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„Die Albträume haben aufgehört“

Heinz Hesdörffer hat die Judenverfolgung der Nationalsozialisten knapp überlebt. Heute spricht der 90 Jahre alte Mann mit Schülern über seine Erlebnisse im KZ, um die Erinnerung an die Nazigräuel wach zu halten.
Karben. 

Über Auschwitz wolle er nie wieder sprechen, sagt Heinz Hesdörffer. Das sei für ihn als 90 Jahre alten Mann zu aufwühlend. Die Mutter, der jüngere Bruder und ein Onkel sind von den Nationalsozialisten in Konzentrationslagern ermordet worden.

Hesdörffer hat Auschwitz nur knapp überlebt. Die verblasste Häftlingsnummer, die auf den linken Unterarm tätowiert ist, zeugt noch von den Schrecken, die er als Jude im Dritten Reich erlebt hat.

Doch die Erinnerung an die Verfolgung unter den Nationalsozialisten, wolle er wach halten. Heute geht er als Zeitzeuge an Schulen und berichtet dort von seinen Erlebnissen im Konzentrationslager und als Zwangsarbeiter.

Zum Gedenken an die Pogromnacht in Deutschland vor 75 Jahren wird er am 10. November in der Sankt-Michaelis-Kirche in Klein-Karben von seinen Erlebnissen berichten (siehe „Service“).

Als 20 Jahre alter Mann wird Hesdörffer von den Nazis im niederländischen Exil im März 1943 verhaftet, in das er zusammen mit dem Bruder noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geflohen war. Er wird ins Konzentrationslager Theresienstadt, später nach Auschwitz-Birkenau gebracht und muss im brandenburgischen Schwarzheide als Zwangsarbeiter Braunkohle zu Benzin verarbeiten.

 

Todesmärschen entronnen

 

Von der Liste zum Abtransport in die Gaskammern sei er nur gestrichen worden, weil er zu den besten Arbeitern gehörte, sagt Hesdörffer. Im April 1945 wird er ins KZ Sachsenhausen-Oranienburg gebracht, wenige Tage später beginnen die Todesmärsche der Gefangenen. Die Rote Armee rettet ihn.

Kurz nach der Befreiung hat er seine Erinnerung an die Verfolgung und die Zeit im KZ aufgeschrieben. „Das war meine Therapie. Die Albträume haben danach aufgehört“, sagt Hesdörffer. Er habe die Vergangenheit abschließen wollen. „Ich wollte wieder lachen und wieder leben.“ Im Jahr 1998 erscheint sein Erinnerungsprotokoll unter dem Titel „Bekannte traf man viele... Aufzeichnungen eines deutschen Juden aus dem Winter 1944/45“ im Chronos-Verlag.

Mittlerweile ist das Buch in der dritten Auflage herausgebracht. Mit dem Buch wolle er verhindern, dass die Gräuel der Nazis vergessen würden, sagt der Überlebende. Und zeigen, wohin die Ausgrenzungen von Menschen aufgrund der Religion und Rasse führen könnten. Er hat den Verein „Bildungswerk Heinz Hesdörffer“ gegründet, mit dessen Hilfe er die Erinnerung an den Holocaust wach halten will.

An Hesdörffers zehntem Geburtstag hat Hitler in Berlin die Macht ergriffen. „An diesem Tag habe ich noch mit zwei arischen Freunden Geburtstag gefeiert. Kurz danach kannten sie mich nicht mehr und sind mir aus dem Weg gegangen.“ Von der Schule in Bad Kreuznach, wo er auch aufwuchs, ist er 1938 verwiesen worden. An die Pogromnacht am 9. und 10. November im selben Jahr erinnere er sich noch gut. Er war damals 15 Jahre alt. SA-Truppen seien durch die Stadt gezogen und hätten die Synagoge, aber auch die Geschäfte und Wohnungen der Juden zerstört und verwüstet. Die Schokoladen- und Süßwarenfabrik seines Vaters hätten die Nazis zerstört.

 

Erst 2008 zurückgekehrt

 

Nach dem Krieg habe er nicht nach Deutschland zurückkehren wollen, sagt Hesdörffer. Er wanderte 1947 nach Südafrika aus. 2002 ging es in die Vereinigten Staaten, wo der Sohn als Arzt praktiziert. 2008 kehrte er nach Deutschland zurück - des Klimas wegen. Sein Asthma sei hier nicht so schlimm, sagt er. Seine Ehefrau ist in den Vereinigten Staaten geblieben.

Heute lebt Hesdörffer im Altersheim der Henry-und-Emma-Budge-Stiftung im Frankfurter Stadtteil Seckbach. Mit den nicht-jüdischen Bewohnern dort will er aber keinen Kontakt haben. Sie gehörten zur Generation der Täter. „Die haben alle gewusst, was vor sich geht.“
 

Service: Gedenken in St. Michaelis

An die Pogromnacht vor 75 Jahren erinnert die evangelische Kirche St. Michaelis in Klein-Karben mit einer Gedenkveranstaltung am 10. November (Sonntag) ab 19.30 Uhr.

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Erinnern in Büdingen, Friedberg, Karben

Der 9. November 1938 gehört zu den dunkelsten Tagen deutscher Geschichte. In diesem Jahr jährt sich die Reichspogromnacht zum 75. Mal.

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