die Sprache.
An abenteuerliche Ausflüge auf Frachtschiffen erinnert sich Walter Renneisen am Mainufer. Bilder > Foto: Maik Reuß An abenteuerliche Ausflüge auf Frachtschiffen erinnert sich Walter Renneisen am Mainufer.
Raunheim. 

„Diese Klinkermauer gehörte noch zu unserem Haus“ – identifiziert Renneisen ein Überbleibsel auf einem gesichtslosen Plattenweg, der als Parkplatz sowie als Verbindung zwischen Frankfurter Straße und Mathildenstraße dient. „Wir hatten eines der schönsten Häuser im Ort“, schwärmt er. Bilder, die dabei im Kopf von einem heimeligen alten Bauernhaus entstehen, zerstört er sofort gnadenlos. „Es war ein moderner Bungalow, gebaut im Stil von Richard Neutra“, stellt der Architektur-Fan sofort klar. Vor einigen Jahren wich es einem Parkplatz, um den Parkdruck im Ortskern zu entschärfen.

Bungalow statt Fachwerkhaus

Ihr altes Fachwerkhaus ließ die Familie bereits in den sechziger Jahren selbst durch diesen Neubau ersetzen. Sentimentalität angesichts des verschwundenen Hauses seiner Kindheit ergreift ihn nicht: „Ich mag nur moderne Architektur – mit 16 bin ich mit dem Fahrrad nach Marseille gefahren, um mir Le Corbusiers Wohnmaschinen anzusehen“, erinnert er an seine ursprünglichen beruflichen Ambitionen als Architekt. Enge Räume, kleine Fenster – wer Wohnkomfort wollte, war in den sechziger Jahren kein Denkmalschützer.

Dennoch: „Das darf man mit einem Dorf nicht machen“ heißt es beim Anblick der nahe gelegenen Hochhäuser, auch das lieblos sanierte Nachbarhaus seines früheren Elternhauses findet keine Gnade vor seinen Augen. „Diese Ecke war durch eine Bombe zerstört – das musste trotzdem nicht sein“. Das neue Rathaus dagegen gefällt ihm.

Aber zurück zu den Anfängen: Ein häufig aufgesuchter Ort in Raunheim? „Ich war in keinem Verein“, stellt er klar. Er und seine Geschwister waren kunst- und musikinteressiert, von der Mutter unterstützt. Aber in der Mainaue, die den Kindern des damaligen Bauern- und Arbeiterdorfes als Treffpunkt diente, war er häufig zu finden. „Das war unser Spielplatz, da haben wir Fußball gespielt, Feuer gemacht, Kartoffeln gebacken. Im Main haben wir auch Schwimmen gelernt.“

Ein beliebtes Spiel, das heutigen Helikopter-Eltern wohl zu Recht Schweißperlen auf die Stirn treibt, war es, Frachtschiffe anzuschwimmen: „Man musste sich an den Nieten festhalten, und die Strömung zog einen aufs Schiff. Da ist man dann ein paar Kilometer mainauf- oder abwärts gefahren, dann mit einem Gegenschiff zurück“, erinnert sich der drahtige 76-jährige. „Die Schiffer haben manchmal mit Kohlen nach uns geworfen“. Gefährliche Schiffsschrauben hatten die Kähne, die zu mehreren von einem Schlepper gezogen wurden, nicht. „Wir mussten nur aufpassen, dass wir nicht zwischen Schiff und Schlepptaue gerieten“.

Kinderspiele ohne Absicherung

Behütetes Aufwachsen geht anders: In Scheunen kletterte man auf die höchstgelegenen „Katzenbalken“, Kanus wurden aus Latten selbst gebaut, Sprungbrett am Main waren die Reste eines alten Krans. „Trotzdem ist kaum etwas passiert“, erinnert sich Renneisen. Menschen ertranken damals wie heute, aber in einer Zeit, in der es seine Mutter nicht wagte, die Tochter wegen übergriffiger amerikanischer Soldaten nach Rüsselsheim aufs Gymnasium zu schicken, hatte man andere Sorgen: Die Familie hatte mehr Kultur als Geld. Der Vater konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Landwirt sein, die Mutter brachte die Familie bei Opel am Fließband durch. Die künstlerischen Ambitionen der Kinder unterstützte sie dennoch – oder gerade deswegen.

Nächste Station: Das Heimatmuseum an der Mainstraße oder „Moagass“, damals Pfarrhaus, liefert Anekdoten, aber keine idyllischen: „Eine der fünf Töchter von Pfarrer May hat mir meinen zahmen Raben geklaut.“ Die Gaststätte Kastanienhof war sein Kindergarten, der benachbarte Gasthof „Zum Löwen“, heute Flüchtlingsunterkunft, hatte einen tollen Festsaal. Die frühere Volksschule suchte er immer früh morgens auf: „Dort war besser geheizt, im Bauernhaus hatten wir nur Öfen.“ Prügelstrafe gab es noch, aber auch tolle Lehrer, „damit war ich nicht unzufrieden“.

Die Schule, in seinem Fall das Immanuel-Kant-Gymnasium in Rüsselsheim, förderte das Herauswachsen aus dem Dorf, ebenso der aus den USA herüberschwappende Rock’n Roll. Der 17-Jährige begann, in der Band „Heiko Henss and his Comets“, Schlagzeug zu spielen, auch hier wieder von der Mutter unterstützt. „Das war für sie keine Negermusik, sie wollte sogar, dass ich bei der Band bleibe.“ Nicht unrealistisch, immerhin hatte man es ins Vorprogramm von Bill Haley geschafft. Studium und Schauspielschule lockten stärker, der Musik blieb er treu und spielt bis heute mehrere Instrumente..

„Raunheim ist mein Heimatdorf“, betont er trotz Distanz und konstatiert: „Es hat vollkommen sein Gesicht verloren.“ Lauscht man seinen liebevollen Ausführungen über das Hessische wird klar, dass ihm Raunheim in einer Hinsicht Heimat geblieben ist: „Mensch Walter, was machst du denn hier“, hörte er unerwartet von einem anderen Exilanten, als er Familie in Kanada besuchte – in der Raunheimer Variante des Hessischen.

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