Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Laufsport - Alles rund um den Mainova Frankfurt Marathon ... Frankfurt am Main 13°C

Als die schöne Zeit abrupt endete

Von Überall in Deutschland begann vor 75 Jahren die Judenverfolgung. Auch in Groß-Karben brannte die Synagoge, wurden Juden in Haft genommen, Woh- nungen geplündert. Heute wird die Suche nach Augenzeugen zum Wettlauf mit der Zeit.
Als die Karbener Welt noch in Ordnung war: Schwester Christine vom evangelischen Kindergarten in Groß-Karben 1930 mit ihren Schützlingen. Darauf auch Herta Trinks: In der vordersten Reihe das achte Kind von links.	Foto, Repros: Susanne Krejcik, Archiv Bilder > Als die Karbener Welt noch in Ordnung war: Schwester Christine vom evangelischen Kindergarten in Groß-Karben 1930 mit ihren Schützlingen. Darauf auch Herta Trinks: In der vordersten Reihe das achte Kind von links. Foto, Repros: Susanne Krejcik, Archiv
Karben. 

Das Mobiliar zertrümmert, die Menschen eingeschüchtert und am Abend des 10. November wurde die Synagoge angezündet. Das Novemberpogrom von 1938 war der Auftakt für die Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens auch in Karben.

75 Jahre danach sind die Opfer nicht vergessen. So gibt es außer der Initiative Stolpersteine, die sich seit Jahren auf die Spurensuche jüdischer Schicksale macht, weitere Bürger, die sich für die Vergangenheit interessieren. „Ich möchte wissen: Gab es eine Normalität zwischen Christen und Juden vor 1938 und wie ist man miteinander umgegangen?“, sagt Monika Heinz.

Die frühere Lehrerin bietet im Heimatmuseum Führungen für Kinder an. Über ein Foto wurde ihr Interesse für das Thema geweckt.

„Ausgangspunkt ist dieses Bild“, sagt Heinz und zeigt ein Foto aus dem Jahr 1930, das Schwester Christine im evangelischen Kindergarten mit ihren christlichen und jüdischen Schützlingen zeigt. Die Schicksale der darauf abgebildeten jüdischen Kinder Erich Hirsch, Walter Strauss, Albert Ross und Ruth Junker interessieren Monika Heinz besonders. Darüber will sie mehr erfahren.

Im Gotteshaus gespielt

Deshalb hat sie sich auf die Suche nach Zeitzeugen gemacht. Auch Herta Trinks ist auf dem Foto zu sehen. Mit ihr hat Heinz ebenso gesprochen wie mit Hilde Kohlas, Lia Fink und weiteren nicht-jüdischen Seniorinnen. Alle sind 80 Jahre alt.

Sie lebten in direkter Nachbarschaft mit jüdischen Familien, gingen mit den Kindern in die selbe Schule und erinnern sich noch an so manche Details, die vom einst friedlichen, nachbarschaftlichen Zusammenleben zeugen.

So habe ihre Mutter in der Synagoge (Heldenberger Straße 10) saubergemacht, und als Kinder durften sie mitgehen und darin spielen, erinnert sich Lia Fink. „Doch die Thorarolle durften wir nicht anfassen.“ Sie kann sich noch gut an die Ketten aus Kastanien erinnern, die anlässlich des jüdischen Feiertages Laubhüttenfest aufgefädelt wurden und mit denen die Laubhütte im Garten geschmückt wurde.

Doch bereits vor dem Pogrom hatten manche frühe Vorahnungen. So wanderte ein Teil der jüdischen Familie Kulb aus Groß-Karben bereits 1934 nach Südamerika aus. Was ihnen das Leben rettete. Einige der Kleiderbügel, die sie als junges Mädchen gern umhäkelte, habe Familie Kulb mitgenommen, erinnert sich Lia Fink.

Am Mittag des 10. November 1938 wurden jüdische Männer verhaftet und im Degenfeldschen Schloss eingesperrt. „Die zurückgebliebenen Frauen, Kinder und alten Menschen hatten dem plündernden Mob nichts entgegenzusetzen“, sagt Hartmut Polzer von der Initiative Stolpersteine. Wohnungen und Geschäfte wurden demoliert, Mobiliar auf die Straße geworfen, am Abend die Synagoge angezündet. Das Gotteshaus brannte nieder.

„Der Lehrer hat den Schülern an diesem Tag gesagt, sie sollten besser nach Hause gehen“, erinnert sich Herta Trinks. Zwar hätten sie mitbekommen, dass es brannte und dass viele Leute auf der Straße waren. Doch sie hätten es sich als Kinder nicht erklären können, berichtet Monika Heinz von den Gesprächen mit den Zeitzeugen.

Aus der Wohnung von Familie Kulb habe ihr Vater eine Silber- und eine Kristallschale retten können, erzählt Lia Fink. Bei den „Tagen der Begegnung“ im Jahr 1993 - als ehemalige jüdische Karbener Bürger der Einladung nach Karben gefolgt sind - habe sie diese den Kulbs zurückgeben wollen, doch man habe sie ihr geschenkt.

Ausstellung in Planung

Die Gegenstände werden in der Ausstellung „Juden in Groß-Karben“ präsentiert, die im Herbst nächsten Jahres im Heimatmuseum gezeigt wird und mit der man „die Erinnerung an die Menschen und an das gemeinsame Zusammenleben vor dem Nationalsozialismus lebendig werden lassen will“, sagt Monika Heinz. Wer über das Zusammenleben mit jüdischen Nachbarn in Karben erzählen möchte oder Gegenstände für die Ausstellung zur Verfügung stellen kann, die an diese erinnern, kann sich bei der Initiative Stolpersteine melden, sagt Initiator Hartmut Polzer.

Bei ihren Gesprächspartnern habe sie ein Bedürfnis festgestellt, über die Erlebnisse zu sprechen, erzählt Monika Heinz. 75 Jahre nach den schrecklichen Übergriffen wird es aber zunehmend schwieriger, Zeitzeugen zu finden.

Zur Startseite Mehr aus Wetterau/Main-Kinzig

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse