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Gastbeitrag: Augenzeugenbericht: Soziale Dynamik im gestrandeten Zug

Gefangen im Zug: Das erlebten die Fahrgäste einer hessichen Landesbahn am Dienstagnachmittag (28.3.). Ihr Zug war zwischen Berkesheim und Bad Vilbel liegen geblieben. Der Friedberger Autor, Poetry Slammer und Verleger Thorsten Zeller war mit an Bord und berichtet in seinem Gastbeiträg welch erstaunliche Dinge passieren, wenn hunderte Pendler an einem Ort gefangen sind.
Thorsten Zeller Foto: Leon Eckardt Thorsten Zeller
Dienstag, 16:22 Uhr. Zügig zum Zug gehetzt. Der Nachhauseweg für Gelegenheitsreisende und Dauerpendler endet kurz darauf mit einer Vollbremsung auf offener Strecke zwischen Berkersheim und Bad Vilbel. In unnachahmlicher Präzision informiert der Zugführer der HLB, dass es eine Treibfahrzeugstörung gibt und es einige Minuten dauert. Dann beginnt sowohl das Warten als auch eine soziale Dynamik, die diesen ansonsten alltäglichen Vorgang im Bahnpendleralltag berichtenswert macht.

Wir warten. Ohne weitere Information, begleitet vom Lichterspiel und Klimaanlagenrauschen, wenn der Strom aus- und angeschaltet wird im zunehmend verzweifelt erscheinenden Versuch, den Zug neu zu starten.

Nach einer guten halben Stunde erste Solidaritätszeichen: Eine Reisende teilt mit einer älteren Dame (auf der Rückfahrt von einem Ausflug ins Städel-Museum) ihren Trinkwasservorrat in einem hervorgezauberten Becher. Erste mahnende Stimmen werden laut, die Lebensmittel an Bord einzuteilen, falls es länger dauert.
Nach einer Stunde eine informative Durchsage in einer Eloquenz und Sprechgeschwindigkeit, die im Vergleich Rudolf Scharping wie einen dynamisch-mitreißenden Redner erscheinen lässt. „Das Beheben der Störung dauert noch an.“ Ende. Aber wie lange? Gibt es Hoffnung? Telefonate werden geführt, Kinder-Logistik organisiert, Abendessen verschoben, Termine abgesagt.
Thorsten Zeller Bild-Zoom Foto: Gabriel Bieber
Thorsten Zeller

Aus der apathischen Mehrheit bilden sich erste Stimmungsnester: Hier die aggressiv alkoholisierten, die lautstark fordern, „die müsst‘ man alle erschießen!“. Sachlicher Diskurs steht hoch im Kurs. Dort die Reisenden, die sich entschließen, die geschenkte Lebenszeit mangels besserer Alternative für gute Laune zu nutzen. Über Sitzgruppen hinweg wird Stadt-Land-Fluss gespielt. Reisegeschichten werden ausgetauscht. Ein Student steckt heute schon im zweiten Zug fest. Schlechtes Karma, wird amüsiert attestiert. Genervte Dynamiker rufen bei der HLB an, um Informationen zu bekommen. Leider rufen Sie ausserhalb der Geschäftszeiten an. Das ist zwar eine Information, jedoch nicht die erhoffte.

Eine weitere halbe Stunde später. Da die Klimaanlage mittlerweile schon länger stillsteht, geht eine Reisende zum Zugbegleiter. Der kommt ihrer anständig vorgetragenen Bitte überraschend umgehend nach und öffnet per Vierkantschlüssel die Klappfenster. Erster Applaus im Wagen. Reisende zücken Smartphones und ordern bei Amazon Vierkantschlüssel, weil der künftig in keinem Reisegepäck fehlen solle.

Zwei Stunden Wartezeit. Durch einen in der Wetterau bekannter Poetry Slammer wird der Zug zur Bühne: Mit-Wartende haben aus dem Plaudern von Bühnenauftritten Wind bekommen und fordern ausgelassen den Vortrag eines Bahn-Textes. Spontan gewinnt. Erneut Applaus im Wagen. Glücklicherweise hatte er sogar einen Zugabetext parat. Dessen zitierende Kernzeile „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ bekam nach inzwischen zweieinhalb Stunden Wartezeit eine ganz eigene galgenhumorige Bedeutung.

Nach bald drei Stunden wurde klar: wir sind ein Notfall: Ein Bahnmitarbeiter in Warnweste ging am Zug entlang. Auf dessen Rücken prangte das Schild: „Notfallmanager“. Kein Zweifel, es war ernst. Eine weitere Runde Stadt Land Fluss später tatsächlich Bewegung – in der Sache und dem Zug. Im Schrittempo, aber eine neue Bescheidenheit in unserer verwöhnten Gesellschaft macht sich breit und bereits Schrittempo euphorisiert. Land bzw. in diesem Fall: Bahnsteig in Sicht: wir erreichen nach drei Stunden Bad Vilbel. Netter Zug von der HLB. 

Wir waren für drei Stunden Lebensabschnittsgefährten. Wir stritten und litten gemeinsam. Und haben doch Solidarität erlebt und bewiesen. Das macht Mut für unsere Gesellschaft. Danke, HLB.

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