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Bericht über ein "unwertes" Leben

Von Mit dem Dokumentarfilm "Lebensunwert" und einer Diskussion mit dem Regisseur Robert Krieg wurde im Kulturzentrum Alte Mühle anlässlich des Holocaust-Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Bereits am Vormittag hatten sich 16- bis 18-Jährige aus den Geschichte-Leistungskursen des Georg-Büchner-Gymnasiums im Unterricht mit diesem Thema und mit dem Filmemacher auseinandergesetzt.
Vernichtung als Comic: Robert Krieg zeigt Bad Vilbeler Schülern das Werk, das sich mit den Erlebnissen von Paul Brune beschäftigt.	Foto: Hirschmann Vernichtung als Comic: Robert Krieg zeigt Bad Vilbeler Schülern das Werk, das sich mit den Erlebnissen von Paul Brune beschäftigt. Foto: Hirschmann
Bad Vilbel. 

Stellvertretend für alle Opfergruppen der NS-Herrschaft standen bei diesen Veranstaltungen die Menschen im Mittelpunkt, denen wegen einer psychischen Erkrankung beziehungsweise einer als "erbkrank" zugewiesenen Stigmatisierung das Recht auf Leben abgesprochen wurde. 300 000 Frauen, Männer und Kinder wurden so gewaltsam zu Tode gebracht. Sie wurden vergast, zu Tode gespritzt, durch Überdosierung von Medikamenten ermordet, einfach dem Hungertod überlassen oder nach dem Prinzip "Vernichtung durch Arbeit" ausgelöscht.

Die Täter und ihre Helfershelfer waren beileibe nicht nur SS-Männer, sondern Ärzte, Pflege- und Aufsichtspersonal sowie normale Verwaltungsbeamte, wie Uwe Hartwig, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Auschwitz, einleitend betonte. Zusammen mit dem Kulturamt der Stadt Bad Vilbel und dem örtlichen Geschichtsverein hatte die Lagermeinschaft zu der Gedenkveranstaltung eingeladen.

Für Bad Vilbel seien vier Personen bekannt, die im Zuge der NS-Euthanasie ermordet wurden, berichtete Claus-Günther Kunzmann, Leiter des städtischen Kulturfachbereichs. Für sie sollen in der Stadt Stolpersteine verlegt werden.

Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von Georg Crostewitz (Gitarre) und Daniel Guggenheim (Saxofon). Sie spielten einfühlsam Jazz- und Swingstücke, die in der Nazi-Zeit als "entartete Kunst" verboten waren.

"Ausmerze durch Hunger"

In dem 45-minütigen Film "Lebensunwert" haben Robert Krieg und seine Co-Regisseurin Monika Nolte am Schicksal von Paul Brune beispielhaft die Geschichte der Psychiatrie im Dritten Reich nachgezeichnet. Was 1934 mit massenhaften Zwangssterilisationen begann, endete ab dem Jahr 1939 für mehrere hunderttausend Menschen mit der Ermordung im Sinne der "Rassenhygiene" und der "Vernichtung unwerten Lebens". Paul Brune überlebte, obwohl er 1943 als Achtjähriger in eine der Tötungsstationen der "Kinder-Euthanasie" eingewiesen wurde. Seine vom Vater misshandelte Mutter hatte versucht, sich und ihre Kinder umzubringen. Sohn Paul wurde "ererbte Geisteskrankheit" unterstellt.

Er wird ins Waisenhaus eingewiesen und später in eine der Tötungsanstalten. "Ausmerze durch Hunger und Arbeit" lautete das Programm, dem viele der Kinder zum Opfer fielen. Wer sein Arbeitspensum nicht erfüllte, dem wurde das Brot entzogen. Hinzu kam die Kälte, denn für "Minderwertige", "Ballastexistenzen" und "unnütze Esser" wurde nicht geheizt.

Mit Glück überlebte Paul Brune diese Torturen. Nach Ende des NS-Regimes wurde er jedoch weiterhin aufgrund seiner "Krankengeschichte" in der Psychiatrie festgehalten. Wenn auch nicht mehr die Ermordung drohte, so hatten sich jedoch bis in die 1970er-Jahre die Methoden der "Unterbringung" und "Therapierung" mit Zwangsjacken nicht geändert.

Akte holt ihn ein

Als es Paul einmal gelingt, aus der geschlossenen Anstalt zu fliehen, schläft er in einem Viehunterstand. Am Morgen wird er von einer Kuh geweckt: "Es war das erste Mal, dass mich eine Kreatur friedvoll nach dem Aufwachen begrüßte", kommentiert er im Film diese Erinnerung. Er wird etwas später entdeckt und zurück in die Anstalt gebracht.

Erst 1957 wurde Paul Brunes Entmündigung aufgehoben. Er studierte und wollte Lehrer werden. Doch die "Irrenhaus-Akte" aus der NS-Zeit holte ihn erneut ein. Er musste per Gericht gegen "wissenschaftliche" Gutachter, die ihre im Dritten Reich begonnenen Karrieren in der Bundesrepublik fortsetzen konnten, sein Referendariat einklagen. Obwohl er alle Examina mit hervorragenden Beurteilungen bestand, konnte er den erwünschten Beruf nicht ausüben.

Die "Lehrerschwemme" galt als "offizieller" Ablehnungsgrund für eine Einstellung, berichtete Robert Krieg. Unter anderem als Leiter von Philosophie-Kursen an der Volkshochschule verdiente sich Paul Brune seinen Lebensunterhalt.

Mehr Informationen über die LGA gibt es unter www.lagergemeinschaft-auschwitz.de. Dort ist auch die Anmeldung zu Studienfahrten nach Auschwitz möglich. Die nächsten Termine sind vom 10. bis 16. April sowie vom 15. bis 21. Oktober.

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