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Gedenken zur Reichskristallnacht: Denken bekämpft Ängste

Von Ein ungewöhnliches Gedenken zur Reichskristallnacht von 1938, der Judenverfolgung der Nazis, bietet Klein-Karbens evangelische Kirche. Hier stehen die Ängste der Menschen im Vordergrund – gegenüber Juden wie brandaktuell wegen der Flüchtlinge.
Wollen aufklärend wirken (von links): Mario Schäfer vom Daf, Hartmut Polzer, Pfarrer Werner Giesler, Rabbiner Andrew Steiman. Wollen aufklärend wirken (von links): Mario Schäfer vom Daf, Hartmut Polzer, Pfarrer Werner Giesler, Rabbiner Andrew Steiman.
Karben. 

Die aktuellen Bilder schockieren Hartmut Polzer aus Groß-Karben: Aus Flüchtlingsunterkünften schlagen Flammen empor. Dass Menschen verfolgt werden, Gebäude brennen, gab es in Deutschland am 9. November 1938 schon einmal. Als die Nazis in der Reichskristallnacht jüdische Gotteshäuser anzündeten.

Seinerzeit brannte am 10. November auch die jüdische Synagoge an der Heldenberger Straße. Seit Jahren forscht Polzer über die Geschichte der Juden in der Stadt.

Was 1938 geschah, „muss eine Lehre für uns sein“, findet Hartmut Polzer. Wenn nun Flüchtlingsheime brennen, sei „Widerstand sofort“ nötig. „Sonst machen wir die gleichen Fehler wie damals.“

Die dunkle Seite Luthers

Wie aber kam es seinerzeit dazu, dass großer Widerstand der Bevölkerung gegen die Angriffe auf die Juden ausblieb? Über die Herkunft des Antisemitismus’ und den Bezug zur heutigen Flüchtlingsfrage will die evangelische Kirche Klein-Karben bei ihrer diesjährigen Gedenkveranstaltung zur Reichskristallnacht am Dienstagabend sprechen.

Schon seit 1988 stellt die Kirche jedes Jahr eine solche Veranstaltung auf die Beine, mit wechselnden Co-Veranstaltern wie diesmal dem Deutsch-Ausländischen Freundschaftskreis (Daf) und der Initiative „Stolpersteine in Karben“ um Polzer. „An diesem Abend ist die Kirche immer sehr gut gefüllt“, freut sich Pfarrer Werner Giesler. Er will in diesem Jahr ganz bewusst jene Menschen ansprechen, denen der derzeitige Zustrom an Flüchtlingen Angst macht.

Diese Angst sei jener vor Juden sehr ähnlich. Diese Vorurteile seien Jahrhunderte alt, erinnert Giesler. Und von äußerst prominenter Seite gefüttert worden: „Martin Luther war ja nicht nur der strahlende Reformator, sondern es gibt auch den dunklen Luther, der extreme Sachen über Juden sagte.“

500 Jahre ist das her, aber „die Vorurteile existieren bis heute“, sagt Andrew Steiman, Rabbiner der Senioren-Wohnanlage der Henry-und-Emma-Budge-Stiftung im Frankfurter Stadtteil Seckbach. Er wird Gast in Karben sein und will dort gegen Vorurteile „aufklärerisch wirken, zum Denken anregen“. Immerhin sei das Judentum eine der Wurzeln des Christentums. „Wir wollen Verbindungen aufzeigen zwischen den Religionen“, sagt Pfarrer Giesler.

Andrew Steiman regt dafür zu Offenheit an – sei es bei Vorurteilen gegenüber Juden oder Flüchtlingen. „Die Menschen sollen ihre Ängste nennen.“ Dies zu tun sei wichtig, um aus der Geschichte zu lernen.

Störer willkommen

Ja, am liebsten wäre es dem Rabbi, wenn er sogar Pegida-Anhänger im Publikum hätte. „Wenn Störer kommen, würde es mich freuen.“ Nicht, weil er auf Krawall gebürstet ist. Sondern, weil er anregen wolle zum Nachdenken. „Es ist immer einfacher, andere zu beschuldigen, als den eigenen Verstand zu strapazieren.“

„Hingehen, sich informieren, nachfragen“ – so könne jeder seine Ängste vor Fremdem überwinden, sagt Pfarrer Giesler. Das bezieht er auch auf die Flüchtlingsfrage.

Dass die Karbener zur Reichskristallnacht „kein plattes Gedenken“ organisieren, sondern „zum Denken anregen“, begeistert den Rabbiner. Das offizielle Gedenken in der Paulskirche sei ritualisiert und unkritisch. Andrew Steiman wünscht sich, dass viele dem Beispiel Karben folgen: „Irgendwann kommt man hoffentlich in Frankfurt auf die Idee, ähnliche Veranstaltungen zu machen.“

„Ge(h)denken“ – Gedenkveranstaltung zur Reichskristallnacht 1938 am Dienstag (10. November) ab 19 Uhr in der Kirche St. Michaelis in Klein-Karben, Kirchgasse.

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