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Rundgang durch die Stadt: So sieht ein syrischer Flüchtling Bad Vilbel

Von Wie erleben die Flüchtlinge Bad Vilbel? Ein Syrer geht mit der FNP auf einen Rundgang. Die Stadt sei ruhig und schön, die Leute hilfsbereit. Doch er macht sich Sorgen um seine Familie in der Heimat. Statt warten, möchte er lieber etwas anderes machen.
Aus Syrien nach Bad Vilbel: Abu Amin mag die Stadt, doch er will so schnell wie möglich finanziell auf eigenen Füßen stehen. Foto: Dieter Deul Aus Syrien nach Bad Vilbel: Abu Amin mag die Stadt, doch er will so schnell wie möglich finanziell auf eigenen Füßen stehen.
Bad Vilbel. 

Abu Amin lebt seit vergangenem Oktober in Bad Vilbel, „eine sehr schöne Stadt, die Leute sind sehr nett.“ Doch die Vergangenheit wirft ihre Schatten bis in die Flüchtlingsunterkunft in der Huizener Straße. Aus Sorge um seine noch in Syrien lebende Familie möchte er seinen wirklichen Namen nicht nennen, auch nicht auf den Fotos erkannt werden. Dennoch hat er zugestimmt, den Reporter auf einem Rundgang zu begleiten, um zu zeigen, wie er als Flüchtling diese Stadt erlebt, welche Gedanken und Sorgen er sich dabei macht.

Gerne hätte er noch Mitbewohner mit auf den Rundgang genommen. Doch der eine Nachbar muss nach Griechenland, seinen Sohn holen. Ein anderer habe gerade ein Interview für seine Aufenthaltsgnehmigung. Seine Unterkunft in den ehemaligen Räumen des Hessischen Turnerbundes findet Abu Amin gut gelegen. Schnell ist über den Südbahnhof Frankfurt erreicht, wo er Feste oder Freunde besucht – und Friedberg, Sitz der Ausländerbehörde.

Auch die Innenstadt ist von der Huizener Straße schnell zu Fuß erreicht, ebenso Abus Lieblings-Discounter. Dafür hat er jedoch unter der Woche kaum Zeit. In Syrien war er Ingenieur, nun will er in Deutschland ein entsprechendes Studium nachholen. Die Sprachkurse beanspruchen viel Zeit: C1- und C2-Zertifikate hat er schon und spricht bereits gut Deutsch. Aber die Tests auch für die Ausbildung seien schwierig, „so viele Gesetze“.

320 Euro müssen reichen

Auch anderes versteht er nicht: dass zwei Brüder unterschiedlich lange Aufenthaltsgenehmigungen haben, einer ein, der andere drei Jahre. Oder dass er sich viele Dinge gar nicht leisten kann. Vor seiner Anerkennung musste Abu Amin von 320 Euro im Monat leben, davon auch Essen, Kleidung, Internet-Kosten bestreiten. Jetzt, mit der Anerkennung, sind es 404 Euro. Das Smartphone ist sein Schlüssel zur Welt, „manche zahlen dafür 30 Euro im Monat.“

Auch deswegen ist die Stadtbibliothek ein beliebter Anlaufpunkt wegen des kostenlosen W-Lan. Das Netz sei in Deutschland „nicht so schnell wie in Syrien“. Abu Amin nutzt in der Bücherei aber die Gelegenheit, seine Deutschkenntnisse durch lesen zu vertiefen. Obwohl Englisch in Syrien die erste Fremdsprache ist, möchte er sich auf dem Rundgang auf Deutsch unterhalten. Der führt auch am Freibad vorbei. Einmal sei er dort gewesen, sagt er. Aber der Eintritt von 3,50 Euro sei ihm zu teuer. Familien mit zwei Kindern müssten zwölf Euro ausgeben.

Abu Amin wünscht sich in Bad Vilbel so etwas wie den Frankfurt-Pass, womit man mit einem symbolischen Eintritt von einem Euro viele städtische Einrichtungen nutzen könne. Aber eben nicht in die IAA. Gerne würde Abu Amin sich die Auto-Ausstellung anschauen und demnächst auch einen Führerschein machen.

Doch die nächste Station zeigt, dass es nicht so einfach ist. Ein Ort, den alle Flüchtlinge kennen, das sei die Postagentur in der Frankfurter Straße, sagt Abu Amin. Das Warten auf Unterlagen für seinen Asylantrag, die Preise für Briefmarken, das ist ihm vertraut.

Ungewohnt hingegen ist das Straßenbild: keine über die Straßen verlegte Stromkabel, nach 20 Uhr ist alles ausgestorben. „Die Leute müssen früh arbeiten“, weiß er. Die Läden in der Frankfurter Straße, die Kleider, das Essen. Gut, aber teuer, findet er und vermutet, das liege an den Steuern. Von denen werden auch die Flüchtlinge finanziert. Das möchte er nicht dauerhaft, sagt Abu Amin, er wolle so bald wie möglich eigenes Geld verdienen und Steuern zahlen. Das Schlimmste sei das Warten auf Genehmigungen: „Ich habe so viel Zeit verloren.“

Türke mit deutscher Tugend

In dieser Zeit hat er Bad Vilbel und mit dem Rad auch die Umgebung erkundet. Die Brunnenstadt ist ihm sympathisch, in Frankfurt schon wieder „so viele Leute und viel Werbung“. Auch wenn dort weniger Leute leben als in der Sechs-Millionen-Metropole Damaskus. In Bad Vilbel zu leben sei gut – wenn man in Frankfurt Arbeit habe. Aber es gibt noch eine Hürde: Es gibt kaum Mietwohnungen – und schon gar nicht zu 370 Euro, das ist das, was er erstattet bekommt.

Inzwischen hat Abu Amin einen türkischen Supermarkt in der Friedberger Straße erreicht. Dort kaufe er manchmal Fladenbrot. Auch der türkische Gemüsehändler verkörpert eine deutsche Tugend: Bevor das Foto gemacht werden darf, müssen erst die Auslagen ordentlich hergerichtet werden. Am Ende des Rundgangs ist Abu Amin ziemlich zufrieden, erwartungsvoll – und skeptisch: Wegen der Flüchtlinge werde Kanzlerin Angela Merkel (CDU) es bei den nächsten Wahlen schwierig haben, befürchtet er.

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