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Klärchenweg in Burg-Gräfenrode mit großer Feier eingeweiht: Gemeinsam gegen das Vergessen

Von Wendehammer? Fehlanzeige! Der Sohlweg im Karbener Stadtteil Burg-Gräfenrode wurde am Mittwoch zum Treffpunkt Dutzender Karbener. Im Mittelpunkt stand ein jüdisches Mädchen – wenn auch „nur“ in Form eines neuen Straßenschildes.
Gemeinsam für den Klärchenweg (von links): Irma Mattner, Bürgermeister Guido Rahn (CDU), Ortsvorsteher Karlfred Heidelbach (CDU) und Hartmut Polzer. Gemeinsam für den Klärchenweg (von links): Irma Mattner, Bürgermeister Guido Rahn (CDU), Ortsvorsteher Karlfred Heidelbach (CDU) und Hartmut Polzer.

Zögerlich blickt der Autofahrer um die Ecke – und dreht in der Kreuzung, noch bevor er den Wendehammer erreicht. Denn bereits ein kurzer Blick reicht, um zu sehen, dass der Sohlweg an diesem Abend mehr als eine Straße ist. Er ist ein Ort des Austauschs. Statt weniger parkender Autos stehen dort Dutzende Menschen, die sich unterhalten, erinnern, Geschichten erzählen. In ihrer Mitte: Karbens jüngstes Straßenschild.

In die USA emigriert

Clare Zweig („Klärchen“) wurde 1922 als Tochter von Alex und Recha Kirschberg in der Freihofstraße im Karbener Stadtteil Burg-Gräfenrode geboren.

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Am Mittwochabend wurde der Klärchenweg, die kurze Verbindung zwischen der neuen Hirschbacher Straße und dem Sohlweg, feierlich eingeweiht. Es ist die erste Straße Karbens, die den Namen eines jüdischen Mädchens trägt. Dabei geht es mit der Einweihung des Klärchenwegs um mehr als ein reines Erinnern an Clare „Klärchen“ Zweig, betont Hartmut Polzer, Initiator der Initiative „Stolpersteine in Karben“: „Ausgrenzung und Vertreibung sind noch immer an der Tagesordnung – weltweit, und fast immer wegen der Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft“, erinnert er. Der Klärchenweg soll ein Zeichen sein gegen diese Ausgrenzung „und für das Eintreten für ein friedliches Miteinander“, so Polzer.

Mehr Mut haben

Für Bürgermeister Guido Rahn (CDU) ist es ein wichtiges Zeichen, dass der Termin eben kein typischer Pressetermin ist. Statt nur weniger offizieller Vertreter, die sich für das Foto präsentieren und im Anschluss schnell verabschieden, wimmelt es an diesem Abend von Dutzenden Menschen – die meisten Roggauer, einige auch aus anderen Stadtteilen. „Das zeigt doch, dass wir uns alle einig sind, wie wichtig ein solches Zeichen ist“, sagt der Rathaus-Chef.

Bedenken gegen das Vorhaben, den Verbindungsweg Klärchenweg zu nennen, habe es zu keinem Zeitpunkt gegeben. Für Rathauschef Rahn ist das ein bedeutender Schritt: „Stolpersteine liegen bereits in ganz Karben – aber auf dem Boden. Dass wir nun ein Straßenschild zur Erinnerung an ein jüdisches Mädchen aufstellen, ist deutlich prominenter, auf Augenhöhe.“

Auch von anderen Amtskollegen würde er sich den Mut wünschen, solch ein Zeichen zu setzen. „Angst vor Kritik ist unangebracht, davon muss man sich verabschieden.“ Dass die Idee des Klärchenwegs in Roggau offen angenommen wurde, zeigt auch die Teamarbeit, die hinter der Einweihung steht: Nicole Mik, Schülerin der Kurt-Schumacher-Schule, begleitet die Einweihungsfeier auf dem Saxophon.

Neben der Stolperstein-Initiative haben der Heimat- und Kulturverein (Heku) Burg-Gräfenrode und die Evangelische Kirchengemeinde eingeladen: Die Heku-Chefs Ulrich Bedacht und Frank Ulrich schenken den Sekt zum Anstoßen aus, und im Anschluss lädt die Gemeinde in die Kirche, um Klärchens Leben hautnah zu erleben. Den Dokumentarfilm „Klärchen – Flucht in eine andere Welt“ haben Polzer und Partnerin Irma Mattner pünktlich zur Einweihung auf den neuesten Stand gebracht und durch neue Recherchen ergänzt.

NSDAP-Akte studiert

Der Klärchenweg spielt in der Neufassung des Films bereits eine Rolle – und das Schild steht immerhin erst wenige Wochen an seinem Platz (die FNP berichtete). Kopfschütteln rufen bei den Besuchern des „Kirchen-Kinos“ die neuesten Recherchen zur Ausgrenzung von Klärchens Eltern aus der Roggauer Gemeinschaft nach 1938 hervor. „Dafür habe ich im Staatsarchiv recherchiert und unter anderem die NSDAP-Akte zu Burg-Gräfenrode studiert“, erklärt Polzer.

In der Dokumentation erzählt Klärchen aus ihrem Leben – aus glücklichen Zeiten, in denen Roggau rund 500 Einwohner hatte und ihr Vater der einzige mit einem Auto war. „Die anderen Familien sind dann immer zu uns gekommen und mein Vater hat sie zum Arzt nach Groß-Karben gefahren“, erzählt die 2014 Verstorbene mit amerikanischem Akzent im Film.

Schwer zu verarbeiten

Aber sie spricht auch über die dunklen Seiten ihres Lebens, als die Ausgrenzung zunahm. „Ich weiß, manches ist schwer zu verarbeiten. Aber wir dürfen das nicht verschweigen – wie sollen wir sonst aus der Geschichte lernen?“, fragte Klärchen ihrer Zeit.

Es ist die Frage, die sie und die Stolperstein-Initiatoren Polzer und Mattner zu Freunden werden ließ. Das Gespräch im Wendehammer des Sohlwegs macht das an diesem Abend deutlich: Viele kommen mit ihren Fragen zu Polzer, doch auch er nimmt neue Fragen mit heim. So kommt das Gespräch etwa auf eine Dame, die noch Briefe von Klärchen haben soll. „Wenn ich einmal an einem Hinweis dran bin, kann ich nicht stoppen“, weiß Polzer schon heute. „Dann habe ich auch schon die ein oder andere Nacht gesessen und recherchiert.“

Die neue Spur wird ihn ins Altersheim im Niddataler Stadtteil Assenheim führen, erfährt er an diesem Abend. Es scheint, dass Klärchen „ihr“ Burg-Gräfenrode noch weiter beschäftigen wird – nicht nur dank des neuen Straßenschildes.

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