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Spektakuläre Entdeckung: Der Geheimgang zwischen den Klöstern in Ilbenstadt

Heißhunger auf Geschichte trieb den Assenheimer Verleger und Naturschützer Frank Uwe Pfuhl vor 13 Jahren durch Niddatal. Zusammen mit anderen Hobby-Forschern drehte er jeden Stein um, durchsuchte Kirchen und Archive – und machte tatsächlich spektakuläre Entdeckungen. Nun ist ein Buch darüber erschienen.
Der ehemalige Schlossbezirk in Ilbenstadt. Der ehemalige Schlossbezirk in Ilbenstadt.
Niddatal. 

Den Geist des Ortes hätten sie damals gesucht, erinnert sich Pfuhl, der Vorsitzende der Nabu-Umweltwerkstatt. Es dauerte tatsächlich nicht lange, bis sie in Ilbenstadt auf zwei geheimnisumwitterte Orte stießen – das Mönchskloster an der Basilika und das Jungfrauenkloster Nieder-Ilbenstadt, im Volksmund „Nonnenhof“ genannt.

Seit vielen Generationen hält sich in Ilbenstadt eine Legende: Einst sei ein unterirdischer Gang zwischen beiden Klöstern gegraben worden. Die Älteren wollen ihn noch als Spielplatz genutzt haben. Säuglings-Skelette und frivole Wandmalereien hätten sie darin entdeckt. Fiktion und Wirklichkeit trennen sich aber bereits bei der Suche nach dem Eingang. Seine Lage ist inzwischen nämlich nicht mehr auffindbar.

Papier löst sich zu Staub

Pfuhl hat eine Vermutung: „Der untere Eingang im Nonnenhof könnte bereits nach der Säkularisation verschüttet worden sein. Der Zugang im Oberkloster ging vermutlich durch den verheerenden Brand von 1963 verloren.“ In einer Wandnische des wiederentdeckten Eiskellers machte er dennoch einen Sensationsfund: Eine Schatulle kam zum Vorschein, in der sich eine Textsammlung befand. „Das Papier löste sich fast zu Staub auf“, erzählt Pfuhl. „Der Tintenfraß war dabei, alles zu zerstören. Wir ließen es im Labor untersuchen. Es sind unterschiedliche Handschriften aus dem 18. Jahrhundert. Das Papier könnte aus der ehemaligen Ilbenstädter Mühle stammen.“

Stück für Stück setzte Pfuhl das Puzzle zusammen. Seine Rekonstruktion ergab erotische Novellen, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem „Dekameron“ des Italieners Giovanni Boccaccio aufweisen. Aber es gibt auch Unterschiede: Namen und Orte haben stets einen regionalen Bezug zu Ilbenstadt und der Wetterau.

Weitere Überraschung

Seit 2005 konnten 21 Novellen rekonstruiert werden. Jetzt sind zehn davon als „Ilbenstädter Dekameron“ erhältlich. Am Samstagabend fand die Buchvorstellung in der ausverkauften „Reiterstube“ des Nonnenhofes statt. Rund 80 Gäste lauschten bei Kerzenlicht und Rotwein den Lesungen. Bürgermeister Bernhard Hertel ließ es sich nicht nehmen, die Geschichte der Bauerstochter Venda vorzulesen, die vom Sakristan Michel gelehrt bekam, wie man den „Teufel“ in die „Hölle“ schickt.

Sylvia Holy-Grund, Henning Stahl und Doris Jensch wussten Delikates aus dem Haus der Friedberger Burggrafen zu berichten. Zwei Textblätter in französischer Sprache, die zusammen mit dem Ilbenstädter Dekameron gefunden wurden, deuten auf eine weitere Überraschung hin. Indizien sprechen für die Handschrift des spätmittelalterlichen Dichters Francois Villon. „Sein Aufenthalt in Ilbenstadt könnte möglich gewesen sein“, erklärt Pfuhl. „Um 1463 musste er in Frankreich untertauchen. Etwa zur gleichen Zeit gesellte sich zu den Ilbenstädter Chorherren ein gewisser Franciscus Bergkörber. Vielleicht ist „Bergkörber“ die schlechte Übersetzung von Villons richtigem Namen de Montcorbier.“, so Pfuhl.

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