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Die Erinnerung wachhalten

Von Wenn sich das Judenpogrom im November jährt, sollen sich die Karbener an die schrecklichen Geschehnisse von vor 73 Jahren erinnern: In einer szenischen Lesung werden diese nacherzählt. Das soll unter die Haut gehen – und mahnen.
Eine szenische Lesung, die unter die Haut geht (von rechts): Erik-Lân Do Dinh, Corinna Danzer, Werner Giesler, Hartmut Polzer und Gerhild Brüning proben für die Veranstaltung in der Kirche.	Foto: Dennis Pfeiffer-Goldmann Eine szenische Lesung, die unter die Haut geht (von rechts): Erik-Lân Do Dinh, Corinna Danzer, Werner Giesler, Hartmut Polzer und Gerhild Brüning proben für die Veranstaltung in der Kirche. Foto: Dennis Pfeiffer-Goldmann
Karben. 

Warum immer wieder dieses Thema, warum immer wieder Pogrom und Judenverfolgung ansprechen? Weil es, findet Klein-Karbens Pfarrer Werner Giesler, hochaktuell ist. Damals, in den späten 1930er-Jahren, habe Deutschland Geld gebraucht und kurz vor dem Staatsbankrott gestanden. "Das holte man sich von den Juden."

In den Debatten über die Euro-Rettung heute schwinge im Unterton wieder Rassismus latent mit, warnt Giesler: "Da wird erneut Volksgruppen vorgeworfen, schuldig zu sein, und es wird gefragt: Warum müssen wir dafür zahlen?"

Was wirklich geschah

Deshalb, findet der Pfarrer, müsse auch heute an die Geschehnisse am 9. und 10. November 1938 erinnern werden. Die Kirche macht das seit Jahren, hat in diesem Jahr den Deutsch-Ausländischen Freundschaftskreis (DAF) und die Initiative "Stolpersteine in Karben" als Co-Veranstalter hinzugewonnen.

"Wir wollen nicht auf Menschen zeigen", sagt Hartmut Polzer von der Initiative, der die Schicksale der Karbener Juden seit Jahren erforscht. "Wir wollen erinnern und gedenken." Das geschieht konkret: Basis sind Vernehmungsunterlagen und das Protokoll der Verhandlung über das Karbener Pogrom im Januar 1949 am Landgericht Gießen.

Fünf Mitglieder der Theatergruppe der Gemeinde Sankt Michaelis werden den Verlauf der Geschehnisse vortragen, ein Darsteller sie pantomimisch andeuten. "Es zeigt auf, dass die Verbrechen nicht von Monstern, sondern von Menschen begangen wurden", sagt Schauspieler und Student Erik-Lân Do Dinh (25). "Dieses Potential ist in den Menschen und wir müssen aufpassen, dass wir es nicht rauslassen."

Corinna Danzer am Saxophon und Jonas Lohse am Kontrabass spielen dazu Jazz – der unter den Nazis als entartet galt und stark von Juden geprägt wurde.

Übergriffe in Groß-Karben

Die Texte der Schauspieler seien teils wörtlich aus den Gerichtsakten übernommen worden. "Was vorgetragen wird, ist so geschehen", erklärt Polzer. "Das räumt auch mit der Legende auf, das alles sei von Auswärtigen gemacht worden."

Menschen aus allen Stadtteilen hätten sich an den Übergriffen beteiligt. Schwerpunkt der Übergriffe war Groß-Karben, wo die meisten Karbener Juden wohnten. Geschäfte und Häuser wurden geplündert und verwüstet, die Synagoge ausgeraubt und angezündet, eine Scheune brannte. Der SA-Sturm aus Okarben nahm die jüdischen Männer fest und ließ sie deportieren.

Einen Übergriff gab es auch in Rendel gegeben. In Klein-Karben und Petterweil wohnten keine Juden mehr, weil die Orte so arm waren. Aus Okarben waren die Juden bereits 1936/37 verjagt worden. Der Stadtteil sei eine NS-Hochburg gewesen, berichtet Pfarrer Giesler.

In Burg-Gräfenrode habe sich die Bevölkerung schützend vor ihre jüdischen Nachbarn gestellt, berichtet Polzer. "Das zeigt, was Zivilcourage leisten kann", so Giesler. Doch auch dort wurden die Juden letztlich verjagt, die meisten getötet.

Nur fünf der Karbener Juden überlebten den Holocaust: Drei Kinder, weil sie rechtzeitig genug flüchten konnten, und zwei Frauen, die gerade noch rechtzeitig im KZ Theresienstadt befreit wurden. Als in der Probe die Namen der 44 Karbener Opfer des Holocaust verlesen werden, läuft es Gerhild Brüning kalt den Rücken hinunter. "Das geht schon unter die Haut."

"Pogromgedenken – Szenische Lesung" am 10. November ab 19.30 Uhr in der Kirche Sankt Michaelis in Klein-Karben

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