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NS-Opfer berichtet: Auch nach Nazizeit noch verfolgt

Swing tanzen verboten, hieß es im Nazi-Deutschland. Wer wer sich dieser Anordnung widersetzte, dem drohte die Gestapo mit Verfolgung. In einem Spezial der Kulturreihe in der Alten Mühle erzählte Wolfgang Lauinger seine Geschichte zwischen Widerspenstigkeiten, Jazz-Musik und Verfolgung.
Weil er Swing tanzen wollte, wurde Wolfgang Lauinger von den Nationalsozialisten verfolgt. Aber nicht nur deswegen. Foto: Kurt Sänger Weil er Swing tanzen wollte, wurde Wolfgang Lauinger von den Nationalsozialisten verfolgt. Aber nicht nur deswegen.
Bad Vilbel. 

Es ist keine einfache Lebensgeschichte, die der 96-jährige Wolfgang Lauinger auf der Bühne des Kulturzentrums Alte Mühle erzählt und die von Bettina Leder, Theaterwissenschaftlerin und freie Mitarbeiterin des Hessischen Rundfunks, mit dem knappen Titel „Lauingers“ auf Papier gebracht wurde. Leder zeigt in Erzählungen und Dokumenten die Abgründe deutscher Befindlichkeiten auf und legt faschistoide Ressentiments frei, die noch weit bis in die Gründerzeit der Bundesrepublik die Köpfe bestimmten.

Service: 288 Seiten und 42 Bilder

„Die Lauingers, eine Familiengeschichte aus Deutschland“, 288 Seiten, Hardcover mit 42 Abbildungen. Erschienen bei Hentrich & Hentrich im Verlag für jüdische Kultur und Zeitgeschichte (ISBN

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Eine Geschichte, die auch heute noch nicht zu Ende gedacht worden ist. Initiiert wurde die Veranstaltung vom Geschichtsverein Bad Vilbel, der Initiative Mahnmal Homosexuellenverfolgung und dem Kulturamt Bad Vilbel in Zusammenarbeit mit der Lagergemeinschaft Auschwitz/Freundeskreis der Auschwitzer.

Zwischen den Lesungen von Leder und Beiträgen des Jazz-Art-Trios mit dem Saxofonisten Bernd Stoll, dem Gitarristen Boris Frenzl und Chris Rücker am Kontrabass und den Lesungen von Bettina Leder geht zudem Florian Schwinn, Moderator im Kulturprogramm des Hessischen Rundfunks, noch einmal gemeinsam mit Wolfgang Lauinger auf Spurensuche. Lauingers Erinnerungen erzählen von der Unterdrückung von Außenseitern und von Gestapohaft, aber auch vom widerspenstigen Überlebenswillen und Solidarität im Nazi-Deutschland. Im Vordergrund der Geschichte steht die komplizierte Vater-Sohn-Beziehung von Artur Lauinger und dessen Sohn Wolfgang.

Kämpfen fürs Vaterland

Artur wurde 1879 als Sohn einer Hopfenhändlerfamilie in Augsburg geboren. Er ergreift den Beruf des Journalisten, den er dreißig Jahre bis zu seiner Entlassung 1937 in der Frankfurter Zeitung ausübt, einer liberalen Zeitung der 1860 gegründeten Frankfurter Societäts-Druckerei, zu der heute auch die Frankfurter Neue Presse (Frankfurter Societäts-Medien GmbH) gehört.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Gleichschaltung der Presse wurden die jüdischen Mitarbeiter entlassen. Artur Lauinger verlässt 1937 das Blatt, vermutlich als letzter jüdischer Journalist, und emigriert nach Inhaftierung im KZ Buchenwald und einer Entlassung – nur bei garantierter Ausreise – 1939 nach London. Gleichwohl hält er an seinem national positiv gestimmten Deutschlandbild fest. Sein Sohn Wolfgang (20) bleibt in Deutschland zurück. Er soll für das deutsche Vaterland kämpfen, in dem Vater Artur das Aufkommen der Nazis als eine nur vorübergehende Erscheinung betrachtet. Doch kommt alles ganz anders.

Wolfgang wird zur Wehrmacht eingezogen, doch schon nach wenigen Wochen als „Halbjude“ wieder entlassen. Er ist schwul und findet Anschluss an eine Gruppe von Swing-Jugendlichen und deren Musik, die jedoch im Nazi-Deutschland verboten ist und von der Gestapo verfolgt wird.

Es beginnt eine Zeit der Verfolgung, Gestapo-Willkür und Unterdrückung – und ein Katz-und-Maus-Spiel des Überlebens. Die Swing-Musik war uns eine „Befreiung gegenüber der Marschmusik“, erzählt Lauinger. Eine Musik, „die die Köpfe gleichgeschaltet hatte“. Doch auch nach der Niederlage der Nazis und der Befreiung Deutschlands von der Diktatur bleibt Wolfgang ein Außenseiter und Verfolgter. Vater Artur kehrt aus dem Londoner Exil zurück und nimmt in der im April 1946 gegründeten Frankfurter Neuen Presse wieder den Job eines Redakteurs an.

Erneute Verhaftung

In einem Artikel im Sommer 1947 spricht er sich gegen die Kollektivschuld der Deutschen an den Nazi-Verbrechen aus. Sohn Wolfgang wird indessen weiter als Homosexueller verfolgt und 1950 wegen des Verstoßes gegen den darauf bezogenen Strafgesetzbuch-Paragrafen 175 erneut verhaftet.

Nach Kriegsende erhielt Wolfgang Lauinger einen Job beim US-Militär am Frankfurter Flughafen. Doch seine erneute Verhaftung als Homosexueller – nunmehr im befreiten Deutschland – führt er unter anderem darauf zurück, dass der Paragraf 175 der Nazis in das Strafgesetzbuch der Bundesrepublik übernommen und noch von ehemaligen Nazi-Richtern in der Frankfurter Justizverwaltung angewandt wurde. Auch hatte sein Vater Artur die Finger mit im Spiel.

Erst 1994 wurde dieser Paragraf außer Kraft gesetzt. Doch eine schwierige Aufarbeitung bleibt bis heute. Ulrich Gooß, Frankfurter Arzt, Neurologe und Psychotherapeut, berichtete zum Schluss der Matinee von den Schwierigkeiten, in Frankfurt ein Mahnmal zur Homosexuellen-Verfolgung zu errichten. Das Mahnmal steht heute am Klaus-Mann-Platz an der Schäfergasse in Frankfurt.

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