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Karben sendet ein starkes Signal

In Karben ist kein Platz für Rechtsextremismus. Das zeigen Hunderte, indem sie am Mittwochabend das Bürgerbündnis „Offenes Karben“ gründen. Unter den Anwesenden sind auch Störenfriede - doch die werden deutlich des Saals verwiesen.
»Schule mit Courage ohne Rassismus«: Das fordern die Schülerinnen Fanny Götz (links) und Lisa Buxmann. Bilder > »Schule mit Courage ohne Rassismus«: Das fordern die Schülerinnen Fanny Götz (links) und Lisa Buxmann.
Karben. 

Es ist schon das erste starke Zeichen, bevor die Veranstaltung überhaupt losgeht. Da weit mehr als die erwarteten 200 Bürger im großen Saal des Karbener Bürgerzentrums erschienen sind, müssen erst noch weitere Stühle besorgt werden. Vor lauter Andrang nehmen die Besucher sogar auf den Tischen Platz.

So viele Menschen sind dem Aufruf der Stadt Karben, der Kurt-Schumacher-Schule (KSS), des Ausländerbeirates, des Deutsch-Ausländischen Freundschaftskreises, der Ditib-Gemeinde und der Initiative Stolpersteine gefolgt, um an der Gründung eines Bürgerbündnisses teilzunehmen. Anlass dazu war die Entstehung eines Treffpunkts der Identitären Bewegung, einer rechtsextremen Gruppierung, in der Bahnhofsstraße. Besonders durch seine Nähe zur Moschee der Ditib-Gemeinde hat dieser in den vergangenen Wochen für Furore gesorgt (die FNP berichtete). Auch Karbens Kulturstadtrat Philipp von Leonhardi deutet dies als Provokation und Bedrohung eines offenen Karbens, wie er in seiner Ansprache deutlich macht.

Rechte verteilen Flyer

Dass sich die Rechtsextremisten tatsächlich in Karben niedergelassen haben, erkennt der Besucher bereits am Eingang zum Bürgerhaus. Dort steht Andreas Lichert, Gründer der sogenannten Projektwerkstatt der Identitären Bewegung in der Bahnhofstraße, und verteilt Flyer. Der scheinbar ungefährliche Ton des Schreibens ist für Professor Benno Hafeneger von der Uni Marburg nichts Ungewöhnliches.

Hafeneger ist, wie Andreas Balser von der Antifaschistischen Bildungsinitiative (Antifa-BI) Friedberg, als Experte zur Informationsveranstaltung eingeladen und gibt in einem Vortrag Einblicke in die Lage des Rechtsextremismus in Deutschland. So versuchen sich die heutigen Rechtsextremen modern und intellektuell zu geben und argumentieren kulturpessimistisch, dass die deutsche Kultur in Gefahr sei. Dass Lichert in seinem Flyer von der „Sorge um die Zukunft unseres Landes“ spricht, bestätigt dies.

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Dem Bürgerbündnis gegen Rechtsextremismus können Institutionen ebenso beitreten wie Einzelpersonen.

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Die anschließende Möglichkeit, Fragen an den Experten zu stellen, nutzen jedoch nicht nur interessierte Bürger, sondern auch einige Identitäre und deren Sympathisanten. Sie zitieren oft gehörte Phrasen rechtspopulistischen Gedankenguts und heizen so die Stimmung im Saal an. So sieht sich der Saal mehrfach gezwungen, den Provokationen ein Ende zu bereiten und destruktive Zwischenrufe lauthals in Unmutsäußerungen untergehen zu lassen.

Auch ein kurzes Gerangel um das offene Mikro wollen die Besucher nicht sehen. Zu wichtig sind ihnen ihre freiheitlich-demokratischen Prinzipien. Dennoch muss von Leonhardi insgesamt sieben Mal wie zuvor angekündigt von seinem Hausrecht Gebrauch machen und Besucher, deren Verhalten einen konstruktiven Verlauf der Veranstaltung unmöglich macht, des Saals verweisen.

Dass diejenigen dies instrumental als Beschneidung der freien Meinungsäußerung interpretieren, ist für die eingeladenen Experten, die derartiges schon oft erlebt haben, nichts Neues. Auch Andreas Balser von der Antifa-BI ist davon nicht aus der Ruhe zu bringen. Er berichtet in seinem Kurzvortrag davon, dass die Wetterau zwar eine strategische und politische Hochburg für Nationalsozialisten sei, doch Karben gleichzeitig für seine gute Präventionsarbeit bekannt sei.

So kommt er zu dem Schluss: „Wenn Karben der Identitären Bewegung friedlich gegenübertritt, haben ihre Anhänger keine Chance.“ Zudem macht er der versammelten Gemeinde Mut, indem er von erfolgreichen Projekten aus Butzbach und Echzell berichtet, denen es gelang, das Problem durch die Gründung eines Bürgerbündnisses in den Griff zu bekommen.

Und die Besucher der Veranstaltung können es kaum abwarten, damit anzufangen. Rasch werden die gedruckten Formulare verteilt, auf denen jeder, der dem Bündnis beitreten möchte, seinen Namen hinterlassen kann. Dadurch soll eine bessere Kommunikation ermöglicht werden und schon bald weitere Veranstaltungen geplant und angekündigt werden.

Viele Vereine treten bei

Auch der Moderator des Abends, Andreas Hofmann, wirbt noch einmal dafür, nicht nur beizutreten, sondern auch Werbung zu machen. Hartmut Polzer von der Initiative Stolperstein macht deutlich: „Wir geben hier nur den Anstoß, jetzt sind Sie, die Bürgerschaft, gefordert, ein offenes Karben zu leben.“ Ein Vereinsvorsitzender folgt auf den nächsten, um den Beitritt anzukündigen, alle Karbener Kirchen stehen am Mikrofon bereit, die KSS, das Berufsbildungswerk, der Naturschutzbund und viele andere Karbener Organisationen. Nahezu kein Karbener Verein scheint nicht dabei zu sein.

So ist auch Philipp von Leonhardi nach einem anstrengenden und langen Versammlungsabend zufrieden. Er sieht durchaus gute Chancen, das Ziel, die Schließung der Projektwerkstatt in der Bahnhofsstraße, zu erreichen. Und meint: „Wenn wir das geschafft haben, gehen wir als Gemeinde gestärkt aus der Sache hervor.“

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